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Marktredwitz

Eine friedliche Region in unruhigen Zeiten

Evangelisch werden oder katholisch bleiben? - Dr. Peter Seißer beleuchtet die Zeit seit der Reformation. Das Fichtelgebirge hatte schon damals eine wechselhafte Geschichte.



Eine friedliche Region in unruhigen Zeiten
Eine friedliche Region in unruhigen Zeiten  

Marktredwitz - Vorträge des Historischen Clubs finden in Marktredwitz immer guten Zuspruch. Genau so war es auch beim Referat des Wunsiedler Alt-Landrats Dr. Peter Seißer über das Thema "Reformation und Gegenreformation im Fichtelgebirge". Nach der Begrüßung durch Hermann Meier nahm der Referent vor dem vollbesetzten Saal im "Meister-Bär-Hotel" den gesamten Zeitraum der kirchlichen Erneuerungsbewegung zwischen 1517 und 1649 ins Visier.

Im Jahr 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben. Bereits ein Jahr später hat, wie Seißer ausführte, der erste Mensch aus dem Fichtelgebirge den Reformator kennengelernt: Magister Johann Küspert aus Weißenstadt disputierte 1518 mit Martin Luther in Wittenberg. Im Unterschied zu Luther, der lehrte, dass ein Mensch allein aus Glauben gerecht und vor Gott angenommen werde, glaubte Küspert, dass man in seinem Leben auch gute Werke vollbringen müsse.

Von der Lehre Luthers hörte man in der Region zum ersten Mal im Jahr 1521, zwei Jahre später schloss sich Pfarrherr Nikolaus Hildner in Wunsiedel der neuen Lehre an. In dieser Zeit gab es viele Wallfahrten zu eigens dafür errichteten Kirchen, unter anderem die Kirche am Katharinenberg in Wunsiedel. Die Wallfahrten waren machtpolitische Faktoren: Die Geistlichkeit profitierte vom Ablasshandel, der weltliche Herrscher Markgraf Kasimir von den Umsätzen aus Beherbergung, Gaststätten und Verkäufen. Da nach der neuen Lehre gute Taten nicht mehr zwingend notwendig erschienen, ging die Bedeutung der Wallfahrten jedoch drastisch zurück.

Der entscheidende Tag für die Durchsetzung des neuen Glaubens im Fichtelgebirge war der Aschermittwoch des Jahres 1526. Damals geschah etwas bis dahin Unerhörtes in Wunsiedel: Auf dem Marktplatz, ganz in der Öffentlichkeit, aßen neun Bürgersöhne entgegen dem strikten Fastengebot Fleisch. Und es passierte - nichts! Sie hatten also die Bevölkerung hinter sich.

Der nachfolgende Markgraf Georg führte dann 1528 die Reformation offiziell ein. Dazu machte er eine Visitation über das gesamte Herrschaftsgebiet, indem er die 29 Pfarrer zu sich nach Kulmbach bestellte, um sie auf ihre Einstellung hin zu überprüfen.

Auch die Gottesdienste veränderten sich. Bis dahin hatte praktisch nur der Pfarrer seine Messe auf Latein gefeiert, die Gemeinde stand weitgehend unbeteiligt dabei. Jetzt wurden die Predigten an die Menschen gerichtet, in deutscher Sprache, damit jeder sie verstand. Nicht mehr nur die Chorschüler sangen, sondern die Gemeinde, und Orgeln wurden zur Begleitung gebaut. Ebenso gab es erstmals Sitzbänke in den Kirchen, da die Gottesdienste nun deutlich länger dauerten.

Aber nicht nur Martin Luther, auch Philipp Melanchthon wurde im Fichtelgebirge beachtet. Nach seinem Vorschlag wurde das Bildungswesen erneuert, auch für Mädchen. So wurde 1535 in Wunsiedel die erste Lateinschule eingerichtet.

Der Markt Redwitz, der damals zu Eger gehörte, kam erst 1560 zum neuen Glauben, Eger vier Jahre später. Von diesem Zeitpunkt an gab es in Redwitz bis zum Dreißigjährigen Krieg keine katholischen Gottesdienste mehr. Die bisherigen Priester wurden in ihrem Amt belassen, sie durften wählen, ob sie sich dem neuen Glauben anschließen oder nicht.

Im Jahr 1619 wurde Ferdinand II. zum Kaiser gewählt. Er besetzte Böhmen und das Egerland und rekatholisierte dieses Gebiet, in dem rund 85 Prozent der Bevölkerung bereits evangelisch waren. Redwitz allerdings war davon ausgenommen: Es blieb evangelisch. Auch in einigen Nachbargemeinden blieben rund 150 Menschen evangelisch und wanderten daher ins innere Fichtelgebirge ab. Ihr Glaube war ihnen mehr wert als ihre Heimat. Zusammenfassend stellte Dr. Peter Seißer fest: "In unserem Gebiet war diese Zeit relativ friedlich, während es woanders Unruhen und Vertreibungen gab."

Der Referent erwies sich mit diesem Vortrag wieder einmal als exzellenter Historiker für die Region. Bernd Leutheußer, der Vorsitzende des Historischen Clubs, nannte ihn einen profunden Kenner der Kirchengeschichte, ein Zuhörer bewunderte das umfangreiche Fakten- und Zahlengedächtnis Seißers, der den Besuchern die historischen Ereignisse so anschaulich präsentiert hatte.

Autor

Peter Pirner
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Veröffentlicht am:
15. 07. 2019
17:34 Uhr

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Peter Pirner

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Veröffentlicht am:
15. 07. 2019
17:34 Uhr



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