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Münchberg

"Den Patienten belügen, das darf man nie"

Professor Dr. Werner Hohenberger aus Helmbrechts gilt immer noch als einer der anerkanntesten Krebs-Chirurgen weltweit, auch wenn er inzwischen nicht mehr operiert.



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Als er noch am OP-Tisch stand: der aus Helmbrechts stammende Werner Hohenberger (Mitte).   » zu den Bildern

Helmbrechts/Erlangen - Bis zu seinem Ruhestand war er Direktor der Chirurgischen Klinik am Uni Klinikum Erlangen. Jetzt hat der frühere Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft erstmals ein Buch herausgebracht - eine Art Zwiegespräch zwischen ihm, dem berühmten Arzt, und seinem Wiener Patienten Dr. Helmut Moldaschl. Diesem auf dem Gebiet der Reaktor- und Kernphysik international bekannten Wissenschaftler hat Hohenberger mit einer OP einst das Leben gerettet.

Zur Person

"Werner Hohenberger , 70, ist in Helmbrechts geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur in Münchberg studierte er in Erlangen Medizin. 1973 begann er als Assistent an der Chirurgischen Universitäts-Klinik Erlangen, die er später mehr als 20 Jahre lang leitete. Er ist verheiratet und lebt heute mit Frau und Tochter in Herzogenaurach. Aus erster Ehe hat er zwei Söhne.

Der Krebs-Fachmann ist der einzig lebende Ehrenbürger der Stadt Helmbrechts und außerdem seit 2018 Träger des bayerischen Verdienstordens. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer lobte seine Verdienste bei der Verleihung als "Leistung auf Weltniveau".


Herr Hohenberger, Ihr ehemaliger Patient Dr. Moldaschl hatte seine Erkrankung zuerst im Buch "Diagnose Magenkrebs - so habe ich überlebt" verarbeitet. Wie erging es Ihnen bei der Lektüre?

Er hat in dem Buch Gespräche zwischen uns wiedergegeben, die aus meiner Sicht so nie stattgefunden hatten. Offensichtlich hatten wir in der Klinik die ganze Zeit aneinander vorbei geredet. Das war für mich einigermaßen irritierend.


Weil Patient und Arzt quasi in zwei Welten lebten?

Das hätte ich nach 30 Jahren als Arzt nie für möglich gehalten. Und mir war sofort klar, dass dies kein Einzelfall ist. Wir Ärzte und besonders Chirurgen sehen unsere Aufgabe vor allem darin, Krankheiten des Körpers zu heilen. Den Schaden an der Seele erfassen wir offenbar meistens nicht so umfänglich.


Dabei ist der Patient häufig von Ängsten geplagt.

Genau. Und während der Arzt versucht, den Sachverhalt einer Erkrankung zu erläutern, kann der Patient das alles in diesem Moment gar nicht erfassen. Er hört nur scheinbar zu, deutet Umstände um und schafft sich sein eigenes Bild. So geht es weiter mit den Missverständnissen.


Was ist der häufigste Fehler, den Patienten begehen?

Von Fehlern sollte man nicht reden. Wenn ein Mensch eine schwerwiegende Diagnose erfährt, wird ihm der Boden unter den Füßen weggerissen. Da ist es oft gar nicht möglich, einen konkreten Plan zu fassen. Mein Rat: Alle nötigen Entscheidungen in die Hand einer Vertrauensperson legen, gemeinsam mit dem Arzt über alle Probleme sprechen - und sich dabei Notizen machen.


Vermutlich haben Sie in Ihrer langen Laufbahn auch Verblüffendes erlebt.

Als ich als Assistenzarzt gearbeitet habe, ist mal im Nachtdienst früh um drei ein Mann aufgetaucht, der wie ein Obdachloser wirkte. Stark alkoholisiert, fast schon mit narkotischer Wirkung. Er wollte, dass wir sofort das Metall an seinem Schlüsselbein entfernen, mit dem vor zwei Jahren ein Bruch behandelt worden war. Ich habe ihn dann ziemlich scharf zurechtgewiesen. Am nächsten Tag stellte der Pförtner den Anruf einer Sekretärin aus einem ortsansässigen Weltkonzern an mich, den kleinen Assistenzarzt, durch. Sie sagte, ein Herr aus der obersten Etage entschuldige sich und bitte nun ganz offiziell um einen Termin.


Ein spannendes Kapitel in Ihrem Buch behandelt eine Frage, die viele Menschen umtreibt: Wie finde ich als Patienten den richtigen Arzt? Gibt es den einen goldenen Tipp?

Die Anzahl der Parkplätze vor der Klinik oder der Praxis sollte jedenfalls nicht das Kriterium sein (lacht).


Kommt es tatsächlich vor, dass Patienten danach entscheiden?

Durchaus. Aber es gibt natürlich ein paar echte Orientierungshilfen, gerade wenn es um schwerwiegende Erkrankungen geht. Zum Beispiel sollte man ungeniert seine Verbindungen spielen lassen. Das Dumme ist: In Notfallsituationen werden alle Überlegungen über den Haufen geworfen, denn man ist nicht mehr Herr seiner selbst.


Gerade im Falle von Krebs ist die Angst vieler Patienten groß, dass es um ihr Leben geht. Wie sind Sie mit diesem Wissen bei Diagnosen umgegangen?

Zur Behandlung fast aller Krebserkrankungen gibt es heute Leitlinien. Für den Umgang mit Krebspatienten aber gibt es keine. Meine ganz persönliche lautete: Man muss nicht immer die ganze Wahrheit erzählen, aber lügen darf man nie.


Immerhin kann die Mehrzahl aller Krebskranken heute geheilt werden.

Das ist die gute Botschaft. Und für die Unheilbaren gibt es immer reale Hoffnung, Perspektiven zu schaffen. Die geht bei Schmerzerleichterung los und reicht so weit, dass die totkranke Mutter zumindest die Einschulung ihres Kindes noch erlebt. Und dann passiert oft etwas, dass ich so auch nicht erwartet hätte. Vor einigen Tagen war zum Beispiel das Bild einer früheren Patientin von mir in der Zeitung. Vor 15 Jahren mussten wir ihr Bein amputieren. Es war voller Metastasen eines schwarzen Hautkrebses. Heilungschancen gleich null. Jetzt wurde sie 90 und lebt immer noch.


Sie waren viele Jahre Klinikchef in Erlangen und haben dabei den Grundsatz verfolgt: "Der Chef ist für die Behandlung aller Patienten zuständig. Jeder hat das Recht auf dessen Ohr." Wie haben Sie dies hinbekommen?

Ich habe mich immer verantwortlich gefühlt und hatte den Anspruch, dass die Patienten ein Recht auf die bestmögliche Behandlung haben. Dem habe ich alles untergeordnet, auch meine Bedürfnisse.


Sie hatten 18-Stunden-Arbeitstage. Haben Sie nicht das Gefühl gehabt, etwas Wichtiges im Leben zu verpassen?

Aus heutiger Sicht habe ich privat vieles nicht wirklich mitbekommen. Da bin ich meiner Frau zu großem Dank für ihre Nachsicht verpflichtet. Aber als ich noch im Berufsleben stand, hatte ich nie ein Defizitempfinden und deshalb auch bei Kollegen niemals Kompromisse akzeptiert. So galt ich dann als autoritärer Knochen. Aber: Inzwischen vermissen mich meine früheren Mitarbeiter trotzdem.


In Ihr Buch sind sehr persönliche Geschichten eingeflossen, zum Beispiel, wenn Sie über Ihre lebenslange Angst vor dem Zahnarzt schreiben.

Die steckt immer noch tief in meinen Knochen. Angst hat ihre Triebfedern in schlechter Erfahrung und im Nichtwissen. Dem Patienten fehlt als Laien das Wissen und er findet es auch nicht im Internet. In diesen Situationen hilft nur Vertrauen.


Für wen ist das Buch in erster Linie gedacht?

Die Fragen, wie Ärzte ticken, auf welcher Basis sie Entscheidungen treffen oder was bei einer Operation eigentlich am "Tisch" passiert, das interessiert sicher Patienten und ihre Angehörigen. Umgekehrt gilt: Welche Ängste Patienten ergreifen, wie ihre Wahrnehmung verändert ist und wie sie Äußerungen von Ärzten oder Pflegern interpretieren, das sollten nicht nur junge Ärzte und Studenten erfahren.


Das Buch ist in gewisser Weise als Zwiegespräch aufgebaut, zuweilen wirkt es wie ein Briefwechsel zwischen Ihnen. Warum gerade diese Form?

Als mir bewusst wurde, dass Patienten und Ärzte in zwei verschiedenen Welten unterwegs sind, war mir klar, dass nur ein längerer Dialog weiterhilft. Zuhören, antworten, selbst erzählen, so kommt man den Dingen auf die Spur. Das gilt für mich, aber auch für alle anderen.

Autor
Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
17. 05. 2019
14:57 Uhr

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Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
17. 05. 2019
14:57 Uhr



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