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"Ich fahr euch - wohin ihr wollt"

180 Mitfahrbänke gibt es in Oberfranken. Wer sich einsammeln lässt, kommt nicht nur von A nach B, sondern erlebt auch viel Menschliches.



Warten mit guter Laune: Autorin Petra Jacob Sachs (rechts) mit ihrer Freundin Erika auf der Mitfahrbank.	Foto: Jacob
Warten mit guter Laune: Autorin Petra Jacob Sachs (rechts) mit ihrer Freundin Erika auf der Mitfahrbank. Foto: Jacob   » zu den Bildern

Stammbach/Gefrees - Die Idee kommt im Waldkloster von Herrnschrot. Zwei Stunden dauerte der Fußmarsch von Streitau aus mit Freundin Erika. Dort hatten wir sie zum ersten Mal gesehen: eine jener Mitfahrbänke. Sie stehen inzwischen in vielen Dörfern Oberfrankens und funktionieren im Grunde wie Bushaltestellen. Nur halten dort keine Busse, sondern Autofahrer sollen die Wartenden mitnehmen. Sie sind als Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr gedacht, in Regionen, die bisher nicht oder schlecht erschlossen sind.

Fazit der Autorin

Via Mitfahrbank zu reisen ist sicher nicht geeignet, um feste Termine wahrzunehmen, dafür eine interessante Art, nette und hilfsbereite Mitmenschen kennenzulernen

und sicher auch eine Möglichkeit, seine Heimat mit neuen Augen zu sehen. Wichtig: Zeit mitbringen und gute Laune.


Die zum Kloster nächstgelegene Mitfahrbank sollte es in Stammbach geben, vier Kilometer entfernt. Auf dem Parkplatz des Klosters entledigt ein Mann sich seiner Wanderstiefel vor seinem Auto. Ob er vielleicht nach Stammbach fährt? "Ich fahr euch schnell hin", meint er großzügig. Armin ist Mittelschullehrer aus Straubing und seit vielen Jahren verbringt er einen Teil seiner Ferien im Waldkloster. Er ist es gewohnt, gefragt zu werden, ob er jemanden zum Bahnhof nach Stammbach oder Marktschorgast fahren kann, erzählt er. Eigentlich wäre es eine gute Idee, so eine Mitfahrbank auch vor dem Kloster aufzustellen, sagt er und lacht. Witzigerweise begann die Mitfahrbänke-Idee genau so.

"Es war ein Mann in der Eifel, der sich eine Bank vor die Haustür stellte, von der aus Leute mitgenommen werden konnten”, erzählt Frank Ebert, Geschäftsführer vom Verein Oberfranken Offensiv. Nach einem Vortrag, den er hörte, wurde die Idee aufgegriffen. Für die ersten 40 Bänke konnten sich die Gemeinden noch bewerben. Mittlerweile hat sich das Projekt verselbstständigt. "Inzwischen gibt es an die 180 Mitfahrbänke in Oberfranken, die Region mit der höchsten Mitfahrbänkedichte Deutschlands”, sagt Ebert. Kommunen könnten jetzt die Bänke auch auf eigene Rechnung kaufen. Die Mitfahrbänke werden in der Behindertenwerkstatt von Himmelkron hergestellt, eine Bank inklusive Schildermast gibt es für 1000 Euro, erzählt Ebert.

In Stammbach ist die Bank nicht einfach zu finden. Sie steht an der Durchgangsstraße mitten im Ort, von links und rechts mit Autos zugeparkt. Laut Richtungsschilderangebot können wir von hier nach Marktschorgast, Wirsberg und Marktleu-
gast fahren. Aber nicht nach Streitau. (in Streitau hat es jedoch ein Schild für Stammbach gegeben). Wir laufen aus Stammbach heraus in Richtung Streitau, in der Hoffnung, noch eine andere Bank zu finden. Nach der Siedlung immer noch nichts. Gut, dass wir in jungen Jahren viel getrampt sind, so halten wir den Daumen raus. Etwas komisch ist es schon, denn im typischen Tramper-Alter sind wir zwei Frauen nicht gerade.

Nach zehn Minuten hält ein Auto mit zwei sehr jungen Menschen. Am Steuer Sven, neben ihm Sophia. "Ich fahre euch schnell rüber”, sagt der freundliche Sven, der Fahrer. Eigentlich wollte er bereits 500 Meter weiter abbiegen, "Jägerschnitzel am Weißenstein".

Fünf Kilometer später sichere Ankunft in Streitau. Schnell noch ein Selfie mit Freundin Erika auf der Mitfahrbank. Diese steht mitten im Ort vor der Kirche. Ein vorbeifahrender Autofahrer lacht, der nächste winkt freundlich, das dritte Auto hält. Die blonde Waltraud begrüßt mit einem breiten herzlichen Lachen. "Wo wollt ihr hin?" Sie kommt von der Arbeit, will nach Hause nach Oberbug. Auf halber Strecke zurück nach Stammbach. "Aber ich fahre euch schnell, wohin ihr wollt.” Sie findet diese Mitfahrbänke eine klasse Idee. Sie fährt hier regelmäßig vorbei, aber sie hat noch nie jemanden sitzen sehen.

So eine nette Begegnung macht Lust auf mehr. Fünf Tage später sitzen wir wieder in Streitau. Stammbach, Marktschorgast, Gefrees, Bad Berneck und Münchberg haben wir an Richtungsschildern zur Auswahl. Wir entscheiden uns für Letzteres, wir wollen zum Einkaufen fahren. Denn Streitau mit seinen knapp 450 Einwohnern hat schon seit vielen Jahren keinen Bäcker oder Lebensmittelladen mehr. Nach Münchberg sind es knapp zehn Kilometer.

Mit Einkaufstasche sitzen wir auf der Bank. Die Streitauer Hauptstraße ist viel befahren, alle zwei Minuten fährt ein Fahrzeug vorbei. Zahlreiche Einheimische. Ein Mann, der Prospekte verteilt, setzt sich auf eine Bank auf dem Gehsteig gegenüber und blickt herüber: "Da bin ich ja mal gespannt, ob euch jemand mitnimmt.” - "Wir auch.”

Eine Stunde warten wir vergebens. Wir wechseln die Straßenseite, wollen nun nach Gefrees. Diesmal nur vier Kilometer entfernt. Drei Minuten später lädt ein Paar auf der anderen Straßenseite leere Getränkekisten ins Auto. "Wollt ihr nach Gefrees?”, ruft die Frau herüber. Sigrid wohnt mit ihrem Mann Jürgen hier. Die Bank stehe hier seit Wochen. "Ich habe da noch niemanden sitzen sehen", erzählt Sigrid. Sie stammt aus dem Badischen, Jürgen aus Rheinland-Pfalz. Seit 34 Jahren leben sie in Oberfranken, erzählen sie im Auto, auf dem Weg zum Einkaufen.

Für die Fahrt zurück nach Streitau steht die Mitfahrbank von Gefrees gegenüber der Stadthalle an einer Bushaltestelle. Sehr gut einsehbar und ideal zum Anhalten. Viele Fahrzeuge mit auswärtigen Kennzeichen fahren vorbei. Nach 20 Minuten Warten stoppt Franzi aus Streitau. "Ich würde nur Leute mitnehmen, die ich kenne”, sagt sie. Immerhin.

Frank Ebert von Oberfranken Offensiv schaut für das Projekt zuversichtlich in die Zukunft: "Das Interesse ist da. Jetzt müssen wir die Idee nur noch bekannter machen.” Und wie meinte Jürgen vorhin: "Bei den Oberfranken dauert es immer etwas länger, bis sie etwas Neues annehmen. Aber wenn sie es dann machen, dann machen sie es.”

Autor

Petra Jacob Sachs
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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
18:50 Uhr

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Autor

Petra Jacob Sachs

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Veröffentlicht am:
24. 09. 2019
18:50 Uhr



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