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Länderspiegel

Ersthelfer: "Das Schlimmste ist nichts zu tun"

Vier Menschen aus der Region tun, was Hunderte unterlassen: Sie kümmern sich um die Opfer des verheerenden Busbrandes auf der A 9.



Zuerst sehen David Machnitzke und Marco Popp die schwarze Rauchsäule. Als sie näher herankommen, wird ihnen klar: Da steht ein Bus lichterloh in Flammen. Dass sie näher herankommen, liegt daran, dass vor ihnen niemand hält. Alle fahren weiter. Zügig und möglichst weit links, denn das Feuer ist so höllisch heiß, dass man die Hitze auch durch die geschlossenen Fensterscheiben spürt. So schildert es eine Beifahrerin in einem Video, das gestern im Internet aufgetaucht ist. Die Frau filmt das Inferno, angetrieben von gruseliger Sensationslust - und weiter geht's, dem ursprünglichen Ziel entgegen.

03.07.2017 - Busunglück bei Münchberg - Foto: Alexander Wunner, News5/Fricke, dpa

Münchberg
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Machnitzke und Popp, zwei Helmbrechtser, 21 und 38 Jahre alt und als Bauwerksmechaniker auf dem Weg zur Arbeit auf einer Baustelle in Thurnau, sind die Ersten, die halten. Auch das Fahrzeug eines anderen Tiefbauunternehmens, besetzt mit fünf Mitarbeitern, fährt rechts ran. "Wir waren nur sieben Ersthelfer. Wir konnten nicht viel mehr tun, als die Menschen, die bereits aus dem Bus gekommen waren, in ausreichende Entfernung zu bringen und zu beruhigen", sagt David Machnitzke am Tag danach. Sie hatten vor dem Lastwagen angehalten, auf den der Bus aufgefahren war. "Wir haben gleich alles mitgenommen, was wir an Getränken an Bord hatten", berichtet Machnitzke. Damit liefen sie an den brennenden Fahrzeugen vorbei nach hinten. "Ich musste mir den Arm vors Gesicht halten. Die Flammen waren so heiß." Hinter dem Bus stehen die Überlebenden auf dem Standstreifen. "Die standen alle unter Schock." Machnitzke und Popp geben den Leuten zu trinken, trösten sie, reden ihnen gut zu.

Den Verbandskasten aus dem Auto mitzunehmen, daran haben beide nicht gedacht. Sie sind keine geübten Ersthelfer, sie haben nur den obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs zum Führerscheinerwerb gemacht, dann nichts mehr. Aber sie haben keine Angst, etwas falsch zu machen. Ihnen ist klar: Hier musst du jetzt helfen. Die beiden haben bei dreißig Verletzten viel zu tun, bis wenig später die ersten Rettungskräfte eintreffen. Aber am Rande bekommen sie mit, dass der Verkehr auf der linken Spur in Richtung Süden immer noch fließt. "Es ist traurig", sagt Machnitzke. "So viele Autos vor uns und nach uns, sind an der Unfallstelle vorbeigefahren. Die Insassen hatten Handys in der Hand. Die dachten sich wahrscheinlich: ,Das geht mich nichts an, aber ich film' das mal.'" Auf mehr als 300 schätzt der junge Mann die Zahl der Fahrzeuge, die an dem Unfall vorbeirollen. Ohne zu halten. Ohne zu helfen. Noch einmal sagt er: "Das ist traurig."

Enttäuscht und wütend seien sie im Nachhinein. "Ich und mein Kollege würden auf jeden Fall immer wieder helfen", sagt Marco Popp. Und: "Wir wollen unser Beileid an die Familienangehörigen der Verstorbenen aussprechen. Und den Verletzten wünschen wir gute, gute, gute Besserung."

Zu den ersten Helfern am Unfallort gehören auch Jörg-Steffen Höger aus Naila-Marxgrün und seine Tochter Annika. Sie treffen kurz vor der ersten Polizeistreife dort ein. Höger, selbst Feuerwehrmann, nimmt Kontakt mit der Leitstelle in Hof auf, gibt im anfänglichen Nachrichten-Chaos die erste qualifizierte Lagemeldung durch. Er weist auch auf die Behelfsauffahrt 300 Meter nördlich der Unglücksstelle hin und rät den Rettungskräften, dort anzufahren. Aus eigener Erfahrung weiß er: "Mit der Rettungsgasse, das läuft nicht immer so prickelnd."

Während der Fahrer des Unfall-Lkw seine Zugmaschine abkoppelt und in Sicherheit bringt, steht der Bus weiter in Flammen. "Wir haben von den Überlebenden gehört, dass da noch Menschen drin sind. Aber: Das Feuer war zu heiß. Da hätte man nicht mehr hinkommen können." Höger bringt die Insassen, die es ins Freie geschafft haben, hinter einem Sattelschlepper in Sicherheit. "Ich habe Verletzte gesammelt", sagt er. Rund zwei Dutzend Menschen bringt er zusammen.

Seine 17-jährige Tochter, ausgebildete Sanitäterin und Wasserwacht-Aktive, beginnt, die völlig verstörten Opfer zu versorgen. "Wir haben zwei Notfalltaschen im Auto", berichtet Höger. "Damit haben wir geholfen, bis die Rettungsdienste eingetroffen sind." Die Polizei hat mittlerweile den Verkehr gestoppt. Doch von den Menschen im Stau kommt kaum Hilfe. "Alle blieben einfach in ihren Autos sitzen", sagt Annika Höger. Ihr Vater ergänzt: "Da waren so viele. Jeder kann helfen. Jeder hat einen Verbandskasten im Auto. Jeder hätte den geschockten Betroffenen Wasser geben und gut zureden können." Diese psychologische Betreuung, das hat der Feuerwehrmann bei seiner Rettungsdienst-Ausbildung gelernt, ist elementar. "Man braucht sich doch nur daneben setzen und sagen: ,Ich bin da. Ich bleibe bei Ihnen.' Das ist unschätzbar wertvoll." Stattdessen blieben die Leute im Stau in ihren Autos sitzen. "Die dachten wohl: Irgendwann kommen schon welche, die helfen."

Am Dienstag früh fuhren Jörg-Steffen und Annika Höger auf dem Weg zur Arbeit und zur Schule in Bayreuth wieder an der Unfallstelle vorbei - mit gemischten Gefühlen. "Da ist die Trauer, dass 18 Personen nicht mehr rausgekommen sind. Aber da ist auch Erleichterung, dass es zumindest dreißig Menschen geschafft haben. Und wir ihnen helfen konnten", sagt der 53-jährige Beamte beim ZBFS.

Seine Tochter und er seien ehrenamtlich aktiv: Feuerwehr, Wasserwacht, Rettungsdienst. "Wir haben ähnliche Situationen schon bei Übungen trainiert. Wir haben schon Notfälle gesehen und schon Verletzte betreut. Das hilft, denn wir konnten unser Wissen abrufen." Ruhiger werde man im Ernstfall durch diese Erfahrung. Und dann spule man die passenden Handgriffe einfach ab.

Jörg-Steffen Höger appelliert angesichts seiner Erfahrungen vom Montag an alle, sich Grundkenntnisse der Notfallrettung anzueignen. Von der Gesellschaft wünscht er sich eine Stärkung und Anerkennung des Ehrenamtes. Vom Gesetzgeber fordert er, die regelmäßige Auffrischung des Erste-Hilfe-Kurses für Autofahrer zur Pflicht zu machen. Dann reagiere man in Notsituationen auch selbstsicherer. "Wichtig ist, etwas zu tun. Der Hauptfehler ist: nichts zu tun."

Autor

Rainer Maier
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 07. 2017
20:30 Uhr

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Rainer Maier

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Veröffentlicht am:
04. 07. 2017
20:30 Uhr



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