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Kulmbach

Wenn Kinder einfach anders sind

Autismus wird meist sehr spät erkannt, die Diagnose stößt bei Mitmenschen oft auf Unverständnis. Für betroffene Eltern gibt es in Kulmbach jetzt eine Selbsthilfegruppe.



Eine Initiative beziehungsweise Selbsthilfegruppe von Eltern mit autistischen Kindern trifft sich regelmäßig im Haus der Gummi-Stiftung in Kulmbach. Sie ist für weitere Betroffene offen.	Foto:kdk
Eine Initiative beziehungsweise Selbsthilfegruppe von Eltern mit autistischen Kindern trifft sich regelmäßig im Haus der Gummi-Stiftung in Kulmbach. Sie ist für weitere Betroffene offen. Foto:kdk  

Kulmbach - Autisten sind etwas andere Menschen als "normale". Sie leben in ihrer eigenen Welt, die sie zur normalen Welt und Umgebung mehr oder minder öffnen - oder auch verschließen. In Kulmbach hat sich eine Elterninitiative mit von diesem Syndrom betroffenen Kindern gebildet. Sie trifft sich nach Absprache untereinander regelmäßig und ist offen für weitere Eltern, die den Verdacht haben, dass ihre Kinder anders als die anderen sind, oder auch Eltern von Kindern sind, die bereits die Diagnose Autismus haben.

Kontakt

Wer der Kontakt mit der Elterninitiative aufnehmen will oder eines der Treffen besuchen möchte, kann sich bei Elsbeth Oberhammer in der Geschwister-Gummi-Stiftung melden: oberhammer@gummi-
stiftung.de oder 09221/8011816.


Bei den Treffen geht es um Erfahrungsaustausch - wie man mit den Kindern angemessen umgehen und sie fördern kann, aber auch wie man den Behördenweg am besten geht. Denn Probleme gibt es spätestens mit der Einschulung der Kinder, wenn sich herausstellt, dass der standardisierte Schulbetrieb mit solchen besonderen Kindern nicht zurecht kommt. Bei entsprechender anerkannter Diagnose haben sie einen Anspruch auf einen Schulbegleiter, doch der Weg dahin ist unter Umständen lang.

Autisten fällt es schwer, soziale und emotionale Signale richtig zu deuten und darauf zu reagieren. Das besondere Verhalten von Autisten zeigt sich im Kontakt oder Nichtkontakt mit der Außenwelt und hat nichts mit der Intelligenz der Betroffenen zu tun. Im Gegenteil: Manche Autisten zeigen sogar phänomenale Spezialbegabungen. Wie der Brite Stephen Wiltshire, der in einem Experiment mit dem Hubschrauber über Manhattan geflogen wurde und danach ein perspektivisches Panorama der Stadt in allen Einzelheiten zeichnete. Zu Hause ist er allerdings nicht einmal in der Lage ist, sich selbst ein Sandwich zu machen.

Solche Talente der Betroffenen auch in deren eigenem Sinne zu nutzen ist schwierig. Asperger ist eine Form des Autismus, mit ausgeprägt guten sprachlichen Fähigkeiten; "Asperger" neigen dazu, Dinge absolut wörtlich zu nehmen. Im 2011 in Berlin gegründeten Software-Unternehmen "Auticon" arbeiten allerdings ausschließlich Menschen mit dem Asperger-Syndrom daran, versteckte Fehler in Computer-Programmen zu finden. Für "Auticon" ist die Diagnose "Autismus" keine Behinderung, sondern ein Einstellungskriterium.

Asperger ist die Diagnose für den Sohn von Frau A. (alle Namen zum Schutz der Kinder geändert): Der konnte sich zum Beispiel nicht zurückhalten, einer Mutter ins Gesicht zu sagen, dass ihr Baby stinkt, oder eine alte Dame darauf hinzuweisen, dass sie im Gesicht sehr faltig ist. Tatsächlich hatte er ja recht. Dass "man" so etwas Leuten nicht sagt, ist aber außerhalb seiner Welt. In der Schule kommt ihr Sohn mit einem Begleiter nun gut zurecht, erzählt Frau A. Allerdings wurde sie auch schon in die Schule gerufen, da ihr Sohn dringend aufs Klo musste, wogegen er sich aber, selbst mit Schulbegleiter, vehement sperrte. Auch Pausen sind für ihren Sohn unmöglich. Er empfindet es als Chaos, wenn die anderen Schüler herumlaufen.

So war es auch für den Sohn von Familie B. Er hatte schon immer sehr empfindlich auf Geräusche reagiert. "Ich habe schon früh gemerkt, dass mit unserem Kind irgendetwas anders ist", sagt seine Mutter, und ihr Ehemann ergänzt, wie "unfassbar lange" das Kind zum Umziehen brauchte. Mit drei Jahren konnte es Hausnummern lesen, "woher er das gelernt hat, wissen wir nicht", aber Schule ist für ihn völlig unmöglich: Die Geräusche, das Chaos in der Pause habe er nicht ausgehalten. Viele Jahre habe es gedauert, bis bei ihrem Kind Autismus diagnostiziert wurde. Nach viel Unverständnis - auch im Jugendamt - und langwierigen Gerichtsverhandlungen hat das Kind jetzt eine Dauerkrankschreibung und kann zu Hause beschult werden. Und das funktioniert.

Der Sohn von Frau C. hingegen geht durchaus normal in die Regelschule. Ihm steht eine Schulbegleitung zur Seite. Frau C. hat sehr früh bemerkt, dass ihr Sohn "irgendwie anders" ist und hatte bereits zur Einschulung die Lehrer entsprechend darauf hingewiesen. Der jetzige Zweitklässler hat von Anbeginn an eine Schulbegleitung. An manchen Tagen ist es dennoch sehr schwer für ihn. Besonders in der Pause, wenn alles durcheinander ist. Der Junge könne zwar sehr gut lesen und rechnen, langweile sich aber oft in der Schule.

"Asperger hat tausend Gesichter. Es ist nicht bei jedem gleich. Das macht es manchmal so schwierig", sagt Mutter A. "Das muss er doch können", bekommen die Eltern häufig zu hören. "Leider glauben immer noch viele Menschen, die mal eine Fortbildung in diesem Bereich gemacht haben, sie wüssten was in unseren Kindern vorgeht", beklagt sie. Die Diagnose werde sehr oft angezweifelt. Zum Beispiel, wenn ihr Kind jemandem doch direkt ansieht, dann kommen selbst Spezialisten Zweifel an einer Autismus-Diagnose, von der sie nur wissen, dass Autisten keinen Außenkontakt knüpfen können. Autismus ist ein Einschränkungs-Spektrum, das bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.

Autor
Klaus Kaschka

Klaus Klaschka

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Veröffentlicht am:
02. 12. 2019
17:52 Uhr

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Klaus Kaschka

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Veröffentlicht am:
02. 12. 2019
17:52 Uhr



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