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Länderspiegel

Ein Jahr nach der Tragödie

Nach einem Auffahrunfall bricht am 3. Juli 2017 auf der A 9 bei Münchberg in einem Reisebus ein Feuer aus. 18 Menschen, die sich auf dem Weg in den Italien-Urlaub befinden, kommen ums Leben. Ein Jahr nach der Katastrophe erinnern sich einige Beteiligte.



Noch ein Blick von oben: Bus und Lkw sind wegen der gewaltigen Temperaturen komplett ausgebrannt. Nur das Stahlgerüst ist jeweils übrig.
Noch ein Blick von oben: Bus und Lkw sind wegen der gewaltigen Temperaturen komplett ausgebrannt. Nur das Stahlgerüst ist jeweils übrig.   » zu den Bildern

Helden für einen Tag

Münchberg/Löbau - Die Ermittlungen gingen schnell. Gut vier Wochen nach dem Unfall von Münchberg sind sich Staatsanwaltschaft und Polizei sicher, warum 18 Menschen in dem Reisebus sterben mussten. Der Fahrer war unachtsam - warum auch immer. Er sah zu spät, dass ein Sattelzug vor ihm wegen einer Baustelle abgebremst hatte.

03.07.2017 - Busunglück bei Münchberg - Foto: Alexander Wunner, News5/Fricke, dpa

Münchberg
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Zum Helden inmitten der Tragödie wird sein Kollege, der Ersatzfahrer. Der 43-Jährige drückt unmittelbar nach dem Unfall geistesgegenwärtig die vordere Tür auf. Weil der Mittelgang im vorderen Bereich des Busses deformiert und so keine Flucht nach vorne möglich ist, öffnet er anschließend mit anderen Insassen die hintere Tür. Außerdem schlägt er mehrere Seitenscheiben ein, damit die Menschen sich mit einem Sprung ins Freie retten können.

Sprechen möchte er, der gleichzeitig Juniorchef des betroffenen Reiseunternehmens Reimann im sächsischen Löbau ist, über diese Stunden öffentlich nicht. Der Familienbetrieb kämpft nach wie vor mit den Folgen der Katastrophe. Im Portfolio finden sich nur noch Busfahrten in die näheren und angrenzenden Regionen bis Potsdam, Prag oder Breslau. "Wir wollen in Ruhe gelassen werden", sagt die Frau des Seniorchefs. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ist der Held von damals bis heute in psychologischer Behandlung, auch wenn er mittlerweile wieder hinter dem Steuer eines Busses sitzt.

Für ewig dankbar sind ihm all jene, denen er das Leben gerettet hat. So wie Marion L.. Die 63-jährige frühere Sekretärin wollte mit einer Freundin den Gardasee erleben. Beim Aufprall auf der Höhe von Stammbach döste die 63-Jährige vor sich hin. "Ein Bremsen habe ich nicht gespürt. Ich prallte auf die Kopfstütze vor mir, blutete. Und dann war da sofort das Feuer. Es brannte überall. Plötzlich zog mich der zweite Busfahrer über die Kopfstütze nach draußen."

Der Busfahrer ist nicht der einzige Held. Diesmal sind auch die Rettungskräfte für alle die Guten. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Immer öfters werden sie im Einsatz zur Zielscheibe, zu Opfern von Gewalt und Beleidigungen. Diesmal ist es anders. Die Münchberger Feuerwehr erhält so viele Mails, Anrufe und Nachrichten, dass sie gar nicht alle beantworten kann. Und als die Kameraden am Abend von der Autobahn in ihr Gerätehaus zurückkommen, will der Beifall gar nicht aufhören. Wer mag ermessen, wie groß der seelische Stress sein muss, die Leichen aus dem Wrack zu bergen ? Die enorme Bedeutung ihrer ehrenamtlichen Arbeit macht ein paar Wochen später Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer bei einem "Tag des Dankes und der Anerkennung" in Helmbrechts deutlich: "Diese Menschen und ihre Einstellung sind der größte Schatz, den wir in Bayern haben." Statt wie "wir normalen" Menschen in Schockstarre zu verfallen, "helfen sie sofort, ohne sich selbst zu schonen". Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner beschreibt deren Taten als Werk der Barmherzigkeit: "Sie haben gesehen, was kein Mensch sehen will. Sie haben gerochen, was keiner riechen will und sie haben gehört, was keiner hören will."

Der Oberstaatsanwalt

Wie konnte es zu dem Inferno auf der Autobahn kommen? Vier Monate lang sind die Ermittler dieser Frage nachgegangen, im November 2017 hat die Hofer Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt. Dem Ergebnis zufolge hat der Busfahrer das Stauende zu spät bemerkt und ist auf den Anhängers eines Sattelzugs aufgefahren. Dadurch geriet der Bus in Brand. Im März zweifeln Stimmen aus Sachsen die Ermittlungsergebnisse an. So kündigt der Chef des verantwortlichen Busunternehmens aus Löbau an, mithilfe einer Münchner Anwaltskanzlei neue Ermittlungen erzwingen zu wollen. Doch das ist nicht geschehen, teilt der Hofer Oberstaatsanwalt Dr. Andreas Cantzler mit: "Weder das Busunternehmen noch Dritte haben sich an die Staatsanwaltschaft gewandt."

Löbaus Oberbürgermeister hatte unter Berufung auf den zweiten Busfahrer auf Fotos verwiesen, die angeblich eine abgerissene Gepäckraumklappe und einen roten Koffer an der Unfallstelle zeigen. Er folgerte daraus, dass ein überholender Lkw den Bus touchiert und weggedrückt habe. So sei es dann zum Unfall gekommen. Doch der Oberstaatsanwalt betont: "Die Schilderungen stimmen nicht mit den Ermittlungsergebnissen überein." Die Polizei habe bei der Unfallaufnahme den Zustand aller Ladeklappen dokumentiert. Eine Klappe, die ursprünglich nahe der Busfront montiert war, habe auf der mittleren Spur gelegen und sei fast vollständig ausgebrannt. Den vermeintlichen roten Koffer hätten weder Polizei noch die Sachverständigen gesehen. "Dokumentiert ist hingegen ein roter Gegenstand auf der rechten Fahrspur", erklärt Cantzler. Dabei habe es sich um ein Stück vom Unterfahrschutz des Lkw-Anhängers gehandelt. Der Jurist verweist auf die akribisch geführten Ermittlungen. "Sie belegen, dass die Beteiligung eines dritten Fahrzeugs auszuschließen ist." So hätten es Zeugen übereinstimmend geschildert. Zwei von ihnen fuhren zum Zeitpunkt der Kollision in zwölf Metern Abstand hinter dem Bus auf der linken Spur und hatten ebenfalls kein drittes Fahrzeug gesehen, obwohl sie es von ihrer Position aus hätten wahrnehmen müssen - hätte es dieses denn gegeben.

Dr. Andreas Cantzler ist Oberstaatsanwalt in Hof. Die Behörde war für die Aufarbeitung des Unfalls zuständig. Er ist überzeugt: "Die Ermittler sind jedem Detail nachgegangen."

 

Der Einsatzleiter

Martin Schödel ist ein erfahrener Feuerwehrler. Kurz nach der Grenzöffnung war er in der Münchberger Senke dabei. Die größte Massenkarambolage auf einer deutschen Autobahn. Zehn Tote. Mehr als 120 Verletzte. Oder der Brand im Sägewerk Rauschenhammermühle im Frankenwald vor fast drei Jahren. Und doch: "Von der Dramatik und der Zahl der Opfer her war dieses Busunglück der markanteste Einsatz."

Der Alarm springt während der Arbeit an. Der damalige Kommandant der Münchberger Feuerwehr arbeitet in einem örtlichen Unternehmen als Fuhrparkleiter. Als er auf die A 9 einfährt, ahnt er, dass dies ein außergewöhnlicher Tag wird. Schödel übernimmt die Einsatzleitung, erkundet die Lage, teilt Einsatz-Abschnitte ein, organisiert die Einsatzkräfte und überwacht deren Vorgehen. "Wenn etwas schiefgelaufen wäre, hätte ich die Verantwortung tragen müssen", sagt er. Seine Aufgabe ist es auch, Kameraden zu finden, die sich in der Lage fühlen, die Leichen aus dem Bus zu bergen. In den Wochen und Monaten nach dem Unglück sei die Truppe zusammengerückt. "Der Zusammenhalt war noch besser als ohnehin schon", berichtet Schödel. Mittlerweile hätten Alltag, Beruf und das Ehrenamt alle eingeholt. In der Zeit nach dem Unfall sind "Gaffertum" und "fehlende Rettungsgasse" ein großes Thema. Innenminister Joachim Herrmann beklagt noch an der Unfallstelle, dass die Helfer von Schaulustigen und uneinsichtigen Autofahrern behindert worden seien. "In meinen Augen war die Rettungsgasse aber nicht besser oder schlechter als bei anderen Einsätzen", findet Schödel. Auch die Anwesenheit von "Gaffern" habe er nicht als wirklich schlimm empfunden. "Uns hat keiner behindert. Bei einem Einsatz, der zwölf Stunden dauert, gucken die Leute nun mal zwölf Stunden lang." Immer, wenn er an der Unfallstelle vorbeifährt, kommen die Bilder von vor einem Jahr hoch. "Aber sie belasten mich nicht", sagt Martin Schödel.

Martin Schödel kommandierte bei rund 150 Unfällen im Jahr die Feuerwehr Münchberg. Schon bei der Massenkarambolage in der Münchberger Senke 1990 war er dabei.

 

Der A 9-Chef

Chaosphase nennt die Polizei den ersten Zeitabschnitt nach einem Ereignis wie dem Busunfall. Es ist die Zeit nach dem Notruf, die Zeit, in der sich das Ausmaß der Katastrophe offenbart. Am 3. Juli 2017 obliegt es Horst Thiemt und seinem Stellvertreter, diesen ersten Einsatz zu koordinieren. "Eine klare Struktur ist das Wichtigste. So bringt man Ordnung in einen Einsatz", weiß der Leiter der Verkehrspolizei Hof. Bis 22 Uhr ist er auf der Autobahn tätig und sichert als Leiter der Unfallaufnahme mit seinen Kollegen Spuren am Wrack, am Lkw und auf der Fahrbahn. Thiemt erlebt die Bergung der Leichen aus nächster Nähe mit und hat bis heute größten Respekt vor den Rettungskräfte und Kollegen, die das machen mussten: "Sie hatten eine ungleich höhere Belastung zu tragen."

Für den Leiter der Verkehrspolizei ist es der schwerste Unfall seines bisherigen Berufslebens. "Und er hat mich am meisten bewegt." Zur psychischen Belastung kommt ein extrem hoher Arbeitsaufwand. Die Hofer Verkehrspolizei gründet die Ermittlungsgruppe "Busunfall", in der fünf Beamte bis November der Ursache auf den Grund gehen und dabei - wie Thiemt betont - akribisch arbeiten. "Wir fühlten uns den Opfern verpflichtet und wollten alle Details ans Tageslicht bringen", sagt er. So sind die Beamten, die auf der A 9 im Einsatz waren, auch bei der Befragung der Überlebenden dabei. Warum der Busfahrer das Stauende übersah, bleibt trotzdem ungewiss. Thiemt und seine Kollegen erleben immer wieder, dass sich Fahrer durch elektronische Geräte ablenken lassen. Mehr Kontrollen auf den Autobahnen hält er deshalb für sinnvoll. Außerdem plädiert er dafür, dass Bremsassistenz-Systeme in Bussen nicht mehr abschaltbar sein sollten. "Das sind notwendige Konsequenzen, um die Gefahr zu minimieren. Trotzdem kann man nicht ausschließen, dass ein Unfall in dieser Dimension wieder passiert."

Horst Thiemt leitet seit vier Jahren die Verkehrsinspektion Hof. Damit ist der Münchberger Chef über die A 9, die A 72 und die A 93. Die meisten Unfälle passieren immer noch auf der A 9.

 

Der Unfallforscher

Im Unglücksbus waren Batterie samt Elektrik, Drucklufttank sowie Zusatztank weit vorne und nahe beisammen verbaut. Eine gängige, völlig legale Bauweise. Die am Tag des Unfalls aber binnen Sekunden eine verheerende Kettenreaktion auslöste. Es kam zu Kurzschlüssen bei Batterie und Elektrik. Ein Kraftstofftank wurde zusammengestaucht und platzte. Der Kraftstoff entzündete sich, befeuert von austretender Druckluft. "Natürlich ist das in dieser Konstellation eine sehr tragische Verkettung gewesen", sagt Siegfried Brockmann. Er leitet den Bereich Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Und er sagt: "Die Defizite, die bei dem Unfall bei Münchberg auftraten, müssen behoben werden." Es könne nicht sein, dass ein Aufprall mit Tempo 30 solche Folgen habe. Wenn ein Tank, wie in diesem Fall, vor der Vorderachse eingebaut wird, muss entweder der Tank selbst crashsicher sein oder es muss eine kraftableitende Crashstruktur des Bus-Vorderbaus konstruiert werden. Dazu brauche man verbindliche EU-Vorgaben. "Ich erkenne aber nicht, dass sich jemand darum kümmert", sagt Brockmann.

Aktuell debattiert die Politik über Systeme, die Busse oder Lastwagen bei Gefahr von selbst abbremsen lassen. Der Unglücksbus musste wegen seines Alters ein solches System noch nicht besitzen. Für neue Modelle will Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Anforderungen nun verschärfen - die Bremsassistenz-Systeme sollen nicht mehr abschaltbar sein. "Für die deutsche Ebene sage ich: Wir werden das Abschalten von Notbrems-Assistenten untersagen - und das noch vor der Sommerpause", betonte Scheuer. Ab Tempo 30 soll das System nicht mehr abschaltbar sein, der Fahrer kann dann nicht mehr eingreifen. Problem bei der Sache: Nachrüsten lassen sich Notbrems-Assistenten nicht, wie eine Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) sagte. Kathrin Zeilmann

Siegfried Brockmann ist der Leiter der Unfallforschung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

 

Der Seelsorger

Die Nachricht von der Katastrophe erreicht Pfarrer Zeno Scheirich kurz nach der Alarmierung. Eine Stunde später sitzt der Notfallseelsorger aus Sparneck bereits in einem eigens eingerichteten Raum in der Autobahnmeisterei Münchberg und wartet auf Angehörige. Die Einsatzleiter rechnen damit, dass sich Verwandte der Insassen auf den Weg zur Unfallstelle machen und dann betreut werden müssen. Mit dieser Erwartung tritt Pfarrer Scheirich den außergewöhnlichen Dienst an. Auf die Frage, ob er Angst davor hatte, sagt er: "Es ist wichtig, sich ehrlich einzugestehen, wo die eigenen Grenzen liegen. Hätte ich Unterstützung von meinen Seelsorger-Kollegen gebraucht, wären sie bereitgestanden. Dieses Gefühl hat mir sehr geholfen." Bis in die Abendstunden sitzt Scheirich allein in dem Raum. Als der Einsatz beendet wird, führt er noch ein Nachgespräch mit den Feuerwehrleuten aus Münchberg. Gegen 20 Uhr trifft dann ein Mann aus Baden-Württemberg ein, dessen Eltern im ausgebrannten Bus saßen. Er war auf dem Weg zu seiner Schwester. Von dem Gespräch darf der Geistliche nicht berichten. Nur so viel: "Eine Krise wirft die Betroffenen völlig aus der Bahn und wir versuchen, sie wieder auf den Weg zu führen." Menschen in der Krise hätten meist unendlich viele Fragen, vor allem nach dem Warum. "Es fällt da schwer, Antworten zu finden." Das Gespräch beschreibt er als einen Weg, den er mit den Betroffenen gemeinsam geht. Dabei müsse er vor allem die Schwere der Situation aushalten können, eben mit dem Betroffenen zusammen. Ob das Gespräch dem Sohn damals geholfen habe, könne er nicht beurteilen. "Aber ich hatte das Gefühl, dass er gestärkt zu seiner Schwester fahren konnte und wusste, wie er mit ihr reden kann." War es für ihn der bislang schwerste Einsatz? "Die Schwere hängt allein von der Betroffenheit des Einzelnen ab. Wenn eine Mutter ihr Kind verliert, nimmt die Öffentlichkeit keinen Anteil. Trotzdem ist so etwas ein sehr schwerer Einsatz für einen Seelsorger."

Zeno Scheirich ist seit 20 Jahren im Dekanat Münchberg in der Notfall-Seelsorge tätig. Einen Einsatz mit so vielen Hilfskräften hat er sonst nie erlebt.

 

Der Ersthelfer

Jörg-Steffen Höger und seine Tochter sind auf dem Weg zur Arbeit, als sie vor sich das Chaos sehen. Flammen, Rauch, Menschen mit Verletzungen und Verbrennungen stehen auf der Fahrbahn herum. Viele von ihnen haben offensichtlich einen Schock erlitten. "Es war wie eine Szene aus einem amerikanischen Katastrophenfilm", erinnert sich der 54-Jährige. Seine 17 Jahre alte Tochter Annika hat kurze Zeit zuvor eine Sanitäterausbildung absolviert. Nun wird aus Theorie Praxis. Beide kümmern sich um die Menschen, die der Flammenhölle entkommen sind. "In einer solchen Situation geht es oft auch nur darum, zu trösten und zu betreuen oder die Opfer von der Unfallstelle in Sicherheit zu bringen." Einige Zeit später setzt der Medienrummel ein. Jeder will etwas wissen von den beiden aus Marxgrün im Frankenwald. Höger ist selbst seit 40 Jahren Feuerwehrmann. Was ihn ärgert: "Obwohl da genug Autofahrer im Stau standen, haben sie nicht geholfen, sondern ihre Handys gezückt, um Fotos zu machen und zu filmen."

Der 54-Jährige beantwortet geduldig alle Anfragen der Medien. Bei Stern-TV tritt er mit seiner Tochter sogar im Fernsehen auf. Sein Anliegen: Er will deutlich machen, wie wichtig Ehrenamt und Erste Hilfe sind. "Dafür haben wir viel positive Resonanz bekommen. Aber einige warfen uns vor, uns in den Vordergrund zu drängen. Deshalb hat sich meine Tochter zurückgezogen."

Der Vater dagegen betont bis heute öffentlich die Bedeutung, sich zu engagieren. Das Helfen zu lernen. "Wenn jemand die Feuerwehr ruft, erwartet er, dass sie innerhalb von wenigen Minuten eintrifft." Er und seine Tochter sind bei der Wasserwacht, zudem ist der 54-Jährige Erste-Hilfe-Ausbilder beim BRK. Die Erfahrungen, die er bei dem Unfall gemacht hat, kann er in die Ausbildung einfließen lassen: "Ich kann heute Situationen und Ausbildungsinhalte realistischer erklären." Und - immerhin - nach dem Unfall, so sein Eindruck, hätten mehr Menschen einen Erste-Hilfe-Kurs besucht als vorher.

Jörg-Steffen Höger ist selbst Feuerwehrmann. Am Unfallort kam er gemeinsam mit Tochter Annika durch Zufall vorbei. Als einer der Ersten hält er an und fragt sich: "Kann ich ihr das zumuten?"

 

Chronologie

0.30 Uhr: Im sächsischen Löbau setzt sich ein Reisebus in Bewegung. In den folgenden Stunden nimmt er 46 Fahrgäste auf, viele von ihnen sind Rentner. Sie haben die Reise "Dolomiten und Südtirol" gebucht. Erstes Ziel ist der Gardasee.

7.13 Uhr: In der Leitstelle in Hof geht beim diensthabenden Markus Hannweber der erste Notruf ein. Zehn Minuten später sind die ersten Rettungskräfte am Unfallort. Der Reisebus aus Sachsen, der auf der Höhe von Stammbach vor einer Baustelle auf einen Lkw-Anhänger geprallt ist, steht in Flammen. Warum der Fahrer zu spät gebremst hat, wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben. Wegen der Hitze können die Helfer nicht näher als 20 Meter heran. Feuerwehrmann Andreas Hentschel sagt später: "Mir war klar, dass da niemand mehr herauskommt."

8.10 Uhr: Eine große Rettungsaktion läuft. Hubschrauber bringen zwei Insassen, die sich noch in Lebensgefahr befinden, in eine Spezialklinik. Dass sich überhaupt jemand aus dem Reisebus befreien konnten, ist das eigentliche Wunder. Mehr als 100 Polizisten und 150 Rettungskräfte sind an diesem Tag im Einsatz auf der A 9.

13.30 Uhr: Vom Bus sind nur noch Stahlteile übrig. Freiwillige beginnen, die Leichen aus dem Wrack zu bergen. Die Flammenhölle hat 18 Menschen - darunter den Busfahrer - das Leben gekostet.

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03. 07. 2018
00:00 Uhr

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