Lade Login-Box.
Topthemen: Live-Ticker "Rock im Park"Mit Video: HöllentalbrückenSchlappentag

Länderspiegel

Die Furcht vor dem Müllnotstand geht um

Firmen und Entsorger müssen Alternativen finden, um Gewerbemüll zu entsorgen. Für den Engpass gibt es viele Gründe. Doch das hilft nicht, die Lage zu entspannen.



Überquellende Abfallcontainer auf Firmengeländen könnten in Zukunft ein alltäglicher Anblick werden. Der Zweckverband Schwandorf, in dem der Müll aus weiten Teilen Nordbayerns verbrannt wird, hat bis Jahresende einen Anlieferstopp für Gewerbemüll verfügt. Das fordert (von links) den aus Kulmbach stammenden IHK-Vizepräsidenten Michael Möschel ebenso wie EntsorgerRainer Trapper sowie Norbert und Michael Drechsler. Fotos: Melitta Burger
Überquellende Abfallcontainer auf Firmengeländen könnten in Zukunft ein alltäglicher Anblick werden. Der Zweckverband Schwandorf, in dem der Müll aus weiten Teilen Nordbayerns verbrannt wird, hat bis Jahresende einen Anlieferstopp für Gewerbemüll verfügt. Das fordert (von links) den aus Kulmbach stammenden IHK-Vizepräsidenten Michael Möschel ebenso wie EntsorgerRainer Trapper sowie Norbert und Michael Drechsler. Fotos: Melitta Burger  

Kulmbach/Schwandorf - Es sind viele Gründe, die aus der Sicht der Entsorgungsunternehmen Gewerbebetriebe aus ganz Ostbayern, von Hof bis Landshut vor gewaltige Probleme stellen, seit die Müllverbrennungsanlage in Schwandorf vor einigen Tagen einen Annahmestopp für Gewerbemüll verfügt hat.

China und andere asiatische Staaten nehmen den Deutschen keinen Abfall mehr ab. Die großen Mengen, die dorthin verschifft wurden, bleiben jetzt im Land. Die Konjunktur in Deutschland boomt wie lange nicht. Damit entstehen natürlich in den Unternehmen auch mehr Abfälle. Das hat bei den Wertstoffen zu einem Preisverfall geführt. Die Wiederverwerter sind wählerischer geworden. Und nicht zuletzt: Wie es scheint, hat auch die Sorgfalt bei der Sortierung des Mülls abgenommen.

Doch was immer auch die Ursachen sein mögen: Kurzfristig stellen die Folgen Gewerbebetriebe und Entsorger vor gewaltige Herausforderungen. Denn seit die Anlage in Schwandorf keinen Gewerbemüll mehr annimmt, müssen andere Lösungen her. Die sind mit deutlichen Preissteigerungen für die Entsorgung verbunden. Abfall wird, das befürchten Fachleute, bald wieder weite Reisen machen. Doch auf Dauer wird sich, das fürchten viele Unternehmer aus der Region, noch ein ganz anderes Problem auftun. Es könnte durchaus sein, dass sich auf Firmenhöfen bald schon Müllberge türmen.

Das Thema brennt auf den Nägeln. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken Bayreuth hat eine Resolution zum Entsorgungsnotstand verfasst. Sie soll auf der nächsten Vollversammlung verabschiedet werden. Der IHK-Fachausschuss Umwelt und Energie hat diesem Thema eine lange Sitzung gewidmet. Dabei hat der Geschäftsleiter des Zweckverband Müllverwertung Schwandorf (ZMS), Thomas Knoll, den Vertretern der Wirtschaft konkret gesagt: "Es droht ein Entsorgungsnotstand."

Norbert Drechsler ist Entsorgungsunternehmer in Kulmbach. Er liefert Container und holt sie dann wieder ab, um sie an der Kulmbacher Umladestation, einer von elf solcher Einrichtungen im Zweckverband, abzukippen. "Jetzt schauen wir mit dem Fernglas ins Gebirge", sagt Drechsler. Er hat die Schwandorfer Anlage jahrelang genutzt, sich darauf verlassen. Die Situation jetzt: Container würden länger blockiert als üblich. Zuweilen bleibe nichts anderes, als abgeholten Gewerbemüll auf dem Firmengelände zu lagern, bis eine Lösung gefunden ist. Doch auch das gehe nicht unbegrenzt. Die Entsorger haben für Zwischenlösungen festgelegte Mengen. "Wenn wir drüber kommen, könnte man uns theoretisch sogar den Betrieb zusperren."

Rainer Trapper aus Kulmbach ist ebenfalls im Entsorgungsgeschäft. Seit Jahren bereits habe er ein enormes Auftragsplus, weil extrem viele Abfälle anfallen. Dass Schwandorf nun ausfällt, macht Trapper die Arbeit schwer. "Wir bringen es schon noch los, aber eben nicht so viel wie wir haben." Bisweilen wird das für den Entsorger zum echten Problem.

Trapper berichtet, er habe kürzlich einen übelriechenden Container mit Abfällen aus einer sozialen Einrichtung eine Woche lang nicht abladen können. Das habe der Zweckverband jetzt glücklicherweise wieder geändert. Hygienisch bedenkliche Abfälle dürfen wieder nach Schwandorf, auch wenn es Gewerbemüll ist. Die beiden Container mit Dachpappe stehen schon seit Wochen auf dem Betriebshof. Wie sähe der Worstcase aus, wenn nichts mehr geht? "Dann schicken wir unsere Fahrer heim und legen die Lkw still." Mehr Müllheizkraftwerke sind nach Trappers Meinung nötig. "Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit. Wir haben mehr Müll, mehr Menschen und immer mehr Wegwerfartikel."

In der Sortieranlage, die die Firma Trapper betreibt, türmen sich Berge. Alte Holzpaletten, gemischter Restmüll aus Gewerbebetrieben und Folien warten auf Abholung. Nur weiße Folien, am besten großflächige, finden noch Abnehmer, berichtet Trapper. "China hat über Jahre Kunststofffolien in großer Menge importiert. Jetzt nehmen die nichts mehr. Damit sind immense Mengen an Folien in Europa, und keiner weiß, wohin." So ergebe sich ein Kreislauf. Die Verarbeiter können sich das beste Material aussuchen, die Preise sinken. Verschmutzte oder farbige Folien will gar keiner. "Das landet dann wieder im Gewerbemüll, und wir stehen da mit dem Problem."

Das Problem hat Ausmaße angenommen. Zusätzliche Kräfte würden gebraucht, um überhaupt noch Abnehmer zu finden. "Wir telefonieren den ganzen Tag", sagt Trapper. Teilweise werde schon gar nicht mehr aufs Geld geschaut, sondern nur noch darauf, wer etwas abnimmt. "Wir haben unsere Preise bereits erhöht und werden weiter erhöhen müssen." Nicht nur die Preise bei den Abnehmern steigen, auch die Fahrtkosten werden um so teurer, je weiter der Abfall transportiert werden muss. "Unser bestehenden Kunden bedienen wir. Neukunden nehmen wir derzeit nicht an", macht der Unternehmer deutlich.

Michael Möschel, IHK-Vizepräsident und Unternehmer in Kulmbach, hat die Auswirkungen des Annahmestopps in Schwandorf gerade am eigenen Leibe verspürt. Er hat in seiner Firma renoviert. Die Abfälle, die er auf der Umladestation, natürlich gegen Bezahlung, loswerden wollte, musste er aber wieder mit nach Hause nehmen. "Bis Mittwoch vergangener Woche ging das noch. Möschel sieht höchsten Handlungsbedarf in der Politik. "Jetzt kann jeder Politiker, der täglich sagt, wie wichtig ihm die Umweltpolitik ist, zeigen, wie ernst es ihm damit ist."

Der Schwandorfer Landrat Thomas Ebeling ist Vorsitzender des Zweckverbands. Seit Jahren, sagt er, habe er auf die Entwicklung hingewiesen. Sie komme nicht überraschend, sie sei nur nicht gehört worden. Der Zweckverband sei für den Müll aus den privaten Haushalten da. Nur wenn Kapazitäten frei sind, könne auch Gewerbemüll verarbeitet werden. Die Kapazitäten seien jetzt erschöpft. Ebeling glaubt nicht, dass sich das im kommenden Jahr bessert. Natürlich sei er als Landrat daran interessiert, der Wirtschaft bestmöglich zu helfen. Aber die Privatwirtschaft sei auch gefordert, selbst Lösungen zu schaffen. Dass Unternehmer verärgert sind, versteht Ebeling. Den Müll abnehmen kann er ihnen aber nicht. "Wo soll ich denn hin damit?"

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 06. 2019
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abfall Abfallbeseitigung Container Folien Kunden Landräte Müllberge Müllverwertung Soziale Einrichtungen Unternehmen
Kulmbach Schwandorf
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ein beliebter Treffpunkt im Dorf - genau das will der Dorfladen in Thierstein auch bleiben.	Foto: Florian Miedl

07.05.2019

Tante Emmas Freund ist am Ende

So mancher Dorfladen in Oberfranken hat zurzeit Probleme. Denn einer der wenigen Großhändler, der noch kleine Läden beliefert, hat Insolvenz angemeldet. » mehr

Ein Mann geht auf unserem Symbolfoto in einem Autohaus an Gebrauchtwagen vorbei. Die Justiz in Hof befasst sich mit einem Inhaber einer Exportfirma aus dem Raum Kulmbach. Ihm wird vorgeworfen, an einem Umsatzsteuer-Betrugsmodell beteiligt gewesen zu sein. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

07.06.2019

Eine hilfreiche Steuer-CD aus Spanien

Der Fall der Autowelt König zeigt, was möglich ist, wenn Europas Steuerfahnder zusammenarbeiten. Trotzdem gehen Millionen an Steuern verloren. » mehr

Die juristische Aufarbeitung rund um die Autowelt König wird sich noch hinziehen.	Foto: Florian Miedl

09.05.2019

Ein Prokurist pokert

Im Autowelt-König-Prozess kommt vom ehemaligen Schwager des Chefs kein schnelles Ja zur Einstellung des Verfahrens. Knackpunkt ist die Geldauflage. » mehr

Wolfram König, Präsident des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit, ist in Ulm von Demonstranten begrüßt worden - sie verlangten eine öffentliche Tagung. Foto: Stefan Puchner/dpa

16.01.2019

Bund sucht Atomlager und lässt Bürger und Verbände außen vor

Wo soll der strahlende Müll einmal lagern? Die Suche läuft und wird kritisch beäugt - auch von Politikern und Bürgern aus dem Fichtelgebirge. » mehr

Sind im Raum Ebersdorf Serieneinbrecher aktiv? Symbol-Foto: Silos Stein/dpa

06.03.2019

18-Jähriger für zehn Einbrüche verantwortlich

Bei seinen Beutezügen durch Firmen, Schulen, Gaststätten, Vereinsheime und Wohnhäuser ergaunerte er mehrere tausend Euro. Jetzt sitzt der Einbrecher in Haft. » mehr

Die Preisträger mit den Laudatoren: Dr. Daniel und Corinna Rudolph, Bezirksheimatpfleger Dr. Günter Dippold, Regierungpräsidentin Heidrun Piwernetz, Dr. Karla Fohrbeck, Alexandra und Gernot Hesselbarth, Dr. Peter Landendörfer und Bezirkstagspräsident Dr. Günther Denzler (von links). Foto: Werner Reißaus

13.07.2018

Oberfrankenstiftung zeichnet fünf "Anpacker" aus

Sie setzen sich für soziale und kulturelle Belange ein und begeistern mit Projekten der Denkmalpflege. Dafür erhalten mehrere Oberfranken einen Preis. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Flugtage des Wunsiedler Modellflug-Vereins

Flugtage des Wunsiedler Modellflug-Vereins | 16.06.2019 Wunsiedel
» 66 Bilder ansehen

IndieMusik Festival 2019 Hof

In.Die.Musik-Festival | 15.06.2019 Hof
» 233 Bilder ansehen

14. Thonberglauf in Schauenstein

14. Thonberglauf in Schauenstein | 01.06.2019 Schauenstein
» 67 Bilder ansehen

Autor

Melitta Burger

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
13. 06. 2019
00:00 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".