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Leitartikel

Akt der Verzweiflung

Jean-Claude Juncker geht gerne beschwingt an harte Brocken heran - und verliert dabei die Realität aus den Augen.



Jean-Claude Juncker geht gerne beschwingt an harte Brocken heran - und verliert dabei die Realität aus den Augen. Aus heiterem Himmel platzt der EU-Kommissionspräsident nun mit seiner unausgegorenen Idee in den deutschen Wahlkampf, den Euro in der ganzen Europäischen Union einzuführen, selbst in den ärmeren osteuropäischen Ländern. Die Kanzlerin dürfte vor Zorn die Faust in der Blazertasche ballen. Was treibt Juncker an? Wohl der Trotz, weil das europäische Projekt seit geraumer Zeit stockt. Der Luxemburger wirkt wie der letzte Europa-Idealist. Verbittert vermisst er den Dank osteuropäischer Regierungen, deren Länder noch nicht sehr lange der Europäischen Union angehören. Deren Aufnahme in die EU war ein Kraftakt ohnegleichen.

 

Damals herrschte unglaubliche Freude, ja ein Überschwang, der heute wie aus einer fernen Zeit wahrgenommen wird. Groll und Missmut haben diese Euphorie verdrängt. In Polen, Tschechien und Ungarn wurden Regierungen gewählt, die gegen das mächtige Deutschland opponieren und die eigene Nation vergötzen. Die Warschauer Administration, gesteuert von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, fordert Berlin mit Reparationsforderungen in dreistelliger Milliardenhöhe heraus. Den polnischen Regierenden, die sich an dieser Kampagne beteiligen, scheint es gleichgültig zu sein, dass sie damit die Versöhnung gefährden, die so gut gelungen schien. Gut, dass die polnischen Bischöfe mahnen, das Erreichte nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Die EU als Ganzes hat einmal den Friedensnobelpreis bekommen. Daran denkt kaum noch jemand. Juncker meinte damals: "Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen." Aber wer besucht schon Soldatenfriedhöfe? Krieg liegt außerhalb der Vorstellungswelt heutiger Menschen. Es muss allerdings gar nicht so weit kommen. Es wäre schon schlimm genug, wenn der hart errungene Wohlstand wegen Engstirnigkeit bröckeln würde. Das träfe vor allem die Menschen, die von ihrer Arbeit leben und dafür einen guten Job brauchen. Wer auf der Autobahn fährt, sieht polnische, tschechische oder rumänische Lastwagen, und begreift: Der freie Warenverkehr hilft Millionen Menschen, besser zu leben. Leider wird das als Selbstverständlichkeit abgehakt.

 

Juncker versucht, in einem Akt der Verzweiflung seiner Idee von Europa Geltung zu verschaffen, erntet jedoch aus vielen Richtungen Widerspruch und blanke Ablehnung. Den Euro für alle kann er nicht erzwingen; der Euro ist nicht sexy. Dabei fahren die derzeitigen Euroländer gut mit der Gemeinschaftswährung, die sich stark gegen die Leitwährung Dollar behauptet. Gewiss trägt Deutschland am schwersten daran, die Ungleichgewichte auszutarieren, die bei der Euro-Einführung ausgeblendet wurden. An diesem Geburtsfehler laborieren die Beteiligten noch lange. Doch fatal wäre es, mit dem Brecheisen Währungspolitik zu betreiben. Scheitern würden jene, die den Euro bedenkenlos ausweiten, genauso wie jene, die zu nationalen Währungen zurück möchten.

 

Junckers Plädoyer, den Euro innerhalb der EU rasch für alle einzuführen, kommt zur Unzeit und feuert nur die Gegner der Gemeinschaftswährung an, noch wütender aufzutreten. Kaum jemand begreift, was Juncker geritten hat, den großen deutschen Parteien kurz vor der Bundestagswahl am 24. September dieses faule Ei ins Nest zu legen.

Autor

Elmar Schatz
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Veröffentlicht am:
14. 09. 2017
00:00 Uhr

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Elmar Schatz

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Veröffentlicht am:
14. 09. 2017
00:00 Uhr



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