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Kulmbach

Wie bei Oma Betty

Das Wirtshaus in Muckenreuth lebt - vom Wirtshaussterben ist im dem Dorf nichts zu spüren. Bernd Seiler und Sigrid Michel betreiben nun die Gaststätte.



Bernd Seiler und Sigrid Michel haben zur Freude ehemaliger Stammgäste und vieler neuer Gäste das Muckenreuther Wirtshaus wieder eröffnet. Fotos: mb
Bernd Seiler und Sigrid Michel haben zur Freude ehemaliger Stammgäste und vieler neuer Gäste das Muckenreuther Wirtshaus wieder eröffnet. Fotos: mb  

Neudrossenfeld - Jeder, der in den Landgasthof Werner kommt, wird per Handschlag begrüßt. "Hallo, Grüß Gott, ich bin die Siggi Michel", stellt sich die Wirtin vor. In der Gastwirtschaft geht es familiär zu, die Wirtsleute Bernd Seiler (61) und Sigrid Michel (60) sind mit den meisten Gästen per Du. Der Vertriebsingenieur und die Bankkauffrau haben ihre Jobs an den Nagel gehängt und das Gasthaus in Muckenreuth bei Neudrossenfeld gerettet. Wären beide nicht eingestiegen, gäbe es in dem Dorf mit 70 Einwohnern keine Einkehr mehr.

Das Wirtshaus trägt noch immer den Namen von Betty Werner, und darauf sind beide stolz. "Die Betty", wie beide sie respektvoll nennen, war die Oma von Bernd Seiler. Hochbetagt stand sie noch hinter dem Tresen. Als sie 2008 im stolzen Alter von 90 Jahren starb, übernahm Seilers Mutter Utta Hübner das Lokal. Nach ihrem Tod 2017 war die Kneipe eineinhalb Jahre geschlossen. Seiler machte einen "klaren Schnitt" und führt zusammen mit seiner Lebensgefährtin Sigrid Michel seit dem 16. Oktober 2018 die Gastwirtschaft. "Wir sind ein echt fränkischer Gasthof", sagen beide mit Stolz. Die Qualität des Angebots wie Braten und Klöße sowie die Gastfreundschaft stehen an erster Stelle. "Bei uns gibts kein Soßenpulver", versichert Michel. Die Stammtischler kehrten zurück, kommen schon am Freitagnachmittag oder am Sonntag Vormittag zum Frühschoppen und zum Karten spielen. Der Stammtisch gegenüber vom Tresen nennt sich "Scharfes Eck", so jedenfalls steht es in roter Schrift an der Lampe über dem Holztisch, ein zweiter gehört dazu. Der Name kommt von einer scharfen Straßenkurve, die früher am Gasthaus vorbeiführte. 20 Mann zwängen sich hier auf der durchgängigen Eckbank zusammen. Ein Wunder, dass so viele Leute an zwei Tische passen. Eine alte Klingel, ein zufälliges Fundstück, hilft den durstigen Stammtischlern, den Wirt zu rufen. Bernd Seiler war bei einem Motorenhersteller in München beschäftigt, kehrte in die Heimat zurück, um Gastwirt zu werden. Er ist gebürtiger Bayreuther, aufgewachsen in Neudrossenfeld.

Seine Lebensgefährtin kam in Kronach zur Welt und wuchs in Seibelsdorf im Landkreis Kronach auf. Der Wirt trägt schwarze Hosenträger, dunkle Hose und ein weißes Hemd, die Wirtin zeigt sich im dunklen Business-Look.

Die Gastwirtschaft mit 100 Plätzen, einem Gästehaus mit zwölf Zimmern und einem Biergarten liegt unweit der viel befahrenen B 85 zwischen Bayreuth und Kulmbach. Hier kehren Radfahrer ein, die auf dem Main-Radweg unterwegs sind; Wanderer, die von Niederbayern nach Kassel laufen; oder Jäger, die in Oberfranken auf die Jagd gehen. Das Inventar hat sich im Vergleich zur Zeit von Betty Werner kaum verändert. In der Wirtsstube dominiert helles Holz, das etwas dunklere Eichenholzparkett ist 50 Jahre alt und noch gut erhalten. "Alles wie bei Oma Betty", meinen beide.

Das Wirtshaus wurde 1956 erbaut. Neu hingegen ist das künstlerische Flair. So etwa die Häuser-Bilder an der Wand, die der Hornungsreuther Künstler Stephan Klenner-Otto gemalt hat. Und ein zweiter Künstler zeigt hier im Oktober und November seine Werke: Pavel Fedorov aus St. Petersburg. Der junge Maler erschafft Ölbilder mit Naturmotiven, malt aber auch fotografisch genaue Motive von Thurnau oder Kulmbach. Er stellte im Frühjahr in der Galerie im Eishaus am Drossenfelder Bräuwerk aus, lernte zufällig die Wirtsleute kennen. Mittlerweile gehört er zur Familie, hilft mit. Zehn Wochen wird er in Deutschland bleiben, dann läuft sein Visum aus. 2000 Kilometer sind es bis St. Petersburg.

Der Neustart mit dem Wirtshaus ist nicht einfach. "Das ist ein schwerer Job", meint Bernd Seiler. Das Rauchverbot hat die Lust aufs Wirtshaus nicht gerade gefördert, die Leute setzen sich mit dem Bier lieber vor den Fernseher. "Der Personalaufwand ist enorm, man weiß nie, wie viele Gäste kommen und auf was sie Appetit haben", beschreibt Sigrid Michel die Situation. "Das ist ein schwieriges Geschäft", fügt sie hinzu. Vorerst ist von Donnerstag bis Sonntag geöffnet, in der Küche steht ein Koch oder Michel selbst. Manche Wirte mögen keine Schafkopfspieler, weil sie zu wenig Umsatz machen, doch in Muckenreuth sind sie willkommen. "Es war mein Traum, mal eine Gastwirtschaft zu übernehmen", erzählt Sigrid Michel. Bernd Seiler sieht es nüchterner: "Ich machs halt". Es gehe darum, das Erbe der Oma zu erhalten. Natürlich tun sich Dorfwirtshäuser im Allgemeinen schwer: Die gesamte Familie muss mithelfen (und sich ein Stück selbst ausbeuten), die Arbeitszeit ist lang und häufig gibt es einen Renovierungsstau.

Was macht einen guten Wirt aus? "Das kann man nicht lernen. Der Gast muss einfach im Mittelpunkt stehen", ist Bernd Seiler überzeugt. Auch wenn die Gäste manchmal bis früh um 2 Uhr sitzen, muss er freundlich bleiben. Seiler ist Nachtmensch, das macht ihm nichts aus. "Solange wir gesund sind, werden wir weitermachen", sagen beide. Wirtshaussterben? In Muckenreuth kein Thema.

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Peter Engelbrecht
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Veröffentlicht am:
23. 12. 2019
17:08 Uhr

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Peter Engelbrecht

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Veröffentlicht am:
23. 12. 2019
17:08 Uhr



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