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Kulmbach

Völkerverständigung auf Schusters Rappen

Die deutsch-tschechische Wallfahrt von Eger nach Marienweiher war früher reine Glaubenssache. Jetzt verbindet sie Menschen unterschiedlicher Nationen. Einer, der mitgepilgert ist, erzählt.



Marienweiher/Cheb - Freitag früh um zehn nach sieben auf dem Parkplatz vor der Basilika in Marienweiher im strahlenden Sonnenschein stehen schon drei Frauen, die auf den Reisebus nach Eger/Cheb warten. Nach und nach treffen andere ein und die Teilnehmerliste wird abgehakt. Herzlich begrüßen sich Bekannte von früheren Wallfahrten und Neue werden wärmstens empfangen. Mit nur zwei Minuten Verspätung trifft die letzte Pilgerin ein und - los geht‘s.

Die Sprachbarriere überwinden: Im Bus werden von jedem erstmals 50 Euro für Busfahrt, Mittags- und Pausenverpflegung und das Begleitfahrzeug kassiert. Die Speisekarte von Schneider’s Gasthof zum Waldstein in Zell, wo wir am Samstagabend einkehren, wird herumgereicht und die Essenswünsche werden notiert. Dann bekommt jeder ein Kärtchen, auf dem vermerkt ist, wo und mit wem man die nächsten zwei Nächte schlafen wird. Kurz vor der Grenze werden die Grundgebete der Wallfahrt, das "Vaterunser" und "Gegrüßet seist du, Maria" in tschechischer Sprache geübt.

Angekommen in Eger gehen wir gleich zur Andacht in die St. Nikolaus Kirche, geleitet von Pfarrer Richard Polak aus Pilsen, der uns am ersten Tag unserer Wallfahrt begleiten wird. Pfarrer Stefan Prunhuber aus Arzberg ist auch dabei und will ebenfalls mit uns den ersten Tag gehen und mit uns am Abend nach unserer Ankunft in Thiersheim, wie im letzten Jahr, eine Messe feiern.

Neugierige Blicke: Nach dem Pilgersegen vor der Kirche brechen wir auf, betend und singend, über den Marktplatz von Eger. Vorne führen uns das Kreuz mit dem Gekreuzigten und die Tafel, auf der die Egerer Wallfahrtsfahne von beiden Seiten abgebildet ist. Wir werden mit neugierigen und überraschten Blicken durch die Stadt verfolgt. Die Egerer Wallfahrtsfahne hängt in der Basilika in Marienweiher und zeigt auf der einen Seite die Kirche in Eger mit den Schutzpatronen der Kirche und der Stadt und auf der anderen Seite die Basilika in Marienweiher, über der die Muttergottes auf einer Wolke schwebt.

Von den 24 Deutschen sind sechs Neue dabei und zusammen mit neun Tschechen, von denen auch vier Neue dabei sind, ist die erste Station, nachdem wir die Stadt verlassen haben, eine Vorstellungsrunde am Ufer des Stausees Skalka. Dann laufen wir weiter bei sommerlichen Temperaturen unter mächtigen Eichen und Ahornbäumen, betend abwechselnd auf Tschechisch und auf Deutsch, zum Blauen Kreuz in Stein/Skalka. Das Kreuz wurde zur Ehre Gottes von der damaligen deutschen Gemeinde Stein in 1905 errichtet. Pfarrer Polack spricht auf Tschechisch und auf Deutsch über "die Frucht der Stille ist das Gebet".

Erinnerungen werden wach: Nach sieben Kilometern erreichen wir die Wüstung Markhausen, die sich am oberen Ende des Stausees Skalka auf dem Gebiet eines Naturparks in der Mäanderlandschaft der Eger und Röslau befindet. Vor dem mächtigen Turm, der von diesem Ort übriggeblieben ist, hält Pfarrer Polak wieder eine zweisprachige Besinnung "die Frucht des Gebets ist der Glaube". Das Begleitfahrzeug, das von tschechischer Seite für den ersten Tag der Wallfahrt gestellt wurde, versorgt uns mit Getränken, Obst, Kuchen und belegten Broten zur Stärkung. Es sind noch vier Kilometer bis zur Grenze und dem steilen Aufstieg zur Burg in Hohenberg an der Eger.

Beim Grenzübertritt sinne ich über meine Erfahrungen im Jahr 1989 nach. Damals habe ich als Verbindungsoffizier der US-Armee für grenzbezogene Angelegenheiten hier Dienst geschoben. Und dass ich heute zusammen mit tschechischen Mitchristen einfach und ohne Kontrolle, singend und betend, über die alte, böse, mit Waffen bewachte Grenze schreite, erfüllt mein Herz mit Freude.

Erste Verschnaufpause: Nach einer Rast im Schatten der Burg in Hohenberg laufen wir gut vier Kilometer durch die Stille eines Eichenwaldes zur Fatima-Kapelle in Steinhaus. Dort werden wir begrüßt von Michael und Uschi Mehrle aus Arzberg, die dieses Kleinod mitten in der Natur betreuen. Pfarrer Polak spricht über das Thema "Die Frucht des Glaubens ist Liebe, und die Frucht der Liebe ist Dienst". Nur noch fünf Kilometer nach Thiersheim und wir haben die 26 Kilometer des ersten Tages der Wallfahrt schon geschafft.

Nach einer eindrucksvollen Messe, zelebriert von den Pfarrern Polak und Prunhuber, holen wir unser Gepäck aus dem Pfarrsaal, wo unser Reisebusfahrer es am Morgen deponiert hatte. Elf Pilger schlafen im Pfarrsaal auf dem Boden mit Schlafsäcken, die anderen sind im Gasthof "Zur Post" und der Pension Carola untergebracht. Frisch geduscht kehren wir im "Weißen Roß" ein und lassen den Tag bei einem gemütlichen Abendessen ausklingen.

So weit die Füße tragen: Um 7.45 stehen der Pilgerbüroleiter von Marienweiher, Josef Daum, und seine Frau Sylvia mit dem Kleinbus der Caritas am Marktplatz und übernehmen von den Tschechen das Geleit und die Verpflegung für den Rest der Wallfahrt bis Marienweiher. Heute hat Hans-Kurt Hohenberger aus Enchenreuth eine tragbare PA-Anlage dabei, um uns unterwegs mit Gesängen und Gebeten zu führen. Bei den Stationen für Rast und Erfrischung werden kurze Andachten auf Tschechisch und Deutsch von mir, dem Elbersreuther Robert Thern, und Jiri Kolafov aus Franzensbad gehalten, zuerst an der Friedensglocke in Rauschensteig und dann zum Mittag in der Kirche in Röslau. In Röslau hat uns der Pilgerbüroleiter mit tatkräftiger Unterstützung einiger Frauen aus der dortigen Kirchengemeinde eine üppige Brotzeit aufgetischt.

Weiter geht es Richtung Weißenstadt über Wiesen und durch den Thuswald zum Eger-Wasserfall, wo viele sich die Schuhe ausziehen und die Füße im kühlen Nass verwöhnen. Singend und betend an der Kirche in Weißenstadt angekommen, stellt sich die Frage: Wer schafft es nicht mehr über den Waldstein nach Zell und möchte im Begleitfahrzeug mit dem Gepäck fahren? Nach einigem Hin und Her sind es nur zwei. An einem sommerlichen Samstagnachmittag wallen wir singend und betend am Ufer des Weißenstädter Sees vorüber. Wieder folgen uns viele neugierige und überraschte Blicke von den Ausflüglern am See. Werden manche zum Nachdenken angeregt?

Von der Bedeutung des Wassers: Der Aufstieg zur Saalequelle erweist sich als nicht zu anstrengend. Mitten im Wald an der Quelle halten wir eine Andacht. Wir machen uns Gedanken über das Wasser, das wir in der heutigen Zeit für selbstverständlich halten, und das lebendige Wasser von der Quelle unseres Herrn Jesus Christus. Jeder nimmt einen Becher des kalten Quellwassers, trinkt ganz bewusst und denkt über die Bedeutung des Wassers für unser Leben nach. Nur noch zwei Kilometer bergab nach Zell und wir haben die längste Strecke unserer Wallfahrt geschafft. Unser Gepäck wartet auf uns und wir verteilen uns im Gasthof "Zum Waldstein", im "Roten Roß" und im St. Heinrichs-Jugendhaus, die alle am Marktplatz von Zell beieinander liegen.

Im Untergeschoss des St. Heinrichs Jugendhauses befindet sich, wie in einer Krypta, eine stimmungsvolle Kapelle. Hier halten wir am nächsten Morgen um 8 Uhr ein Morgenlob. Dabei erinnern wir uns an den im letzten Jahr verstorbenen Alfons Hahn aus Schwand, der 2008 bei den ersten Begegnungen in Eger zum Zweck der Wiederaufnahme der Wallfahrt dabei war. Die Wallfahrt wurde 1745 zum ersten Mal in Dankbarkeit für die Verschonung der Stadt Eger in Kriegswirren begangen und wurde jedes Jahr wiederholt, bis der Erste Weltkrieg und neue Grenzen sie unmöglich machte.

Stärkung inbegriffen: Über den Haidberg und durch Grossenau geht es nach Mödlenreuth zum Ferienhof Täuber, wo Familie Wagner uns begrüßt und unser Pilgerbüroleiter uns wieder eine üppige Brotzeit vorbereitet. Wir halten hier eine Stunde Rast bevor wir die letzte Etappe über die Bucheckeinzel und Tennersreuth in Stammbach ankommen. In Stammbach werden wir von der kleinen Katholischen Kirche eingeläutet und unter Begleitung der Feuerwehr von Marienweiher überschreiten wir die Landkreis- und ehemalige Konfessionsgrenze, wo wir auf dem Hof der Familie Pezold in Roth, wie in vergangener Zeit, mit Brot und Quellwasser begrüßt werden.

Die Feuerwehr hat Tische und Bänke aufgestellt. Körbe mit frischem Bauernbrot und Krüge mit kaltem Quellwasser stehen auf den Tischen. Andere Gläubige sind gekommen, um unter der Begleitung des Musikvereins Marktleugast die letzten vier Kilometer nach Marienweiher mit uns zu gehen. Auch ein Bus mit Gläubigen aus Eger ist angereist. Erhard Hildner, ehemaliger stellvertretende Landrat und Bürgermeister von Presseck, der auch 2008 bei den ersten Begegnungen in Eger dabei war, spricht von der Bedeutung der Wallfahrt. Franz Uome, Bürgermeister von Marktleugast, erinnert in seiner Begrüßung an den Zweiten Weltkrieg, der an diesem Sonntag vor 80 Jahren ausbrach, und daran, wie wichtig heute solche grenzübergreifenden Freundschaften zwischen Menschen aus Deutschland und Tschechien sind.

Mit Tränen in den Augen am Ziel: Nur noch ein paar Kilometer über den alten Wallfahrtsweg durch den Wald nach Steinbach, noch eine kurze Andacht am Wegkreuz, und die Basilika, das Ziel, das leuchtet, ist schon im Blick. Mit Tränen in den Augen, und das nicht wegen der schmerzenden Füße und Beine, kommen wir in Marienweiher an. Pfarrer Prunhuber, jetzt nicht in Wanderklamotten, sondern im feierlichen Gewand, zusammen mit dem aus Pilsen angereisten Bischof Thomas Holub feiert mit uns die Wallfahrtsmesse. Anschließend feiern die zwei Geistlichen mit uns allen in der Klosterbräu in Marienweiher ein gemütliches Beisammensein zum Abschluss der dreitägigen Wallfahrt.

Autor

Robert Thern
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Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
18:14 Uhr

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Autor

Robert Thern

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Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
18:14 Uhr



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