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Kulmbach

Von Siebenern und Pilzen

Marktschorgaster Bürger schreiten gemeinsam mit Feldgeschworenen die Gemeindegrenzen ab. Dabei erfahren sie viel Interessantes über die Arbeit der Siebener.



Ob Bürgermeister Hans Tischhöfer (im karierten Hemd) es auch so sieht, dass der durch den roten Punkt gekennzeichnete mächtige Baum der Marktgemeinde Marktschorgast gehört?	Foto: Bruno Preißinger
Ob Bürgermeister Hans Tischhöfer (im karierten Hemd) es auch so sieht, dass der durch den roten Punkt gekennzeichnete mächtige Baum der Marktgemeinde Marktschorgast gehört? Foto: Bruno Preißinger  

Marktschorgast - Eine Grenzbegehung ist nicht nur informativ, sondern auch erlebnisreich. Mit Grenzen, deren Kennzeichnung, Beschreibung und Schutz beschäftigen sich die Menschen nachweislich seit über 3000 Jahren. Grenzfrevlern drohten früher teilweise drakonische Strafen. Ohne Grenzen wären Rechte an Grund und Boden nicht vorstellbar.

In Marktschorgast machten sich jetzt die fünf Gemeinderäte Ulrich Reinhardt, Andree Barth, Brigitte Müller, Ottmar Popp und Heinrich Günther sowie einige Bürger - insgesamt 22 an der Zahl - unter Führung von Bürgermeister Hans Tischhöfer auf den Weg, um den Grenzverlauf der Gemarkung Marktschorgast unter die Lupe zu nehmen. Dies wurde gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit. Mit von der Partie auf der Tour, die sich über acht Kilometer bei Überwindung von einhundert Höhenmeter erstreckte, waren von den sieben Marktschorgaster Feldgeschworenen die Gemeinderäte Ulrich Reinharth und Heinrich Günther sowie der 82-jährige Feldgeschworenen-Obmann Richard Rupprecht, der ab Singerweiher bis zur Einkehr um 13.15 Uhr im ASV-Sportheim mitmarschierte.

Eigentlich war die Einkehr bereits um 12.30 Uhr geplant. Die Verspätung ist wohl darauf zurückzuführen, dass einige Bürger die wiederholten Appelle des Bürgermeisters, "Bitte sammeln", wohl als "Pilze sammeln" verstanden haben mussten. Ist ja auch kein Wunder, denn die Maronen sprießen derzeit. Die Sammler hielten sich aber an die Vorgabe, nicht mehr als die erlaubte Menge zu bunkern.

Apropos Feldgeschworene: Trotz heute moderner Vermessungsmethoden kommt ihnen - sie werden auch "Siebener" genannt - eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Grundeigentümern und Vermessungsbehörden zu. Sie gehören bei Vermessungs- und Markierungsarbeiten zum Team. Bereits im 16. Jahrhundert fasste der Feldgeschworene in den Kanzleien der Behörden Fuß. Der Ausdruck findet sich zum Beispiel in Steinsetzordnungen des Würzburger Bischofs Julius Echter im Jahre 1581. Voraussetzung für die Bestellung zum Feldgeschworenen im 19. Jahrhundert war, dass der Betroffene "nicht ein rachgieriger und unverschämter Erdenwurm ist", dass er "die Gränze seiner Nachbarn zu Dorf und Feld in Ordnung belaset, nicht ein Säufer, ein Spieler, ein Streiter und Schwärmer ist; ein ruhiger, gelassener bey jedem entstehenden Streit gesetzter Mann ist; einen guten richtigen Ausspruch über entstandene Streitigkeiten fällen kann; ein guter Hauswürth, ein gewissenhafter Mann, der sein Vermögen auf eine rechtmäßige Art zu vermehren suchet und im Rechnen und Schreiben erfahren ist".

Entsprechend der Zahl der Mitglieder hieß das Kollegium der Feldgeschworenen eines Dorfes oder einer Gemeinde auch die "Siebener". Die Zahl Sieben ist nicht durch Zufall entstanden oder nach Gesichtspunkten der Praxis gewählt. Ihr haftet etwas Mystisches an, in ihr liegt mehr als eine numerische Bedeutung. Die Sieben hat den Menschen von alters her fasziniert. Sie galt bei den frühesten Kulturen als die heilige Zahl der Vollkommenheit. Den Babyloniern wie den Ägyptern bedeutete das Zeichen Sieben Ganzheit und Fülle.

Nach dem Abmarkungsgesetz aus dem Jahr 1981 werden die Feldgeschworenen oder Siebener vom Bürgermeister verpflichtet. Die bayerischen Vermessungsämter sehen in den Feldgeschworenen, von denen regelmäßig einer oder zwei, selten mehr bei Vermessungen anwesend sind, eine wertvolle Hilfe. Die Feldgeschworenen bereiten den Vermessungstermin vor, sorgen für die Bereitstellung der Grenzsteine und Geräte.

Nachdem das Amt der Feldgeschworenen, wie Franz Simmerding schreibt, "eine Domäne der Männer gewesen war, sind seit den 80er-Jahren auch einige Frauen in die Feldgeschworenenkollegien gewählt worden. Das Vorurteil, das von Seiten der Feldgeschworenen zu hören war, Frauen seien zu geschwätzig, als dass man ihnen das Siebenergeheimnis anvertrauen könne, scheint endlich überwunden zu sein." Und der örtliche Feldgeschworene Ulrich Reinhardt sagt über Frauen als Felgeschworene: "Von Geschwätzigkeit kann nicht die Rede sein." Er will sich nicht genau festlegen, aber er glaubt, dass im Landkreis Kulmbach weniger als fünf Frauen in Feldgeschworenenkollegien tätig sind. Die Feldgeschworenen legen die sogenannten Siebenerzeichen in bestimmter, nur ihnen bekannter Weise unter die Grenzsteine, um so eine unerlaubte Versetzung des Steins jederzeit feststellen zu können.

Das Zerstören, Verrücken und Fälschen von Grenzmarken wurde früher durchwegs als schweres Vergehen, als großer Frevel angesehen und im Mittelalter mit der Todesstrafe belegt. Noch im Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1813 heißt es: "Wer die zur Bezeichnung der Grenze liegender Grundstücke bestimmten Zeichen vorsätzlich vernichtet, oder unkenntlich macht, dieses geschehe durch Ausfüllung der Grenzgräben, durch Umackern der Feldraine, durch Ausgraben, Umwerfen, Abhauen der Grenzsteine oder Malbäume, oder auf was immer für Art und Weise, soll nicht nur die Kosten zur Wiederherstellung der Grenze tragen, und alle Kosten der aus Unsicherheit der Grenze entstandenen Prozesse und Streitigkeiten ersezen, sondern auch mit Gefängniß und zwar, wenn diese Handlung aus Muthwillen geschehen, auf einen bis drei Monaten, wenn sie aber aus Eigennutz, Rachsucht und dergleichen verübt worden, auf sechs Monate bis zu zwei Jahren bestraft werden."

Als Abschreckung und Mahnung entstanden zur Unterstützung der Rechtsordnung zahlreiche Sagen, die Rechtsbrechern auch nach dem Tod Vergeltung in Aussicht stellten. So müsse der Grenzfrevler nach dem Tode büßen und finde im Grab keine Ruhe. Mitunter treibe er als Geist an der Stätte seines Vergehens sein Unwesen.

Die Scheu und Achtung, die einst die Menschen dem Grenzstein entgegenbrachten, fanden auch im Aberglauben ihren Niederschlag, wie zum Beispiel: "Wer einen Grenzstein verrückte, konnte sicher sein, im Laufe des Jahres sterben zu müssen. Auch durfte man sich nicht darauf setzen, wenn man nicht ein Unglück über sich heraufbeschwören wollte.

Autor

Bruno Preißinger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 10. 2019
17:20 Uhr

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Bruno Preißinger

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Veröffentlicht am:
18. 10. 2019
17:20 Uhr



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