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Kulmbach

"Wir sind da wirklich in einem Dilemma"

In der Altenpflege fehlt es an Personal. Manche Heimplätze können nicht mehr besetzt werden. Die Politik muss das lösen, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold.



In der Altenpflege fehlt es an Personal. Und trotzdem können nicht immer Vollzeitstellen angeboten werden. Symbolfoto: Peter Steffen/dpa
In der Altenpflege fehlt es an Personal. Und trotzdem können nicht immer Vollzeitstellen angeboten werden. Symbolfoto: Peter Steffen/dpa   » zu den Bildern

Herr Dippold, die personelle Situation in der Altenpflege bleibt angespannt. Ein wesentlicher Punkt sind die gesetzlich festgelegten Personalschlüssel, die vorschreiben, wie viele Fachkräfte vorhanden sein müssen und die sich ändern, wenn sich die Pflegegrade der Bewohner ändern. Welche Auswirkungen hat das?

Drei Heime

Jürgen Dippold ist als Geschäftsführer des Kreisverbandes des BRK in Kulmbach auch für den Bereich Altenpflege verantwortlich. Das BRK betreibt drei Seniorenheime im Landkreis Kulmbach: Das Dr.-Julius-Flierl-Seniorenheim in Marktleugast, das Haus Rotmaintal in Neudrossenfeld und das Bürgerhospital in Kulmbach. Darüber hinaus ist das BRK auch der Träger der Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe in Stadtsteinach.


Die festen Personalschlüssel sind grundsätzlich zu begrüßen, um einen Mindeststandard an Qualität zu erhalten. Das sichert den Bewohnern und auch den Patienten eine fachlich hochwertige Pflege. Unser Problem aus Trägersicht in den Altenheimen ist, dass wegen des Personalmangels, der fehlenden Menschen, die in der Pflege arbeiten wollen, diese Untergrenzen oft nicht eingehalten werden können und dadurch Betten leer bleiben.

Pflegeplätze werden dringend gesucht. Es kommt nicht selten vor, dass Angehörige verzweifelt sind, weil sie keine Einrichtung finden, die den Vater oder die Mutter aufnehmen kann. Heißt das, in Altenheimen sind Zimmer frei, aber sie können nicht vergeben werden?

Genau. Das passiert immer wieder. In der Altenpflege, also in den Heimen, ist es so, dass sich diese Personalschlüssel nach den individuellen Pflegegraden des Bewohners richten. Ich habe eine gewisse Anzahl an Betten in einem Altenheim und habe im Idealfall alle Betten belegt. Auf dieser Basis kann man aber noch nicht sagen, wie hoch die Fachkraftquote ist. Es kommt darauf an, wie viele Bewohner sind in welchem Pflegegrad. Wenn ich ein Haus mit 50 Bewohnern habe, in dem alle im höchsten Pflegegrad sind, habe ich eine andere Fachkraftquote, als wenn ich im selben Haus vielleicht nur zur Hälfte Bewohner in der höchsten Pflegestufe habe. Das macht schnell mal drei oder gar vier Vollzeitstellen aus.

Kann es passieren, dass eine Einrichtung in Personalnot kommt, weil bereits vorhandene Bewohner von einem Tag auf den anderen in einen höheren Pflegegrad eingestuft werden?

Das ist richtig. Eine Lösung dieser Situation ist leider nur möglich, indem man das auf dem Rücken der Mitarbeiter austrägt. Wir können aus diesem Erfordernis heraus den Mitarbeitern in der Regel keine Vollzeitstellen geben. Wir bekommen nur den Pflegetag bezahlt. Wenn jetzt beispielsweise ein Bewohner mit einem hohen Pflegegrad stirbt und wir nicht schnell wieder einen Bewohner mit ebenfalls hohem Pflegegrad bekommen, hätten wir zu viel Personal, das nicht finanziert ist. Natürlich schauen wir, dass wir möglichst schnell die Altenheimplätze wieder anbieten. Aber meist kommen dann Bewohner mit niedrigeren Pflegegraden. Entsprechend weniger Fachkräfte muss ich dann aber vorhalten.

Das klingt eher nach einem System, das vielleicht der Bürokratie gerecht wird, statt sich an den tatsächlichen Bedürfnissen alter Menschen zu orientieren?

Genau so ist es. Es fehlt hier wirklich an einer pragmatischen Lösung. Zum Beispiel, indem man sagt, ein Seniorenheim hat eine bestimmte Anzahl genehmigter Plätze und man geht von einem bestmöglichen Qualitätsstandard aus und verhandelt einen bestimmten, stabilen Personalschlüssel. Das wäre eine Lösung, um den Beruf und das Berufsbild für die Pflegekraft in einem Seniorenheim attraktiver zu machen.

Genau das ist ja bereits seit langem ein großes Problem. Es gibt zu wenig Bewerber um die vielen Stellen, die angeboten werden. Was ist denn der Grund, dass das nicht schon längst konkrete Reaktionen ausgelöst hat?

Wir können für uns sagen, wir haben alles dafür getan, um die Arbeitsbedingungen für unsere Pflegekräfte so attraktiv zu gestalten, wie es nur geht. Dazu gehört selbstverständlich ein Tarifvertrag mit einer guten Entlohnung. Unsere Pflegekräfte sagen häufig, sie kämen gut zurecht, wenn sie dauerhaft Vollzeit arbeiten könnten. Sodass es auch möglich ist, eine Familie zu gründen und deren Einkommen zu sichern. Es liegt nicht am grundsätzlichen Einkommen. Wir bezahlen gute Tariflöhne, vergleichbar mit dem Tarif EG7 im öffentlichen Dienst. Da sind wir wirklich in einem hochwertigen Vergütungsverhältnis. Aber wir können den jungen Menschen, die sich für den Beruf entscheiden, regelmäßig keine Vollzeitstellen anbieten. Das macht es im Wesentlichen im Bereich der Altenpflege so schwierig.

Ist denn Land in Sicht? Wird sich bald etwas ändern?

Wir kommunizieren dieses Problem in alle Richtungen. Das ist eine politische Geschichte. Nur dort kann das geändert werden. Da braucht man sowohl Regelungen im Bund wie auch im Land. Der Bund gibt die Rahmenrichtlinien vor, übrigens auch für die Finanzierung. Die Länder müssen es umsetzen. Genau in diesen Bund-Länder-Gesprächen befinden wir uns gerade. Die gestalten sich wegen der unterschiedlichen Interessenlagen mitunter recht schwierig.

Konkret: Ein Zeitpunkt, wann sich etwas ändert, ist noch völlig offen?

Wir sind da wirklich in einem Dilemma. Wir sehen auf der einen Seite durchaus junge Menschen, die sich für den Pflegeberuf interessieren. Wir betreiben in Stadtsteinach ja eine Pflegeschule. Die ist hervorragend nachgefragt. Wir haben kein Problem, die vorhandenen Schulplätze auch zu besetzen. Wir planen sogar eine Erweiterung. Aber wir sehen, dass viele nach der Ausbildung nach Alternativen suchen, wo sie Vollzeitstellen bekommen. Das ist derzeit aber leider in der Altenhilfe nicht möglich. Denn auf der anderen Seite kommt es sehr häufig vor, dass wir Bewohner nicht aufnehmen können, weil Personal fehlt. Das hat sich in den vergangenen Jahren verstetigt.

Es gibt leere Plätze in Heimen, die nicht besetzt werden können, weil Personal fehlt. Macht es dann überhaupt noch Sinn, über weitere neue Pflegeeinrichtungen nachzudenken?

Es gibt zunächst einmal das Entwicklungskonzept 2020 und das seniorenpolitische Gesamtkonzept. Wenn man sich an den Zahlen orientiert, hätten wir eigentlich eine ausreichende Anzahl an stationären Pflegeplätzen. Aber wenn man in die Zukunft schaut, müssten wir aus demografischen Erwägungen sagen, wir bräuchten mehr stationäre Pflegeplätze. Aber wir brauchen dazu auch das Personal. Das ist momentan ja schon in den vorhandenen Einrichtungen nicht ausreichend vorhanden. Also macht es augenblicklich keinen Sinn, über weitere Heime nachzudenken.

Das Gespräch führte Melitta Burger.

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
16. 06. 2019
16:30 Uhr

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Melitta Burger

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Veröffentlicht am:
16. 06. 2019
16:30 Uhr



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