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Statt im Altenheim im Knast

Das Verwirrspiel der Theatergruppe Brücklein um zwei Senioren, die versehentlich hinter Gittern landen, nimmt das Publikum in Lach-Haft. Tosender Applaus ist der Lohn.



Das Versteckspiel wird im Knast zum Spießrutenlauf und endet im Chaos. Von links Alexander Jungwirth, Celine Hofmann, Carmen Stöcker, Silke Strobel und André Jurke.	Foto: Werner Reißaus
Das Versteckspiel wird im Knast zum Spießrutenlauf und endet im Chaos. Von links Alexander Jungwirth, Celine Hofmann, Carmen Stöcker, Silke Strobel und André Jurke. Foto: Werner Reißaus  

Brücklein - "Residenz Schloss & Riegel" - schon allein der Name sagte den knapp 200 Besuchern der Theaterpremiere am Sonntagabend, dass mit dieser titelgebenden "Behausung" etwas nicht stimmen konnte. So war es dann auch, denn durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ist ein Rentnerehepaar nicht in ihrer neuen Seniorenresidenz gelandet, sondern im Knast. Damit waren natürlich köstliche Missverständnisse vorprogrammiert, die die Brückleiner Theaterfans von der ersten bis zur letzten Minute begeisterten und so war es auch kein Wunder, dass die Premiere am Ende vielumjubelt war.

Das Rentnerehepaar Irmgard und Hermann war mit Carmen Stöcker und Alexander Jungwirth ein Volltreffer in der Rollenbesetzung. Es war ein unglaubliches Missverständnis, befeuert durch eine hoffnungslos überforderte Knastpsychologin, dass das Rentnerpärchen statt in die Obhut einer Seniorenresidenz auf die Station einer Justizvollzugsanstalt gebracht hatte. Die Senioren waren so überzeugt davon, tatsächlich im Seniorenheim gelandet zu sein, dass sie den Irrtum lange nicht bemerkten. Carmen Stöcker spielte die immer fröhliche, ältere Dame einfach grandios; köstlich ihre kleinen Ehe-Scharmützel mit ihrem Hermann.

Mit einem gebrochenen Bein fürchtete sie, zu Hause nicht mehr zurecht zu kommen und deshalb wurde die Nichte beauftragt, einen Platz in einer Seniorenresidenz auszuwählen. Sie berichtete: "Mein Hermann ist mir bei der Pflege so hilfreich, wie Uli Hoeness bei einer Steuererklärung." Dass die Nichte die Leiterin der besagten Justizvollzugsanstalt ist, konnte sie freilich nicht ahnen, denn die beiden hatten in der Vergangenheit nur wenig Kontakt. Und so nahm dann auch das Geschehen in der JVA seinen Lauf und das, obwohl sich Irmgard und Hermann nicht vorstellen konnten, dass ein Altersruhesitz so lieblos und so kalt eingerichtet ist, wie der, in dem sie sich irrtümlich befanden.

Auch Alexander Jungwirth spielte seinen Part als "tüdeliger Ehemann" vortrefflich. Seine Aussetzer und Verwirrtheiten beunruhigen ihn selbst aber nicht weiter, im Gegenteil, er konnte sich mit seiner Irmgard immer köstlich streiten. Zum Beispiel, wenn es um einen vermeintlichen Schwächeanfall von ihm ging, den ihm seine Irmgard vorhielt. Er sich aber an seinen ersten Schwächeanfall in seinem Leben noch ganz genau erinnert konnte: "Das war der 10. Mai 1967, als ich Dich geheiratet habe." Für sein Leben gern löst Hermann Kreuzworträtsel, gern im Dialog mit seiner Irmgard: "Teures Hobby mit sieben Buchstaben? Ehefrau, ja passt." Irmgard konterte geschickt: "Wohl eher tauchen, das hat auch sieben Buchstaben. Das hätte ich besser mal machen sollen, als wir uns kennengelernt haben - schnell abtauchen."

Die erste Aufregung gab es, als die Leiterin der JVA, Dr. Sandra Reschke, zusammenbricht, weil ihr alles zu viel ist. Annika Schott war sehr authentisch in der Rolle, immer wieder fahrig und unkonzentriert und kurz vor einem Burnout. Zunächst bemerkt niemand den Unterschied - außer der durchgeknallten, bildungsresistenten Jaqueline (Celine Hofmann) und dem ebenso einfältigen wie unschuldigen Kalle (André Jurke), zwei Häftlingen, die sich bewähren müssen, um einen dringend benötigten Hafturlaub zu erhalten. Und womit könnte man sich besser bewähren, als mit der liebevollen Umsorgung der alten Leutchen?

Dass dies vollen Körpereinsatz und manchen geschickten Winkelzug erfordert, versteht sich von selbst. Hinzu kommt, dass die Pläne von Jaqueline noch nie die erfolgreichsten waren. Celine Hofmann schlüpfte in die Rolle eines eher etwas dümmlichen Häftlings, dabei gekonnt mit derber Ghetto-Sprache, die als Gangster-Rapperin durchstarten wollte. André Jurke mimte den unschuldigen Häftling, eher ein gutmütiger Pechvogel, der für den rauen Knastalltag gar nicht gewappnet war. Es beginnt ein absurdes Verwechslungsspiel und Jaqueline müht sich damit ab, eine mitfühlende Pflegekraft zu mimen und der tollpatschige Häftling Kalle schlüpft in die Rolle eines alten Mannes, der auch in der angeblichen Seniorenresidenz lebt.

Als dann auch noch der Häftling Boris (Klaus Waldmann) und die verbitterte Justizvollzugsbeamtin Kunz (Ramona Schmittgall) sowie die "Grande Dame" Marlene von Heinrichs (Silke Strobel) auftauchen, wird das Versteckspiel immer verwirrender und endete schließlich in einem Chaos. Als "Greenhorns" spielten Celine Hofmann, Klaus Waldmann und Ramona Schmidtgall ihre Rollen gekonnt und zu Silke Strobel passte einfach die intelligente, feine Dame, die als Wirtschaftskriminelle im Knast saß. Sie treibt Boris von der Rockerbande fast zum Wahnsinn, als sie ihm beim Hanteltraining zuschaute: "Du trainierst und trainierst und ich frage mich, was dir 100 Watt im linken und im rechten Arm nützen, wenn in der Mitte trotzdem keine Birne leuchtet." Und so ganz "nebenbei" war Silke Strobel auch für die Regie zuständig. Das Stück jedenfalls nahm die Theaterfans in eine Art "Lach-Haft" - vom Anfang bis zum Ende.

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Werner Reißaus
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Veröffentlicht am:
04. 09. 2019
18:30 Uhr

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Werner Reißaus

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Veröffentlicht am:
04. 09. 2019
18:30 Uhr



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