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Marktredwitz

Narben, die niemals verschwinden

Ein Cybermobbing-Opfer wird zum Täter: In der Marktredwitzer Realschule bringt das Theater Hof ein "Klassenzimmer-stück" über ein brisantes Thema heraus.



"Teilen, liken, kommentieren": Ein Wischer über Finns (Jannik Rodenwaldt) Handy-Display genügt, schon kann das intime Foto eines arglosen Mädels "viral gehen". Foto: Harald Dietz
"Teilen, liken, kommentieren": Ein Wischer über Finns (Jannik Rodenwaldt) Handy-Display genügt, schon kann das intime Foto eines arglosen Mädels "viral gehen". Foto: Harald Dietz  

Marktredwitz/Hof - Unter den Kindern der Klasse 5a heißt ein Mädchen Thalia, wie die Muse der Dicht- und Bühnenkunst. Das passt doppelt: Denn in der Marktredwitzer Fichtelgebirgsrealschule bekam die 5a die ungewöhnliche Gelegenheit, als "Patenklasse" die Proben für eine neue mobile Produktion des Theaters etappenweise aus der Nähe zu verfolgen; und obendrein wurde sie zum Publikum der gestrigen Uraufführung berufen. "Realfake" heißt das "Klassenzimmerstück", das heute und morgen auch drei Mal im Hofer Johann-Christian-Reinhart-Gymnasium gezeigt wird, und sein Autor ist zugleich der Regisseur: Bernd Plöger leitete bis 2018 im Hofer Haus das "Junge Theater".

Auch Jannik Rodenwaldt, Akteur des Einpersonenstücks, ist jung, erst 25, und allerdings dreizehn, vierzehn Jahre älter als Finn, seine Rolle. Wen stört’s? Alles Theater: Da darf der frisch aufgelegte Darsteller, körperlich flink, charakterlich flexibel, ruhig ein wenig Bart tragen; als Szenerie für eine spannende Geschichte über Cybermobbing - also über das Verleumden, Bloßstellen, Fertigmachen via Internet - reichen ein paar freie Quadratmeter und ein umgekippter Stuhl, und die Requisiten passen in einen Schuhkarton.

Allerdings: "Realfake"? Um was für ein Stück handelt es sich denn nun: um eines aus der Wirklichkeit? Oder um Fake: Vortäuschung, Fälschung, Schwindel? Finn hält es mit beidem. Als Schüler einer fünften Klasse hängt er mit Freundin und Freund ab, spaßeshalber tauschen sie die Klamotten, malen sich an, schießen witzige Handyfotos.

Am Morgen danach stellt Finn bedripst fest, dass eines der Ulk-Bilder - er in Mädchenbluse mit Schminke im Gesicht posierend - längst über Facebook durchs Netz saust. "Teilen, liken, kommentieren": Ein Shitstorm bricht über Finn, die "Pussy" herein, bislang beste Freunde beschimpfen ihn wüst, und ein "Killer to go" droht per Video gar mit "Strafe" und Gewalt. Finns Leben gerät völlig aus den Fugen, seine Schulnoten gehen auf Talfahrt …

… bis er, im Jahr darauf, den Spieß umdreht. Zermürbt von Scham und Wut nimmt er den Schwächsten der Sechsten aufs Korn: Ohne dass es der Arglose ahnt, legt er ein fingiertes Profil für ihn an und macht eine Facebook-Freundin verliebt. Noch ließe die schlimmste Gemeinheit sich aufhalten; aber Finn "kann’s nicht lassen": Schließlich lädt er ein Nacktfoto des treuherzigen Mädels hoch. "Das sollte nur ein Scherz sein."

Aber schlimmer Ernst wird daraus, der bald auch Finn beutelt. Was für einer ist er überhaupt? Ein Opfer, für jeden Spötter offenkundig? Oder ein "Täter im Verborgenen"? "Ich ist ein anderer", "ich bin viele", er- und bekennt Jannik Rodenwaldt so verdutzt wie ratlos. Unternehmungslustig und verschlagen, immer lebendig wechselt er als Finn von verschrecktem Duldertum zur Hinterfotzigkeit des Intriganten; mit forschen Gesten reagiert er sich ab; mit biestigem Blitzen in den Augen richtet er Unheil an; und die Dynamik, die es unkontrollierbar gewinnt, konstatiert er mit entgeisterter Miene. Doppelt, als Geschlagener und Schläger, trägt er "Narben" davon, "die niemals verschwinden".

Finn könnte eines von den Kindern sein, die Rodenwaldt zuschauen, da stört das Bisschen Bart in seinem Jungengesicht nicht. Was Finn passiert, "kann jedem passieren", sagen die Kinder während des Zwischen- und des Nachgesprächs mit Theaterpädagogin Zuzana Masaryk. Man muss als Opfer nicht geboren sein, um eins zu werden. Und wenn der Zorn am größten ist: Wer garantiert, dass man es den anderen nicht genauso fies heimzahlt?

Die Kinder haben sich, das zeigt die aufgeweckte Diskussion, mit ihren elf, zwölf Jahren die Risiken eines missbrauchten Internets schon durch den Kopf gehen lassen. Die Theaterleute nun bestärken sie, dort, wo Mobbing kenntlich wird, nicht ängstlich oder unbeteiligt wegzuschauen. "Mobbing lebt vom stillen Beifall" der Zeugen, und die können die Quäler durchaus aufhalten, mit etwas Courage und entschlossenem Protest.

—————

Aufführungen buchbar unter jungestheater@theater-hof.de und telefonisch unter 09281/7070-193.

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
07. 05. 2019
20:44 Uhr

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Michael Thumser

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07. 05. 2019
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