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Kulmbach

Saisonauftakt nach Maß

Mit "Pygmalion" startet die Naturbühne in den Sommer. 350 Premierengäste erleben Glanzleistungen eines jungen Ensembles. Das Publikum dankt mit einem Riesenapplaus.



Eliza Doolittle (rechts) wird von Henry Higgins (Martin Besold) und seiner Haushälterin Mrs. Pearce (Melanie Eheim) empfangen. Fotos: Rainer Unger
Eliza Doolittle (rechts) wird von Henry Higgins (Martin Besold) und seiner Haushälterin Mrs. Pearce (Melanie Eheim) empfangen. Fotos: Rainer Unger   » zu den Bildern

Trebgast - Das war ein Einstand nach Maß! Mit dem Bühnenstück "Pygmalion" von George Bernard Shaw ist den Akteuren der Naturbühne Trebgast unter der Regie von Raik Knorscheidt ein grandioser Auftakt der Spielzeit 2019 gelungen. Insbesondere Annika Ködel in der Rolle der Eliza Doolittle legte eine exzellente schauspielerische Leistung an den Tag. Mit einem langanhaltenden, lautstarken Applaus belohnten die gut 350 Besucher das im Durchschnitt sehr junge Ensemble für eine faszinierende Leistung.

Schon beim römischen Dichter Ovid taucht die Figur des Pygmalion als Künstler auf, der eine weibliche Statue erschafft, die fast zu leben scheint und in die er sich verliebt. Venus, die Göttin der Liebe, erweckt sie schließlich tatsächlich zum Leben. Bei Ovids Zeitgenossen Virgil taucht die Thematik ebenfalls auf, wobei bei ihm Pygmalion ein Königssohn ist. Ab dem 18. Jahrhundert wandten sich zahlreiche Autoren dem Sujet zu, darunter auch Goethe mit einem Gedicht. Bei George Bernard Shaw erfuhr der Stoff eine grundlegende Veränderung. Bei ihm wird die Statue zu einem armen Blumenmädchen, dem der arrogante Sprachwissenschaftler Henry Higgins die Ausdrucksweise und das Benehmen der feinen Londoner Gesellschaft innerhalb von sechs Monaten beibringen will. Anlass ist eine Wette mit seinem Freund Oberst Pickering, in der es darum geht, die Frau nach dem Lehren der Sprechweise der High Society als Herzogin vorzustellen, ohne dass deren einfache Herkunft erkannt wird.

Vortrefflich spielt Martin Besold den unsympathischen, herablassenden Henry Higgins, der vollkommen von sich überzeugt ist, sich gerne in den Vordergrund drängt und dabei den Mund voll nimmt, wenn er beispielsweise behauptet, er könne in ganz England jeden Dialekt bis auf sechs Meilen einordnen, in London sogar bis auf zwei - wenn er nicht sogar die Straße bestimmen kann. Da kommt ihm das Blumenmädchen Eliza gerade recht, um Oberst Pickering (Tobias Seuß) gegenüber zu verdeutlichen, "ihr Gassenjargon wird sie lebenslang in der Gosse festhalten." Nun, der "Gassenjargon" ist auf dem Wehlitzer Berg unser Kulmbacher Dialekt und den akzentuierte die erst 21-jährige Annika Ködel in brillanter Weise, spielte zudem das ungebildete, ungehobelte Kind der unteren Zehntausend phänomenal (und) authentisch. Wenn sie "Leck mich doch am Ärmel" zeterte und "Ich bin a onschdändigs Madla" klarstellte, sorgte sie immer wieder für reichlich Lachen in den Zuschauerrängen.

Das erzeugte auch ihr Vater Alfred (Joachim Böhm), der "die scheußlichen Vokale und Konsonanten", die Henry Higgins bei Eliza einmal diagnostizierte, in ebensolcher Weise verwendete ganz nach dem hier etwas modifizierten Sprichwort "Wie die Tochter so der Vater." Wenn er die Higgins’sche Haushälterin Mrs. Pearce (Melanie Eheim) als "Dusnelda" titulierte und Oberst Pickering regelmäßig als "Capo", dann konnte er sich der Sympathien des Auditoriums gewiss sein. Als geradlinigem, einfach gestrickten Mann aus der Unterschicht wohnt ihm dennoch so viel Bauernschläue inne, dass er die Tatsache, dass seine Tochter nun von dem Professor für Phonetik unterrichtet wird, für sich nutzen könnte, sprich, auch für sich selbst etwas Geld heraus zu schlagen.

Die Mutter von Henry, Mrs. Higgins (Dr. Christine Kammerer), hält zunächst nicht viel von Eliza und es somit auch nicht für möglich, dass sie nach welcher Zeit auch immer als feine Dame durchgeht. Im Gegensatz zu ihrem Sohn ist sie von der Entwicklung des Mädchens schon bald überrascht und beeindruckt und entwickelt Sympathien für sie. Immer wieder ermahnt sie ihren Sohn und den Oberst, wenn sie ihnen zum Beispiel "Ihr seid wie zwei kleine Kinder, die mit einer lebenden Puppe spielen" vorwirft. Denn für Henry ist Eliza nichts weiter als ein Versuchskaninchen, sein "Meisterstück", wie er es nennt, auf das er stolz ist, vor allem, als Eliza am entscheidenden Tag bei der feinen Gesellschaft tatsächlich als Herzogin durchgeht, für das er aber keine Gefühle entwickelt. "Ich habe dieses Ding geschaffen" protzt er proletenhaft-selbstherrlich. Eliza hat sich zwar in Higgins verliebt, sie erkennt aber, dass er nur an sich selbst denkt, auf niemanden Rücksicht nimmt. So beschließt sie, ihn zu verlassen.

Die beiden Hauptdarsteller Annika Ködel und Martin Besold legten auf dem Trebgaster Kulturhügel eine herausragende Leistung hin. Aber auch die anderen Darsteller, neben den erwähnten noch Ilona Konrad, Franziska Ramschütz, Jakob Kammerer, Nikolas Gremer und Anna Plewe, wussten zu überzeugen, gingen in ihren Rollen auf. Kostüme und Maske waren von den Verantwortlichen ebenso fein ausgesucht und realisiert wie das gesamte Bühnenbild sowie die Requisiten. Die Techniker sorgten für eine feine Abstimmung von Licht und Ton und somit für ein rundes, stimmiges Ganzes.

Hatte Landrat Klaus Peter Söllner vor dem Stück, als er die 66. Saison für eröffnet erklärte, die Naturbühne als einen herausragenden kulturellen Botschafter des Landkreises bezeichnet, bekam er sich im Anschluss vor Begeisterung gar nicht mehr ein - ebenso wie Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz. Naturbühnen-Vorsitzender Siegfried Küspert meinte gar, Leute, die vor fünf Jahren noch bei den Kindervorführungen mitwirkten, seien mit dieser Leistung nun auf den Olymp gestiegen. Dem kann man nicht widersprechen, auch wenn es vorerst nur der Wehlitzer Olymp ist.

Autor

Rainer Unger
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Veröffentlicht am:
19. 05. 2019
17:38 Uhr

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19. 05. 2019
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