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Länderspiegel

"Da draußen ertrinken immer noch Menschen"

Nicole Hartmann studiert in der Region. Im Mittelmeer ist sie Teil einer Mission von "Sea Eye", einem Verein zur Seenotrettung.



Nicole Hartmann half mit, Flüchtlinge zu retten, die nach langem Tauziehen in Malta an Land gehen durften; die "Alan Kurdi" mit ihrer Besatzung hat noch keinen sicheren Hafen gefunden. Foto: Fabian Heinz
Nicole Hartmann half mit, Flüchtlinge zu retten, die nach langem Tauziehen in Malta an Land gehen durften; die "Alan Kurdi" mit ihrer Besatzung hat noch keinen sicheren Hafen gefunden. Foto: Fabian Heinz  

Bayreuth - Die "Alan Kurdi" trägt den Namen des kleinen syrischen Jungen, der tot vor der türkischen Küste angeschwemmt wurde. Auf diesem Schiff der Regensburger Organisation "Sea Eye", das mit 64 Flüchtlingen zehn Tage lang auf Irrfahrt im Mittelmeer war, arbeitet ehrenamtlich Nicole Hartmann, die in Bayreuth studiert. Unserer Zeitung schildert sie ihre Eindrücke.

Welches war Ihr schlimmstes, welches Ihr schönstes Erlebnis auf der "Alan Kurdi"?

Beides liegt für mich bei den Missionen immer eng zusammen. Zu sehen, wie erleichtert die Menschen sind, dass wir sie gefunden haben, ist natürlich schön, sich gleichzeitig vorzustellen, dass sie auf diesem klapprigen Boot ziemlich sicher nie angekommen wären, finde ich schrecklich. Während unserer Mission wurden mehrere Boote gemeldet, die sich in Seenot befinden, über ihr Schicksal ist nichts bekannt. Und während da draußen immer noch Menschen ertrinken, wurden wir für fast zwei Wochen daran gehindert, die Überlebenden an einen sicheren Hafen zu bringen.

 

Wie dramatisch war die Situation?

Zwischenzeitlich mussten zwei junge Frauen aufgrund gesundheitlicher Probleme sogar evakuiert werden. Staaten können auch verhandeln, wenn die Menschen bereits sicher an Land sind; ihnen noch weitere Strapazen zuzumuten, ist einfach unmoralisch und verletzt zudem geltendes Recht. Ich bin froh, dass die Menschen mittlerweile sicher von Bord gehen konnten.

 

Was war Ihr persönlicher Antrieb, sich für Sea Eye zu engagieren? Wie lange sind Sie dabei?

Ich bin vor etwa einem Jahr das erste Mal bei einer Mission von "Sea Eye" dabei gewesen. Ich glaube, es ist wichtig, dass jeder sich seinen Möglichkeiten entsprechend dafür einsetzt, was er oder sie für richtig hält. Das kann in der eigenen Gemeinde oder eben woanders sein. Wichtig ist, dass wir als Zivilgesellschaft aktiv werden.

 

Sie engagieren sich zudem bei den Maltesern, warum?

Auch dem Malteser Hilfsdienst geht es doch darum, Menschen in schwierigen Lebenssituationen beizustehen. Ich glaube, niemand würde uns unterstellen, dass sich mehr Menschen bei Veranstaltungen verletzen, weil ein Sanitätsdienst vorhanden ist, oder würde von uns verlangen, dass wir es unterlassen, Erste Hilfe zu leisten, nur weil jemand sich selbst in die Lage gebracht hat. Aber leider unterstellen uns viele Kritiker privater Seenotrettung, dass sich mehr Menschen auf den Weg machen würden, weil wir da sind. Dass das nicht der Fall ist, wurde bereits von mehreren Studien belegt, und die Aussagen der Geretteten widerlegen das ebenfalls. Und wenn in Deutschland ein Unfall passiert, dann erwarten wir doch auch, dass hilft, wer kann, und stellen nicht infrage, ob die verunfallte Person eine Mitschuld trägt. Nur das eine passiert vor der eigenen Haustür und das andere weit weg, wo man es nicht sieht.

 

Maltas Regierung lehnt die Aufnahme von Flüchtlingen strikt ab.

Ich finde es schlimm, dass immer noch Menschen im Mittelmeer ertrinken. Die zentrale Mittelmeerroute wird schon seit Jahrzehnten genutzt, auch wenn viele das Gefühl haben, dass es ein neues Phänomen sei. Wenn man sich die neuesten Berichte von Menschenrechtsorganisationen durchliest, werden die Zustände in Libyen weiterhin als katastrophal beschrieben und dennoch sträuben sich europäische Länder, nicht nur Malta, Menschen zu helfen, die diesen entkommen konnten.

 

Die Rettung von Menschen aus dem Mittelmeer wird von vielen Menschen in Deutschland abgelehnt; was sagen Sie dazu?

Natürlich gibt es Menschen, die private Seenotrettung aus den unterschiedlichsten Gründen ablehnen. Ich glaube aber, dass der Zuspruch in der Bevölkerung größer ist. Unabhängig davon, ob jemand die Gründe nachvollziehen kann, weswegen Menschen sich auf den Weg über das Mittelmeer machen, kann es nie gerechtfertigt sein, Menschen ertrinken zu lassen. Grundsätzlich
würde ich mir wünschen, dass die Diskussion wieder menschlicher wird. Es geht schließlich nicht um Zahlen, sondern um menschliche Schicksale.

 

Sie studieren in Bayreuth - welche Fächer? Wo liegen Ihre Wurzeln, was sagt Ihre Familie zu Ihrem nicht
ungefährlichen Engagement?

Ich studiere Internationale Wirtschaft und Entwicklung und bin für das Studium nach Bayreuth gezogen. Ursprünglich komme ich aus dem Allgäu. Meine Familie und Freunde unterstützen mich natürlich bei dem, was ich tue. Inwieweit der Einsatz für mich gefährlich ist, möchte ich mal dahingestellt sein lassen. Gefährlich finde ich allerdings, wenn sich eine Person, die nicht schwimmen kann, auf ein seeuntaugliches Boot setzen muss, weil es keine andere Möglichkeit für sie gibt.

Die Fragen stellte Elmar Schatz

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Veröffentlicht am:
23. 04. 2019
19:36 Uhr

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23. 04. 2019
19:36 Uhr



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