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Länderspiegel

Durch halb Europa mit einer Toten

Prozessauftakt im Mordfall Sophia: Der wegen Mordes in Bayreuth angeklagte marokkanische Fernfahrer Boujeema L. hat gleich zu Beginn gestanden, die 28-jährige Anhalterin getötet zu haben.



Verteidiger Karsten Schieseck (links) mit seinem Mandanten, dem 42-jährigen Boujeema L. Dieser hat gestern gestanden, Sophia Lösche getötet zu haben, stellt es aber als Unfall dar. Foto: Manfred Scherer
Verteidiger Karsten Schieseck (links) mit seinem Mandanten, dem 42-jährigen Boujeema L. Dieser hat gestern gestanden, Sophia Lösche getötet zu haben, stellt es aber als Unfall dar. Foto: Manfred Scherer  

Bayreuth/Plech - Ein Mann mit schütterem schwarzen Haar. Ein Mann, der an Gott und an den Teufel glaubt. Ein Mann aus dem arabischen Kulturkreis, der in einem deutschen Gerichtssaal weint und sich die Tränen abwischt. Ein Mann, der zu einem deutschen Schwurgerichtsvorsitzenden sagt: "Ich habe ein Verbrechen begangen. Können Sie mich hängen lassen? Und meine Organe jemanden geben, der sie braucht?"

Boujeema L., der 42-jährige marokkanische Fernfahrer, der gesteht, die 28-jährige Anhalterin Sophia Lösche umgebracht zu haben - meint er es ernst, wenn er sagt, sein eigenes Leben sei ihm egal? Ins Juristendeutsch übersetzt, sagt er in seinem Geständnis nämlich etwas, was für sein weiteres Leben bedeutsam sein könnte: Nach seiner Einlassung war die Tötung von Sophia Lösche vor gut einem Jahr ein schrecklicher Unfall. Und kein Mord. Nur bei Mord gibt es lebenslange Haft.

Er sagt zu dem Gerichtsvorsitzenden Bernhard Heim, der ihn zum Prozessauftakt mehr als drei Stunden lang befragt: "Ich wollte sie nicht töten." Und der antwortet ihm: "Sie sagen, sie wollten sie nicht töten. Was haben sie sich vorgestellt beim Zuschlagen? Das weiß doch jeder, dass das Gegenüber das nicht überlebt."

"Das" - sind "drei, vier, sieben Schläge" mit einem Radmutterschlüssel auf den Kopf von Sophia Lösche. Plus einer, ein letzter. Boujeema L. sagt aus, es habe zwei Phasen der Bluttat gegeben. Nach den ersten Schlägen habe er seinen Lastwagen am Parkplatz Sperbes im südlichen Landkreis Bayreuth erst einmal verlassen. Als er nach zehn Minuten zurückgekehrt sei, sei er "erschrocken": Die im Führerhaus liegende Verletzte habe nach ihm gegriffen, da habe er den letzten Schlag gesetzt, der Frau die Hände gefesselt, und erst danach will er bemerkt haben, dass "sie nicht mehr atmete."

Die folgende Flucht durch halb Europa beschreibt der Angeklagte als Irrfahrt. Er will getrieben worden sein von Angst, Panik, Mutlosigkeit - die Tote in seinem Rücken. Mehrfach habe er nicht die Kraft gehabt, den Leichnam hinauszuschaffen.

Das sieht die Staatsanwaltschaft anders: Für Oberstaatsanwältin Sandra Staade war die Flucht keine Irrfahrt, sondern eine Vertuschungstour. Einen Mord zur Verdeckung einer Straftat wirft sie dem Angeklagten vor. Boujeema L. soll die Anhalterin schon in der Absicht mitgenommen haben, sich an ihr sexuell zu vergehen. Damit Sophia Lösche ihn nicht anzeigt, soll er sie getötet haben.

Getötet? Ja, das gesteht Boujeema L. Ein sexueller Hintergrund? "Nein, nein." Zwei Fotos aus seinem Handy, die Frauen auf einer Autobahnraststätte am Weg zur Toilette zeigen, erklärt er damit, dass dies keinen besonderen Grund habe, eher ein Spaß gewesen sei: Arabische Fernfahrer sprächen gerne über europäische Frauen, welche sie hübsch finden, welche weniger hübsch. Und das Foto und das Video von seinem erigierten Geschlechtsteil, aufgenommen eine Stunde, bevor Sophia Lösche am Autohof Schkeuditz in seinen Laster einstieg? Die Erklärung des Angeklagten: Er habe einen Internetflirt mit einer Frau in einem arabischen Portal gehabt, die habe ihn um die Fotos gebeten.

Sophia Lösche soll auf der Fahrt zwischen Leipzig und Sperbes gefragt haben: "Darf ich rauchen?" Der Angeklagte will es erlaubt haben und sein Fahrgast habe einen Joint geraucht. Sophia Lösche soll einen kleinen Brocken Haschisch dabei gehabt haben, der zu einem tödlichen Irrtum geführt habe: Am Parkplatz habe die 28-Jährige seine Fahrerkabine durchwühlt. Er habe zunächst geglaubt, sie wolle ihn bestehlen, dann habe sie ihn bezichtigt, ihr das Hasch gestohlen zu haben. In Frankreich will Boujeema L. den Haschkrümel gefunden haben: "Da wusste ich, dass ich sie zu unrecht getötet habe."

Er sagt: "Ich habe keinen Sinn in meinem Leben mehr. Ich halte die Situation nicht mehr aus. Ich dachte, nach meinem Geständnis geht es mir besser. Ich quäle mich seit einem Jahr." Das quittierte der Gerichtsvorsitzende Heim mit den Worten: "Das mag sein - ich glaube, seit einem Jahr haben die Angehörigen weit mehr Leid als Sie."

Die Angehörigen, das sind Sophia Lösches Mutter Maria-Elisabeth, ihr Vater Johannes und ihr Bruder Andreas. Wenige Meter entfernt hören sie die Einlassung des Angeklagten. Nehmen zur Kenntnis, dass er behauptet, der "Teufel" habe ihn geleitet, in Nordspanien zu versuchen, den Leichnam anzuzünden. Nehmen zur Kenntnis, dass er im Führerhaus zu Sophia Lösche, die nach seinem Laptop habe greifen wollen, gesagt haben will: "Not touch - nicht anfassen."

Und es ist Andreas Lösche, der den Verdacht auf den Punkt bringt mit dieser Frage: "Kann es sein, dass es meine Schwester war, die zu ihnen sagte: Do not touch!?"

Ob es nachzuweisen ist, dass Boujeema L. versuchte, sich an Sophia Lösche heranzumachen, ob die Ohrfeige im Laster vielleicht die Reaktion einer Frau war, die nicht befummelt werden wollte - die nächsten Prozesstage sollen darüber Klarheit bringen. Die Verhandlung wird heute fortgesetzt.

Der weitere Verlauf des ersten Verhandlungstages ist für Fragen an den Angeklagten reserviert.

Autor

Manfred Scherer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 07. 2019
10:23 Uhr

Aktualisiert am:
23. 07. 2019
19:37 Uhr

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Manfred Scherer

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23. 07. 2019
10:23 Uhr

Aktualisiert am:
23. 07. 2019
19:37 Uhr



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