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Kulmbach

Ziegel-Nostalgie gegen Beton-Moderne

Soll man die alte Mälzerei Müller erhalten? Darüber streiten sich in Kulmbach derzeit die Geister. Architektur, sagt Tino Heß, verändert sich. Die Sanierung sei zudem unbezahlbar.



Von vorne sieht die Fassade noch am besten aus. Doch schützenswert ist sie nicht, sagt der Denkmalschutz. Das liegt unter anderem daran, dass an dem Gebäude schon viel verändert wurde. Foto: Gabriele Fölsche
Von vorne sieht die Fassade noch am besten aus. Doch schützenswert ist sie nicht, sagt der Denkmalschutz. Das liegt unter anderem daran, dass an dem Gebäude schon viel verändert wurde. Foto: Gabriele Fölsche   » zu den Bildern

Kulmbach - Architektur, sagt der Kulmbacher Architekt Tino Heß, ändert sich. "Auch die Pyramiden hatten ihre Zeit. Aber das macht man nicht mehr." Tino Heß steht mit seinen Arbeiten für moderne Architektur. Die Referenzen auf der Homepage von Juli-Architekten zeigen markante, eher kühle Gebäude. Bauwerke, die den Zeitgeist widerspiegeln. Natürlich verfolgt auch Tino Heß die Debatte um die seit rund 30 Jahren leerstehende Mälzerei Müller in der Pestalozzistraße. Sie soll abgerissen werden. Rund 160 Senioren- und Studentenwohnungen sollen an dieser Stelle entstehen. In Kulmbach wird seither heiß darüber diskutiert, ob man das alte Ziegelgebäude nicht besser erhalten sollte, statt an dieser Stelle einen großen Wohnblock zu errichten. Die FDP sammelt jüngst sogar Unterschriften zur Rettung und Sanierung des heruntergekommenen Gebäudes. Tino Heß hat vor einigen Jahren diese Option untersucht und schnell wieder beendet. Sein Fazit: "Es ist unbezahlbar."

Kein Denkmalschutz

Mehrfach hatte das Landesamt für Denkmalpflege die Mälzerei Müller bereits im Auge. Doch einzig den 1910 gebauten Darrturm hat die Behörde unter Denkmalschutz gestellt. Die anderen Gebäudeteile auf dem Areal in der Pestalozzistraße 3 erhielten keinen Schutzstatus. Zum einen sei die Ausstattung nahezu völlig verschwunden, zum anderen seien über die Jahre zahlreiche Umbauten vorgenommen worden. So wurden etwa Teile des Gebäudes verputzt, in anderen sind Läden oder Wohnungen eingebaut worden. 2017 hat die Denkmalbehörde das Areal zuletzt begutachtet. Das Ergebnis blieb das selbe. Die Kellereigebäude , das ehemalige Sudhaus, der Backsteinbau direkt an der Pestalozzistraße und das ehemalige Maschinenhaus sind zum Abriss freigegeben.


Jede Zeit hatte ihren Baustil. Die Ägypter, die Römer, die Griechen, das Mittelalter. Bauten, wie sie damals entstanden sind, kann man sich heute nicht mehr leisten, erklärt der Architekt. "Bei den Pyramiden konnte man einfach mal 20 000 Sklaven einsetzen." Und auch in der Gründerzeit, der Epoche, in der die alte Mälzerei entstanden ist, hatte man es mit ganz anderen Grundlagen zu tun. Damals habe zwar Material auch schon richtig Geld gekostet. Arbeitslöhne aber seien extrem niedrig gewesen, sagt Tino Heß. So seien verspielte Fassaden machbar gewesen. Heute ist vieles, was gebaut wird, wirtschaftlichen Zwängen geschuldet. So zu bauen wie früher könne sich heute niemand mehr leisten. Dann lieber gar nichts zu tun, hält Heß aber für gefährlich: "Dann bluten die Städte aus, und alle meckern, dass sich nichts tut." Und nicht zuletzt sei Architektur immer auch Geschmackssache. Über den lässt sich bekanntlich streiten.

Architektur, wenn sie bezahlbar sein soll, unterliege wirtschaftlichen Zwängen. Es müsse sich rechnen, was gebaut wird, auch wenn Heß ganz offen zugibt, dass er manchmal gern "mehr" machen würde.

Nur die öffentliche Hand könne es sich heute noch leisten. Deren Bautätigkeit werde aus Steuergeldern bezahlt. "Aber wenn Investoren das machen, bezahlt ihnen das keiner." Heß spricht die Kosten von Eigentumswohnungen oder die Höhe von Mieten in extrem teuer gebauten Häusern an. Seine Berechnungen auch in Bezug auf die Mälzerei Müller haben ergeben, dass das unbezahlbar sei. "Es rechnet sich einfach nicht", macht Heß deutlich. Immer mehr Bauvorschriften und Anforderungen machen Bauen teuer. Die Mälzerei zu erhalten und für Wohnzwecke umzubauen, koste "ein irrsinniges Geld". Räumlich hätte es durchaus funktioniert, sagt der Kulmbacher Architekt, wirtschaftlich aber nicht. Er sei bereits aus den ersten Überlegungen ausgestiegen, bevor überhaupt die Statik oder mögliche Umweltbelastungen untersucht worden seien. "Wer weiß, was dann noch alles gekommen wäre. Man darf so ein Projekt nicht nur unter dem Aspekt des Baustils betrachten, sondern man muss alles sehen."

Thomas Nagel von der FDP war im Stadtrat in der vergangenen Woche der einzige, der den Plänen des Rosenheimer Investors seine Zustimmung verweigert hat. Alle Probleme dieses Gebäudes seien natürlich auch ihm bewusst, betont er. Er wisse, dass man es mit einem 30-jährigen Leerstand zu tun habe, dass dieses Gebäude 40 Meter in den Berg hineinragt. Trotzdem sei die jetzt genehmigte Planung nicht ideal. "Das wird ein massiver Betonblock, der das Bild dort erheblich verändert."

Mit 29 zu 1 sei das Projekt nun genehmigt. Das Grundstück gehöre dem Investor, er habe eine Baugenehmigung. Damit werde man dieses Projekt nicht mehr stoppen können. Nagel hätte sich gewünscht, dass wenigstens ein paar mehr Elemente des ursprünglichen Mälzereibaus erhalten würden, nicht nur der Darrturm. "Warum nicht die Ziegelmauer vorn an der Straße stehenlassen", fragt Nagel und fügt an, ihm wäre das Bauvorhaben eine Nummer kleiner lieber gewesen. "Auch wir von der FDP sind für Investitionen, und wir wissen, dass wir Studentenwohnungen brauchen. Aber dieser massive Eingriff ist zu viel. Mehr Augenmaß und eine Nummer kleiner wäre aus meiner Sicht wünschenswert gewesen."

Thomas Nagel ist durchaus selbstkritisch. Auch er hat bei der Bauvoranfrage für die Planung gestimmt. Heute würde er es anders machen, sagt er. Wenn es um so große Projekte geht, müsse sich der Stadtrat intensiver mit den Vorhaben befassen, auch mal selbst die Örtlichkeit besichtigen, mit Investoren verhandeln. Was Nagel außerdem fehlt: "Es gibt keine Visionen, wie sich Kulmbach verändern, wie die Stadt in 20, 30 Jahren aussehen soll. Wir reagieren nur, wir agieren nicht." Ein Konzept sei nötig, sagt der einzige Stadtrat der Liberalen. "Ich sehe, dass wir zu oft klein-klein denken und zu wenig schauen, wo die Reise hingehen soll."

Bereits in der Stadtratssitzung hatte Dr. Michael Pfitzner darauf aufmerksam gemacht, dass die Stadt nicht alle alten Gebäude selbst sanieren lassen könne. "Wir haben gerade in dem Bereich schon so viel getan", hat Pfitzner betont und das Rathaus, die Tourist-Information, die Volkshochschule, das Bauamt und die Spinnerei als Beispiele genannt. Auch Hans-Dieter Herold hatte das unterstützt. Man könne der Stadt Kulmbach nun wirklich nicht den Vorwurf machen, sie kümmere sich nicht um den Erhalt ihrer alten Gebäude. Die Mälzerei Müller hat allerdings zu keiner Zeit der Stadt Kulmbach gehört. Das Grundstück wurde von einem privaten Eigentümer an einen weiteren verkauft.

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 07. 2019
16:50 Uhr

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Melitta Burger

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22. 07. 2019
16:50 Uhr



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