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Marktredwitz

Schaurige Strafen an Leib und Leben

Die blutige Ahndung von Vergehen bis hin zur Todesstrafe war früher gang und gäbe. Auch in der Region sind grausame Urteile dokumentiert.



Schaurige Strafen an Leib und Leben
Schaurige Strafen an Leib und Leben  

Marktredwitz - Eine Zeit kompromissloser und brutaler Gerichtsbarkeit hat Bernd Thieser seinem Publikum im Novembervortrag des Historischen Clubs vor Augen geführt. "Galgen, Rad und Peitschenhiebe" lautete das Thema diesmal, bei dem es um Kriminalfälle ging, die für das 15. und 16. Jahrhundert in unserer Region belegt sind. Das Ambiente in den Katakomben des Hotels "Meister Bär", in die man kurzfristig hatte ausweichen müssen, trug zum Schaudern angesichts der Thematik wohl bei, auch wenn zu hoffen ist, dass die gut 70 Zuhörer nicht nur aus Sensationslust gekommen waren: Denn welch tragische und erschütternde Schicksale sich hinter den Archiveinträgen verbergen, machte der Referent mehr als einmal deutlich.

Nächster Vortrag

Am Dienstag, 3. Dezember, lädt der Historische Club um 19.30 Uhr wieder ins Hotel "Meister Bär" ein.

Klaus Arbter spricht zum Thema "Seelenlandschaften - Bilder meiner Heimat."


Thieser, der für seine Dissertation "Hexenprozesse in der Oberpfalz" in den 80er-Jahren vor allem im Staatsarchiv Amberg geforscht hatte, besaß irgendwann genügend Material für ein Buch ("Galgen, Rad und Peitschenhiebe", kürzlich beim Verlag Eckhard Bodner erschienen und im Buchhandel erhältlich). Um die Fälle aus dem Bereich des Landrichteramts Waldeck-Kemnath geht es dabei. War eine Straftat geschehen, sei der Delinquent zunächst in die sogenannte Fronveste in Kemnath gebracht worden.

Lag der begründete Verdacht eines Kapitalverbrechens vor, sei der Fall der Regierung in Amberg übergeben worden. "Die schickte dann den Henker nach Kemnath, der für die juristisch festgelegte Befragung des Täters und gegebenenfalls dessen Hinrichtung zuständig war", erläutert Thieser. Ein Henker sei damals professionell ausgebildet worden und oft einer Art "Henkerdynastie" entstammt. Dies entspreche den undurchlässigen Standesregeln der damaligen Zeit, die auch für andere Berufsgruppen galten. War erst das Todesurteil gesprochen, "hatte man noch Glück, wenn es ein schneller, ehrenhafter Tod durch Enthaupten war". Für Diebstahl sei man gehenkt, für Kindsmord ertränkt und für Homosexualität und Sodomie lebendig begraben worden.

Nicht weniger drastisch seien die Strafen für geringere Delikte gewesen: Auspeitschen ("Ausstäupen"), Abhacken der Finger oder der Hand, Brandmarken, Ohrenabschneiden oder -aufschlitzen und Zunge"kürzen" waren gängige Vorgehensweisen. "Die Gerichtsbarkeit jener Zeit war nicht darauf ausgelegt, den Täter wieder in die Gesellschaft einzubinden, zu resozialisieren, wie wir heute sagen würden. Ziel waren Ausgrenzung und Kenntlichmachung als Straftäter", so Thieser. Auf Abschreckung anderer habe man auch bei Kapitalverbrechen gesetzt, deshalb seien die Galgen gleich an der Grenze eines jeweiligen Rechtsgebiets aufgestellt worden; die Leichen blieben einfach daran hängen, bis sie von selbst abfielen. Wurde jemand auf dem Marktplatz auf einer eigens
dafür errichteten "Schranne" geköpft, seien in Kemnath die Latein-
schüler des Ortes regelmäßig ange-
halten worden, dabei zuzuschauen.
Einige Fälle aus der Zuständigkeit des Landgerichts Kemnath-Waldeck hatte der Referent natürlich auch dabei: Da waren zum Beispiel die "Wirsberg-Brüder" Livin und Janko, denen unter anderem Lorenzreuth bei Marktredwitz gehörte und die der Lehre des in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannten Reformators Jan Hus anhingen. Sie wurden als "Ketzer" verfolgt, und während Livin in Regensburg im bischöflichen Kerker sein Leben aushauchte, wurde Janko bei Kemnath gefasst und sofort enthauptet, eine Vorgehensweise, die bei "Gefährdung der staatlichen Ordnung" erlaubt war.

Um schnöde Geldgier ging es dagegen beim "Mord am Egerer Boten" im Jahr 1567 bei Zinst. Die Ermittlungen verliefen im Sande, der Fall schien unlösbar - bis Jahre später ein wegen mehrfachen Betrugs und Urkundenfälschung zum Tode Verurteilter in Prag kurz vor seiner Hinrichtung schließlich diesen Mord gestand - ein sinnloses Verbrechen, denn die mitgeführten Briefe und Dokumente des Opfers waren für den Täter alle vollkommen wertlos gewesen.

Besonders tragisch waren die immer wieder vorkommenden Kindstötungen: Aktenkundig ist der Fall einer ledigen Magd aus Ebnath, die nach ihrem Geständnis, ihr Kind nach der Geburt erwürgt zu haben, hingerichtet wurde. In Neustadt am Kulm baute man für das Ertränken einer Kindsmörderin sogar einen Bottich, weil kein natürliches Gewässer vorhanden war. Keine Frage, dass damals in solchen Fällen nur die Frauen verurteilt wurden - wie die Schwangerschaft zustande gekommen war und wer der Vater war, interessierte niemanden. Auch dies ist ein Beleg dessen, was Thieser an diesem Abend immer wieder verdeutlicht: dass die Rechtsprechung im ausgehenden Mittelalter immer im Kontext der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit betrachtet werden muss. Sein Buch sieht er deshalb auch ein wenig als Hommage an einige dieser Menschen, deren Schicksale in den Akten dokumentiert sind. Bernd Thieser: "Vielleicht sollten wir mehr zu schätzen wissen, in welchen Verhältnissen wir heute leben dürfen."

Autor

Uschi Geiger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
07. 11. 2019
19:12 Uhr

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Autor

Uschi Geiger

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Veröffentlicht am:
07. 11. 2019
19:12 Uhr



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