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Münchberg

Die unbekannten Russengräber

Grausame Todesmärsche führten zum Kriegsende durch den alten Landkreis Münchberg. Zeitzeuge Walter Bösch erinnert sich noch an die Gräber.



Walter Bösch aus Bayreuth hat die Örtlichkeit, wo sich einst die fünf Russengräber befanden, nahe Lützenreuth gefunden. Er zeigt eine Landkarte, auf der die Grabstätten eingezeichnet sind. Foto: Peter Engelbrecht
Walter Bösch aus Bayreuth hat die Örtlichkeit, wo sich einst die fünf Russengräber befanden, nahe Lützenreuth gefunden. Er zeigt eine Landkarte, auf der die Grabstätten eingezeichnet sind. Foto: Peter Engelbrecht  

Gefrees/Lützenreuth - Diese Stückchen Erde ist etwas Besonderes. Der Blick schweift weit ins Fichtelgebirge, von Weitem grüßen der Ochsenkopf und der Schneeberg. Eine Baumgruppe sorgt für etwas Schutz. Walter Bösch (79) hat diesen Ort noch gut in Erinnerung - vermutlich wegen des herrlichen Ausblicks. Aber auch wegen einer traurigen Begebenheit: wegen der Russengräber.

Gut zu wissen

Der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen hat unter www.its-arolsen.org Dokumente über Todesmärsche online gestellt. Darin sind auch die im Bericht erwähnten Dokumente enthalten. Im Online-Archiv kann man unter "Bestände" unter der Nummer 5 die Todesmärsche finden und nach Ortsnamen suchen.

 

Bei einem sonntäglichen Familienausflug Mitte der 50er-Jahre kam Bösch zufällig hier vorbei. Irgendwo zwischen den Bäumen müssen die Gräber der fünf russischen Kriegsgefangenen gewesen sein. Er kann sich noch dunkel an einfache Holzbretter auf den Gräbern erinnern, Grabsteine gab es nicht.

 

Die Gräber lagen nahe des Dorfes Lützenreuth (Stadt Gefrees), nur 100 Meter neben der Bundesstraße 2 Richtung Münchberg. Ein unscheinbarer Feldweg zweigt ab, irgendwo neben der Feldscheune müssen sie gelegen haben. Auf einer Karte, die der Lützenreuther Bürgermeister Götschel nach dem Krieg im Auftrag der US-Militärregierung gezeichnet hat, sind sie als fünf dünne Striche eingezeichnet: "Fünf Einzelgräber"

Der Gefangenentransport war laut Götschel Mitte März 1945 durch das Dorf gezogen. Er kam aus Richtung Weißenstadt und war Richtung Bayreuth unterwegs. Fünf Gefangene seien gestorben, sie seien 200 Meter östlich der Ortschaft von ihren Kameraden beerdigt worden, schrieb Götschel 1947.

Die Gräber würden von der Gemeinde gepflegt. "Fast sämtliche Ortsangehörige" könnten Auskünfte über den Transport geben. Die fünf unbekannten Russen waren 1957 auf den Ehrenfriedhof Neumarkt in der Oberpfalz umgebettet worden. In Lützenreuth kennt man die Gräber nur vom Hörensagen, die Augenzeugen leben nicht mehr.

Die Amerikaner hatten nach Kriegsende 14 Todesmärsche durch den damaligen Landkreis Münchberg rekonstruiert und die Gewalttour durch Lützenreuth als "Transport I" bezeichnet. Der Marsch mit russischen und englischen Kriegsgefangenen ging demnach von Weißenhaid, Kornbach, Gefrees, Lützenreuth nach Bad Berneck. Bei diesen 14 Todesmärschen wurden Hunderte von Juden aus dem KZ Buchenwald sowie unzählige weitere unbekannte Männer und Frauen von der Front weggetrieben. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen.

Die US-Militärregierung ließ 1947 alle Gräber außerhalb von Friedhöfen entlang der Marschroute überprüfen. Auch die fünf Einzelgräber bei Lützenreuth sind erwähnt. "Die Gräber sind in einem sehr armseligen Zustand", hieß es. In Gefrees war zudem ein Massengrab von 45 bis 48 russischen Soldaten und ein Grab von einem englischen Soldaten genannt. Das Massengrab befand sich auf dem alten Friedhof, die Russen waren im März 1945 wohl an Entkräftung gestorben.

Die Amerikaner suchten Augenzeugen. So schrieb Günter Herbell aus Gefrees am 25. Juli 1947 mit Schreibmaschine einen Bericht "über den Durchmarsch russischer und britischer Gefangenen-Kolonnen und KZ-Häftlingen im März 1945". Große Kolonnen der Gefangenenlager aus den Ostgebieten und der Konzentrationslager (wahrscheinlich Buchenwald) hätten Gefrees durchquert. Während die englischen Kriegsgefangenen diesen Marsch in guter Disziplin und in sichtbar gutem Ernährungszustand bewältigten, schrieb der Zeitzeuge, machten die KZ-Kolonnen einen erheblich schwächeren Eindruck. Es sei nicht möglich gewesen, Verbindung aufzunehmen, da sie von SS-Wachmannschaften streng bewacht wurden. "Einen völlig verelendeten und völlig verhungerten Eindruck" hätten die russischen Kriegsgefangenen gemacht.

Nach dem Näherrücken der alliierten Front zogen unzählige Todesmärsche und Elendszüge aus KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen durch Oberfranken, getrieben von fanatischen Bewachern, die Kranke und Schwache gnadenlos ermordeten. Gerhard Gollner, ein gebürtiger Thiersteiner und später Lehrer und Stadtrat in Bayreuth, war zum Kriegsende neun Jahre alt. Er hat einen dieser Todesmärsche am 15. April 1945 durch Thierstein im Landkreis Wunsiedel beobachtet. Die Gefangenen kamen aus dem KZ Buchenwald bei Weimar und sollten ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz getrieben werden. Der Zustand der Gefangenen sei erbärmlich gewesen, erinnerte sich Gollner. "Die Menschen waren nur noch Haut und Knochen. Der Zug war ungeordnet. Wie eine Herde von Tieren wurden sie durchgetrieben." Die einen Gefangenen hatten blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung an, es waren auch kriegsgefangene Russen dabei. Die SS-Leute hätten mit dem Gewehrkolben zugeschlagen, wenn einer vor Erschöpfung nicht weiterkam. Eine Anwohnerin habe aus dem Fenster Brotstücke hinuntergeworfen. Einer der Häftlinge, der das Brot essen wollte, es aber nicht hinunterbekam, wurde von den SS-Bewachern auf dem Friedhof erschossen. "Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat", sagte der 83-Jährige.

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Peter Engelbrecht
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Veröffentlicht am:
13. 05. 2019
18:46 Uhr

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13. 05. 2019
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