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Münchberg

Münchberg geht völlig neue Wege

Die Stadt will sich künftig als Zentrum für Genuss und Kulinarik positionieren. Das ist ein bundesweit einmaliges Konzept.



Die Ideengeber: die Münchberger Andreas Fickenscher, Tilman Held (vorne von links) sowie Hanns Bergmann (hinten links). Bürgermeister Christian Zuber (hinten rechts) stellte gestern der Öffentlichkeit die Pläne vor.
Die Ideengeber: die Münchberger Andreas Fickenscher, Tilman Held (vorne von links) sowie Hanns Bergmann (hinten links). Bürgermeister Christian Zuber (hinten rechts) stellte gestern der Öffentlichkeit die Pläne vor.  

Münchberg - Der Satz "Handel ist Wandel" gilt in der Branche wie ein Gesetz. In den vergangenen Jahren bedeutet dieser Wandel für Städte und Gemeinden allerdings meist: Wieder gibt ein Einzelhändler auf, wieder ein Leerstand mehr, wieder weniger Attraktivität in der Innenstadt. Dagegen will sich Münchberg wehren. Gestern Abend stellten Bürgermeister Christian Zuber, die drei aus Münchberg stammenden Ideengeber sowie die Experten zweier Fachbüros aus Fürth den Bürgern ihre Ideen vor. Die wichtigsten Punkte des Konzeptes sind:

 

Der Genussort: Münchberg wurde im Vorjahr vom Freistaat zu einem von 100 Genussorten in Bayern ernannt. Im Landkreis Hof ist man der einzige. Dies verdankt die Stadt Spezialitäten wie dem "Heimatbrot" des Backhauses Fickenscher, den Produkten der Bio-Bäckerei Popp oder dem "Münchberger Klostertropfen" von Karl-Heinz Förster. Kürzlich hat die Stadt in einer Broschüre mehr als 30 Genussbetriebe vorstellt. Außerdem ist Münchberg Teil der Genussregion Oberfranken, die zahlreiche Weltrekorde hält. Gemessen an der Einwohnerzahl gibt es hier die meisten Bäckereien, Metzgereien und Brauereien der Welt.

 

Die Idee: Keine Schnaps-, sondern eine Grillidee. Während das Fleisch brutzelte, hatten drei Münchberger vor zwei Jahren den Gedanken, Münchberg zum Zentrum des Genusses zu machen: Andreas Fickenscher (Geschäftsführer des Backhauses Fickenscher), Hanns Bergmann (Geschäftsführer von Stoeckel & Grimmler) sowie Tilman Held (früherer Geschäftsführer von Frankenwälder/Frank Walder). Später holte das Trio Bürgermeister Christian Zuber ins Boot.

 

Die Ausgangssituation: Wie so viele kleinere Städte kämpft Münchberg mit Problemen im Einzelhandel - digitale Konkurrenz, Geschäftsaufgaben, Leerstände. Um die Innenstadt zu beleben, hat die Stadt seit 2013 im Bereich Infrastruktur und Verkehr einiges unternommen (Sanierung Bahnhofstraße, Entwicklung des Götz-Areals, Verschönerung des Pocksparkplatzes). Bürgermeister Christian Zuber aber ist ehrlich genug, um festzustellen: "Das allein reicht nicht."

 

Die Alternative: Viele Kommunen setzen für den Handel auf Gewerbegebiete am Stadtrand oder ein Outlet-Zentrum an der Autobahn. Paradebeispiel ist das Wertheim-Village, das pro Jahr 2,5 Millionen Besucher anlockt. Die Innenstädte profitieren von solchen Großprojekten selten. Münchberg will genau den anderen Weg gehen, die Kundenfrequenz im Stadtkern erhöhen und die eigenen Händler einbinden.

 

Das Motto: So wie Bamberg fürs Rauchbier, Bayreuth für Wagner oder Helmbrechts für die Kultur(welten) steht, möchte sich Münchberg das Image eines Genusszentrums aufbauen und zur "Kulcity" werden, wobei Kul für Kulinarik und cool zugleich steht. Dazu plant man einen ganzen Strauß von Maßnahmen.

 

Der Grundgedanke: "Genuss bedeutet ja nicht nur Essen und Trinken", sagt Bürgermeister Zuber. Münchberg will all die Variationen erlebbar machen und so zum Genusszentrum schlechthin werden. Die Ideen reichen von Kochevents mit Gastköchen bis zu Genussführungen durch Läden und Kneipen, von einer Bierothek bis zum Museum für Kulinarik.

 

Das Vorbild: Gibt es keines. Das Projekt ist deutschlandweit einmalig. Damit nicht eine andere Stadt den Münchbergern ihre Idee vor der Nase wegschnappt, wurden selbst die Mitarbeiter des Beratungsbüros zunächst zum Schweigen verpflichtet.

 

Der erste Schritt: Eine wichtige Rolle im Konzept spielt das Fachwerkhäusla, das älteste Gebäude der Stadt, für das man im Rathaus seit einiger Zeit ein Nutzungskonzept sucht. Hier könnte Münchberg sich selbst und die anderen Orte der Genussregion Oberfranken präsentieren. Auch die Nutzung als Tourist-Info ist angedacht.

 

Die Profis: Seit neun Monaten haben die Ideengeber und die Stadt zwei Planungsbüros an der Seite. Sie griffen die Ideen auf, analysierten die Situation vor Ort und entwickelten ein Konzept. Und vor allem: "Sie haben uns bestätigt, dass wir keine Luftschlösser bauen, sondern dass das auch finanziell umsetzbar ist", sagt Bürgermeister Zuber. Die Regierung von Oberfranken unterstützt das Projekt mit Fördermitteln für die Machbarkeitsstudie.

 

Der Handel: Während Amazon und andere digitalen Anbieter für "schnelles Einkaufen" stehen, will Münchberg angelehnt an die Slow-Food-Bewegung einen anderen Weg gehen. "Wer seine Innenstadt beleben will, schafft das nur über Erlebnisse für den Kunden. Für uns bedeutet das, dass wir auf ,slow by‘ setzen", sagt Wilfried Weißenberger. Er gilt unter den Planern als kreativer Geist. Als Genusszentrum mit Erlebnischarakter, so ist Weißenberger überzeugt, könnte auch eine Stadt wie Münchberg für bekannte Firmen so attraktiv sein, dass diese ihre Produkte hier anbieten wollen. Dies sei im kleinen, exklusiven Rahmen in Leerständen denkbar, aber auch bei vorhandenen Einzelhändlern, denn: "Wir wollen im Handel nix komplett Neues, sondern die stärker machen, die schon da sind." Deshalb hat man am Donnerstag 80 Händlern die Pläne vorgestellt und sie gebeten, sich mit Ideen einzubringen.

 

Der Ikea-Gedanke: Vieles ist zum jetzigen Stand der Planungen noch Zukunftsmusik. Manche Idee entwickelt allerdings großen Charme, wie die Verknüpfung von Online- und Offline-Handel. Weil namhafte Hersteller in einer Kleinstadt keine Läden eröffnen (Personalkosten, fehlende Lagerkapazität), will man sie dazu bringen, Regale oder kleine Bereiche anzumieten, in denen der Kunde ihre Produkte anfassen und ausprobieren kann. Statt seine Einkäufe mitzunehmen, legt er sie über sein Handy in einen digitalen Einkaufskorb ab und holt alles nach dem Einkaufsbummel bequem in einem Zentrallager à la Ikea ab.

 

Das Betreibermodell: Bürgermeister Zuber will nun möglichst viele von der Idee überzeugen. Am Ende könnten alle - Stadt, Gastronomen, Einzelhandel, Besitzer von Leerständen, Kapitalgeber, Genussregion, Slow-Food-Bewegung - eine Betreibergesellschaft gründen. Denkbare Alternativen sind eine Kapitalgesellschaft mit Trägerverein, eine Genossenschaft oder eine Bürger-Aktiengesellschaft. Vorteil hier: Die Beteiligten sind emotional mit dem Projekt verbunden, es entsteht Identifikation und Gemeinschaftsgeist. "Wir wollen den Charme der Kleinstadt nutzen und uns gemeinsam vermarkten", beschreibt Andreas Fickenscher die Idee, während sein Kollege Tilman Held die Einzigartigkeit des Projekts hervorhebt: "Dass eine Stadt sich auf Kulinarik und Genuss fokussiert, ist ein Novum in Deutschland - und deshalb eine echte Chance für uns."

 

Der Zeitrahmen: Mit dem Schritt an die Öffentlichkeit haben die Macher Phase eins abgeschlossen. Nun geht es darum, Begeisterung zu wecken. Konkrete Auswirkungen auf Handel und Gastronomie werden sicher nicht von heute auf morgen sichtbar sein. "Das Projekt kann sich nur über Jahre und Schritt für Schritt entwickeln", macht Planer Wilfried Weißenberger deutlich.

 
Autor
Alexander Wunner

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Veröffentlicht am:
17. 09. 2019
18:48 Uhr

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Alexander Wunner

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17. 09. 2019
18:48 Uhr



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