Topthemen: Mordfall BeatriceBundestagswahlHöllentalbrückenZentralkauf weicht Hof-GalerieGerch

Kulmbach

Verdrängen anstelle von Erinnerung

Die Kulmbacher Lehramtsstudentin Lisa Hain stellt ihre Zulassungsarbeit über Formen des Erinnerns an die Außenlager des KZ Flossenbürg in der Gedenkstätte Laura vor.



Die Lehramtsstudentin Lisa Hain aus Kulmbach übergibt an Marcel Thoma, Betreuer der KZ-Gedenkstätte "Laura" in Schmiedebach, ein Exemplar ihrer Zulassungsarbeit für die Bibliothek. Foto: LRA Martin Modes
Die Lehramtsstudentin Lisa Hain aus Kulmbach übergibt an Marcel Thoma, Betreuer der KZ-Gedenkstätte "Laura" in Schmiedebach, ein Exemplar ihrer Zulassungsarbeit für die Bibliothek. Foto: LRA Martin Modes  

Kulmbach/Schmiedebach - Ein interessiertes und hoch sensibilisiertes Publikum folgte am Samstag in der KZ-Gedenkstätte "Laura" in Schmiedebach bei Lehesten einem Vortrag der Kulmbacher Lehramtsstudentin Lisa Hain. In ihrer Zulassungsarbeit bei Professor Bert Freyberger an der Universität Bamberg hatte sie sich mit den Außenlagern des Konzentrationslagers Flossenbürg und der dort heute gepflegten Erinnerungskultur auseinander gesetzt.

Martin Modes vom Presse- und Kulturamt des Landratsamtes erwähnte in seiner Begrüßung, dass mit diesem Vortrag die Verbindung zur Universität Bamberg und Geschichtsdidaktik-Professor Bert Freyberger Früchte trägt. "Es ist erfreulich, dass Lisa Hain ihren ersten öffentlichen Vortrag über dieses noch unbekannte Thema bei uns hält." Marcel Thoma, derzeit Betreuer der Gedenkstätte Laura, hatte den Vortrag organisiert.

In Schmiedebach gibt es seit Jahrzehnten eine lebendige Erinnerungskultur, die schon elf Jahre nach der Befreiung des Lagers von der Schmiedebacher Bevölkerung ausging. Die Gedenkstättenarbeit wird von der Bevölkerung sowie den politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen im Landkreis mit getragen, wobei die Aussöhnung mit ehemaligen Häftlingen im Vordergrund stand. Das heutige Dokumentationszentrum wurde vom Land-kreis Saalfeld-Rudolstadt mit finanzieller Hilfe des Landes Thüringen ausgebaut. Ein modernes Ausstellungskonzept, Gedenkveranstaltungen, Gottesdienste und pädagogische Arbeit mit Schulklassen kennzeichnen die Erinnerungskultur heute.

Im Gegensatz dazu stehen die Befunde von Lisa Hain über die Erinnerungskultur in Oberfranken. Ihren Forschungen über die KZ-Außenlager in Gundelsdorf im Landkreis Kronach, Helmbrechts im Landkreis Hof, Hof-Moschendorf, Bayreuth, Pottenstein im Landkreis Bayreuth sowie im mittelfränkischen Hersbruck/Happurg hat sie deshalb den Titel "Der Schein der Normalität" gegeben. Über die Außenlager sei in den genannten Orten wenig bekannt gewesen, erst durch Initiativen junger Menschen in den 1980er Jahren, insbesondere der evangelischen Jugend, und einiger engagierter Bürger sei das wieder ins Bewusstsein gerufen worden. Dagegen sei dieses Interesse bei vielen Menschen in den ehemaligen Außenlager-Orten auf Desinteresse und Ablehnung gestoßen, berichtete sie.

Zu den Menschen, die die Diskussion um die oberfränkischen KZ-Außenlager mit angestoßen haben, gehört der Bayreuther Journalist Peter Engelbrecht. Er hat Lisa Hain wichtiges Quellenmaterial zur Verfügung gestellt und gehörte am Samstag zu den Zuhörern. Engelbrecht kennt die Gedenkstätte Laura schon seit Beginn der 1990er Jahre. In Publikationen hat er die Geschichte entlang der innerdeutschen Grenze mit aufgearbeitet.

Lisa Hain kommt zu dem Urteil, "dass gerade die kleinen Außenlager in Vergessenheit gerieten und die Errichtung eines würdigen Gedenkortes dort bis heute schwierig ist." Neben den offensichtlichen Gründen, wie der Umnutzung oder sogar dem Abriss der für die Unterbringung genutzten Gebäude, einer schwierigen Quellenlage und Finanzierungsproblemen könne von einem bewussten Verdrängen gesprochen werden.

Positiv hob sie den vom bedeutenden Kronacher Bildhauer Heinrich Schreiber gestalteten Gedenkstein an der Straße zwischen Gundelsdorf und Knellendorf nahe Kronach hervor, der "recht gelungen ist". Auch dieser sei zwar nicht am Originalort aufgestellt worden - aber immerhin an der Strecke, die die Häftlinge täglich auf dem Marsch zur Arbeit zurücklegen mussten.

In Pottenstein sei zwar ein Dokumentationszentrum in der ehemaligen Häftlingsunterkunft, der sogenannten Magerscheune, angedacht, der Zeitpunkt der Realisierung aber unsicher. Dort ist die Lagergeschichte eng mit dem Höhlenforscher, SS-Standartenführer und Jugendfreund Himmlers, Dr. Hans Brand, verbunden, in dessen Regie fast 700 Häftlinge eine Wasserübungsfläche, den heutigen Schöngrundsee, anlegen und die Teufelshöhle erschließen mussten. Beides sind heute wichtige touristische Anlaufpunkte. "Darüber erfährt man an diesen Orten als Besucher nichts und an die Existenz des Lagers erinnert eine unscheinbare Tafel auf dem Pottensteiner Friedhof", sagte Lisa Hain.

Neben den offensichtlichen organisatorischen und finanziellen Gründen für die mangelnde Erinne-rungsarbeit stieß Lisa Hain auf ein weiteres Problem: Die meisten Außenlager entsprächen eben nicht dem Bild von Konzentrationslagern. "Es sind oft auf Betriebsgeländen oder ähnlichem provisorisch eingerichtete Lager, die selten an die planvoll angelegten Barackenstädte der Hauptlager erinnern. Auch die Herkunft der Häftlinge kollidiert mit der landläufigen Vorstellung, dass vor allem Juden unter dem Naziregime litten. Diese waren jedoch in den betrachteten Außenlagern eher selten zu finden und somit sei eine Verbin-dung zum Holocaust nicht gegeben." Das relativ späte Einsetzen der Erinnerungsarbeit der Außenlager erklärte die Studentin mit einem Generationenwechsel vor allem nach 1968.

Die spannende Zulassungsarbeit soll in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift des Historischen Vereins für Oberfranken veröffentlicht werden, Auszüge daraus könnten demnächst auch in den Rudolstädter Heimatheften nachzulesen sein.

Autor

Redaktion
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
24. 08. 2017
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Erinnerungen Evangelische Kirche Gedenkstätten Heinrich Heinrich Schreiber Häftlinge Höhlenforscher KZ Flossenbürg KZ-Gedenkstätten Konzentrationslager Lager Universität Bamberg Vorträge
Kulmbach Schmiedebach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Die angehende Gymnasiallehrerin Lisa Hain mit ihrer Zulassungsarbeit. Foto: Andreas Harbach

28.12.2016

Vom Schein der Normalität

An die einstigen KZ-Außenlager in Oberfranken erinnert heute so gut wie nichts mehr. Die Kulmbacher Lehramtsstudentin Lisa Hain zieht eine ernüchternde Bilanz. » mehr

Der sagenhafte Graf Friedrich I. von Zollern soll um das Jahr 980 so ausgesehen haben. Die detailreiche Darstellung, die feine Linienführung und der Vergleich mit anderen, bekannten Werken, führte zur Zuschreibung der drei Porträts an den Brandenburgisch-Kulmbachisch-Bayreuthischen Hofmaler Heinrich Bollandt der in Diensten Markgraf Christians stand

15.09.2017

Drei gerüstete Zollern auf der Plassenburg

Die Museen auf der Burg sind um eine Attraktion reicher: Die Staatliche Schlösserverwaltung hat drei unscheinbare, aber überaus wertvolle Gemälde angekauft. » mehr

Die AWO hat nach mehr als zweijähriger Bauzeit das ganz neu gestaltete Heiner-Stenglein-Seniorenheim in Kulmbach eingeweiht. Von links: AWO-Ehrenkreisvorsitzender Oskar Schmidt, stellvertretender Kreisvorsitzender Hartmut Rochholz, Landrat Klaus Peter Söllner, Einrichtungsleiter Ralf Hammer, AWO-Landesvorsitzender Professor Dr. Thomas Beyer, Architekt Hans-Hermann Drenske und AWO-Kreisvorsitzende Inge Aures.	Foto: Gabriele Fölsche

16.09.2017

Ein Platz voller Licht und Farben

Bei der Einweihungsfeier für das neue Seniorenheim Am Rasen waren sich alle Gäste einig: Die gewaltige Investition, die die AWO geschultert hat, hat sich mehr als gelohnt. » mehr

Die Basilika in Marienweiher. Der Markt Marktleugast ist im Landkreis Kulmbach eine von sechs Kommunen, in denen heute ein gesetzlicher Feiertag ist.	Foto: Klaus-Peter Wulf

14.08.2017

Der Himmel nimmt Maria auf

Am Dienstag ist in sechs von 22 Landkreis-Gemeinden Feiertag. Der katholische und der evangelische Dekan erklären jeweils, welche Rolle Maria in ihrer Konfession spielt. » mehr

Der Kreisheimatpfleger und Kastellan der Plassenburg, Harald Stark, befasst sich seit 1999 intensiv mit dem Verbleib der Gemälde der ehemaligen Hohenzollerngalerie auf der Plassenburg. Foto: peil

28.07.2017

Die verschwundenen Gemälde der Burg

Kastellan Harald Stark macht sich auf die Suche nach verschwundenen Kunstschätzen. Spuren führen ihn nach Russland. » mehr

Insgesamt 32 Schüler wurden an den beiden Fachschulen verabschiedet. Unser Bild zeigt Meister- und Buchpreisträger zusammen mit den Offiziellen. Vorne, Fünfter von links, Alexander Reh aus Tannfeld. Foto: Stephan Stöckel

21.07.2017

Gute Chancen auf Job im Management

Die Fachschule für Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik verabschiedet 32 frisch gebackene Techniker. Von Herbst an ist die Schule staatlich. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Musical Dr. Curio Schauenstein

Musical "Schafft mit den Curio her" | 17.09.2017 Schauenstein
» 13 Bilder ansehen

Oktoberfest in Selb

Oktoberfest in Selb | 17.09.2017 Selb
» 11 Bilder ansehen

Hof Regatta

Hof Regatta | 18.09.2017 Tauperlitz
» 26 Bilder ansehen

Autor

Redaktion

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
24. 08. 2017
00:00 Uhr



^