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Marktredwitz

Spurensuche auf dem Glaswanderweg

Das Handwerk prägt die Ortschaften im Hohen Fichtelgebirge. Bis nach Äthiopien habe man im 19. Jahrhundert nachweislich Glasperlen exportiert.



Der "Mondteller": Nur einem winzigen Mangel ist es zu verdanken, dass dieses 1000-Dollar-Stück an seinen Ursprungsort zurückkehrte.	Foto: pr.
Der "Mondteller": Nur einem winzigen Mangel ist es zu verdanken, dass dieses 1000-Dollar-Stück an seinen Ursprungsort zurückkehrte. Foto: pr.   » zu den Bildern

Marktredwitz - "Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen!" Diesen alten Glasmacherspruch hat Christine Roth, die kürzlich beim Historischen Club zu Gast war, ihrem reich bebilderten Vortrag im Hotel "Meister Bär" vorausgeschickt, wo sie vor einem zahlreichen Publikum zum Thema "Entdeckungen entlang des Glaswanderweges im Fichtelgebirge" referierte.

Es ist ein Themenweg im Hohen Fichtelgebirge, den die Geoparkrangerin mit ihren Zuhörern geht, von Bischofsgrün über Fichtelberg, Mehlmeisel und Warmensteinach bis nach Weidenberg, 42 Kilometer lang. Eine lange, schon für das frühe 13. Jahrhundert nachgewiesene Tradition der Glasherstellung gebe es da, erläutert Roth; so sei zum Beispiel im Bischofsgrüner Wappen neben einem Hirschen (für das Adelsgeschlecht der Hirschberger) und einem Bergmannshammer auch eine Glasmacherpfeife abgebildet. Wie sehr dieses Handwerk die Ortschaften entlang des Weges geprägt hat, könne man gut an einem örtlichen Rundweg zum Thema Glasherstellung in Bischofsgrün nachvollziehen, der allein 15 Tafelstandorte aufweist.

Eine bedeutende Rolle habe der Ochsenkopf gespielt, der damals noch "Fichtelberg" hieß, wie Christine Roth weiß. "Man reiste im 18. Jahrhundert auch nicht ins ‚Fichtelgebirge‘, sondern in die ‚Fichtelberge‘!" Auf einer Darstellung aus jener Zeit ist jedenfalls gut der Qualm von mehreren Köhlerhütten an den Hängen des Berges zu erkennen - denn Holzkohle, aus der wiederum Pottasche gewonnen wurde, sei ein wichtiger Energieträger gewesen; außerdem habe es Sande und wertvolles Gestein gegeben, zum Beispiel den "Grünstein" oder "Proterobas", ein früher Basalt. Er sei schon im 17. Jahrhundert in Knopfglashütten geschmolzen und zu Glasknöpfen und Glasperlen verarbeitet worden. Vor allem die "Patterl" für Rosenkränze seien hoch im Kurs gewesen. "Die Glasperlenherstellung war keine leichte Arbeit!" Die Handwerker saßen dabei um einen Schmelzofen herum, steckten Eisenstäbe in die glühende Proterobas-Masse und erreichten durch konstantes Drehen, dass sich die schwarze Substanz auf den Stäben absetzte.

Pro Schicht habe ein Arbeiter etwa 18 000 Perlen gedreht, anschließend mit nach Hause genommen, auf eine Schnur gefädelt und zur nächsten Schicht wieder mit in den Betrieb gebracht. Bis nach Äthiopien habe man im 19. Jahrhundert Glasperlen aus dem Fichtelgebirge nachweislich exportiert.

Ein weiteres gängiges Produkt der heimischen Glasherstellung, führt Roth weiter aus, seien die sogenannten Ochsenkopfhumpen gewesen, von denen man einige Exemplare auch im Fichtelgebirgsmuseum bewundern könne. Genauso vielfältig wie die Glasmacherstätten seien die Produkte im Lauf der Jahrhunderte gewesen, wie die Referentin aufzählt: Knöpfe, Spiegelglas, Lüsterbehang, alle möglichen Gefäße. Eine Hohlglasfabrik in Hütten (Oberwarmensteinach) habe seit Ende des 19. Jahrhunderts sogar das Monopol auf die Herstellung der berühmten weißen Odol-Flaschen innegehabt. Nach Problemen mit Flusssäure, die bei der Produktion anfiel und Böden und Wald schädigte, sei der Betrieb nach Immenreuth verlegt worden.

Ein ganz besonderes Exponat beherberge das Glasmuseum im Freizeithaus Warmensteinach: Neben vielen anderen Produkten vom filigranen Christbaumschmuck bis zu schwerem Bleikristall sei dort auch ein sogenannter Mondteller ausgestellt, der die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin nach ihrem Ausstieg aus der Mondfähre zeigt. "Insgesamt 200 solcher Teller im Wert von etwa 1000 Dollar je Stück hat die NASA kurz nach der Mondlandung beim damaligen Glashüttenwerk Fischer in Fichtelberg in Auftrag gegeben - einer von ihnen wurde jedoch zurückgeschickt!" erzählt Christine Roth. Der Grund: Eine Luke der Mondkapsel - auf der Gravur nur millimetergroß - fehlte bei diesem Exemplar. Ein Glück für das Museum, das das gute Stück nun als Leihgabe präsentieren kann.

Ein weiteres kleines Museum, das Glasknopfmuseum in Weidenberg, sei zurzeit leider geschlossen: Der zuständige Verein habe es nicht mehr betreiben können und die Gemeinde bis jetzt nicht übernehmen wollen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg dort entstandene "Gablonzer Werkssiedlung" sei mit Hilfe des Marshall-Plans angelegt worden und habe Vertriebenen aus dem Sudetenland ein neues Zuhause gegeben.

Viele Hütten und Betriebe entlang des heutigen Glaswanderweges seien im Lauf der Jahrhunderte entstanden und wieder aufgegeben worden, so Roth abschließend; manchmal zeugten nur noch ein überwucherter Graben, ein alter Schlackehaufen oder ein verlassenes Gebäude davon. Nicht zu übersehen sei dagegen der Fichtelsee, der wegen des immensen Wasserbedarfs der Glasmacher über einem Hochmoor angestaut wurde. "Es lohnt sich, auf diesem Weg auf Spurensuche zu gehen und der Geschichte der Glasmacherei nachzuspüren, die für den Wanderer mit zahlreichen Schautafeln wunderbar beschrieben ist!"

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Der Historische Club lädt am Dienstag, 3.März, um 19.30 Uhr zum nächsten Vortrag ein: Adrian Roßner wird mit dem Thema "Humboldt und das Geheimnis der Saalequelle" zu Gast sein.

Autor

Uschi Geiger
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Veröffentlicht am:
12. 02. 2020
16:48 Uhr

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Uschi Geiger

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Veröffentlicht am:
12. 02. 2020
16:48 Uhr



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