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Länderspiegel

"Das ist unerträglich"

Klaus Zeyringer erforscht die Kulturgeschichte des Sports. Die jüngsten Entwicklungen überraschen ihn nicht. Er ruft sogar zum WM-Boykott auf.



Interview: mit Klaus Zeyringer, Autor
Interview: mit Klaus Zeyringer, Autor  

Herr Zeyringer, nach den Sport-Skandalen der vergangenen Monate: Wann haben Sie das letzte Mal am Morgen den Sportteil der Zeitung gelesen und sich gedacht: Das darf doch nicht wahr sein!

Zur Person

Klaus Zeyringer stammt aus Graz und war Universitätsprofessor für Germanistik in Frankreich. Er ist als Literaturkritiker für den "Standard" tätig, moderiert in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Zuletzt erschienen von ihm "Fußball. Eine Kulturgeschichte" sowie "Olympische Spiele. Ein Kulturgeschichte von 1896 bis heute".

 

Das ist schon lange her, denn das, was man über Ronaldo oder den McLaren-Report liest, schwelt schon einige Zeit. Auch die Praktiken, die "Der Spiegel" mit Football-Leaks enthüllt hat, wusste man ungefähr. Nur die Verflechtungen nach Kasachstan zu mafiösen Oligarchen war weniger bekannt. Insgesamt waren die Football-Leaks nicht überraschend.

 

Auch kulturgeschichtlich? Wie kam dazu?

Die Entwicklung hat in dem Moment ihren Ausgang genommen, als viel Geld in den Sport kam. Das begann mit Adidas in den 1960er-Jahren. Seit den olympischen Sommerspielen in Rom und der Fußball-WM in England das Fernsehen dabei ist, fließt sehr viel Geld in den Sport. Schon damals war absehbar, wie es weitergehen würde. Ich halte es also für nicht völlig überraschend. Aber für völlig unverständlich! Dass jemand, der 70 Millionen Euro im Jahr verdient, seine Steuern nicht zahlt, halte ich für unbegreiflich. Die Relationen haben sich wesentlich verschoben. In den 1960er-Jahren hat Uwe Seeler dreimal so viel verdient wie ein Durchschnittsverdiener. Heute verdient ein durchschnittlicher HSV-Kicker zehnmal so viel wie der Bundespräsident. Das ist unerträglich.

 

Das Gegenargument lautet: Es handelt sich um einen freien Markt!

Das stimmt so nicht, denn die öffentliche Hand investiert sehr viel: in Infrastruktur und in die Polizeieinsätze. Bei einem Bundesliga-Spiel kostet der Polizei-Einsatz 300 000 Euro.

 

Kann man den Spielern überhaupt einen Vorwurf machen, dass sie zu solchen Gehältern nicht Nein sagen?

Es sich um junge Leute, die schon sehr früh in einer Fußball-Welt leben und von der anderen Welt wenig wahrnehmen. Bei den meisten Akademien sind die Spieler völlig auf den Fußball fokussiert. Und so empfinden sie diese Summen als völlig normal. Daraus entstehe eine abgehobene Kaste. Es gibt aber auch Spieler, die das reflektieren.

 

Also liegt die Schuld bei den Vereinen?

Die Vereine und Verbände könnten das viele Geld aus den Fernsehrechten in die Jugendarbeit stecken, anstatt den Spielern - und vor allem den Spielerberatern - immer mehr Geld zu geben. Was da umgesetzt wird, ist unerträglich. Dahin gehen doch die Fernsehgelder!

Und die TV-Gelder kommen direkt aus der Tasche der Fans! Also liegt es daran?

Natürlich. Außerdem schaffen es die Fernsehgelder, dass die Reichen immer reicher werden. Das führt dazu, dass die europäischen Wettbewerbe langweiliger werden, da immer dieselben gegeneinander spielen. Ich fürchte, irgendwann implodiert dies. Denn zudem steigen für die Fans die Kosten für Tickets und Merchandising-Artikel. Es kann durchaus sein, dass es langfristig ein Problem mit den Zuschauerzahlen geben wird. Im Moment sieht es nicht danach aus. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es auch immer so dabei bleibt.

 

Es ist doch verwunderlich: Trotz wachsenden Unmuts der Fans sind die Stadien voll. Woran liegt es?

Solange irgendeine Art von Spannung da ist und eine Form von Identität hergestellt werden kann, wird es funktionieren. Die Fans sind offenbar sehr leidensfähig.

 

Identität ist ein gutes Stichwort: Wie lange ist der Wahrnehmungsverlust zwischen den vermittelten Werten, wie Fairness, und dem mafiösen Milliarden-Geschäft noch aufrechtzuerhalten?

Im Moment funktioniert das Ganze noch. Auch deshalb, weil wir in unserer Gesellschaft Ängste vor uns herschieben. Der gesellschaftliche Kitt sind Erfolge - eben auch sportliche Siege. Sollte sich die gesellschaftliche Situation ändern, dann kann das sehr bald auch anders werden.

 

Also verbindet der Sport noch heute den Arbeitslosen und den Banker?

Der Hartz-IV-Empfänger wird seinem Verein nicht regelmäßig zu Auswärtsspielen folgen können. Der Banker wird mit Sicherheit in der VIP-Lounge sitzen. Aber zurück zur Identifizierung: Fußball läuft immer mehr als Event ab, bei dem die Fans nicht mehr Fans sind, sondern Konsumenten. Dieser Event-Charakter erregt auch die Fans. Die Identifizierung mit dem Verein funktioniert hingegen stärker mit den Vereinsfarben, der Tradition oder den Merchandising-Artikeln - und immer weniger mit den Spielern.

 

Lässt sich das Rad noch einmal zurückdrehen?

Das glaube ich nicht. Es braucht einen intensiven Eingriff von außen. Von innen ist das System nicht reformierbar, weil es keinen echten Reformwillen gibt. Es finden maximal Kulissenschiebereien statt.

 

Wer kann denn von außen überhaupt etwas bewirken?

Entweder boykottiert das Publikum die Veranstaltungen, dann gibt es weniger Geld, oder die Zivilgesellschaft und die Politiker stellen sich auf die Hinterbeine. Es ist aber noch nicht so weit. Es müsste die Zivilgesellschaft in großer Masse sein - so wie in Brasilien beim Confed Cup 2013. Oder es müssten politisch Mächtige sein, die Gesetze ändern.

 

Sehen Sie zumindest Ansätze für eine Änderung?

Nein. Vor allem politisch sehe ich überhaupt keine Veränderungen. Ich sehe aber, dass das Konzept Olympia Schwierigkeiten bekommen könnte: Schon in Rio 2016 hat das Interesse an Olympia spürbar nachgelassen. Ich vermute, dass das IOC mit Kontrolle über die Bildrechte versuchen wird, die aktuelle Situation zu verlängern.

 

Das ist eine pessimistische Prognose!

Der Sport ist eine faszinierende Angelegenheit und ich finde es einfach schade, dass er derart von den Auswirkungen des Neoliberalismus in Beschlag genommen wird - und die meisten Leute es einfach nicht merken wollen.

 

Was kann denn der Fan in Oberfranken gegen diese Entwicklungen tun?

Die Leute müssen sich informieren - und überlegen, in welcher Form sie mitmachen, um Druck aufzubauen. Ich habe mich darüber mit meinem Freund, dem Schriftsteller Ilija Trojanow, lange und breit unterhalten. Wir haben ein Manifest geschrieben, das bald publiziert wird. Wir meinen: Im Fußball entstehen die Zustände erst durch die Fernsehgelder. Wir werden daher dazu aufrufen, die WM in Russland im TV zu boykottieren. Allerdings: Alle finden den Aufruf gut, werden aber trotzdem die WM schauen.

Das Gespräch führte Marcus Schädlich

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Veröffentlicht am:
05. 07. 2017
19:48 Uhr

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Veröffentlicht am:
05. 07. 2017
19:48 Uhr



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