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Länderspiegel

Fall Peggy wird geschlossen: keine neue Anklage

19 Jahre und fünf Monate nach dem Verschwinden der Neunjährigen aus Lichtenberg im Kreis Hof wird der Fall geschlossen.



Manuel S. (43), Bestatter aus Marktleuthen, wegen Mordes an Peggy Knobloch verdächtig, wird nicht angeklagt. Der Tatverdacht, beruhend auf einer Indizienkette, reichte nicht aus.

Wie die Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstag mitteilt, konnte Manuel S. die Tat beziehungsweise eine Beteiligung nicht sicher nachgewiesen werden. 

Es seien zwar zahlreiche Indizien ermittelt worden, die auf eine Tatbeteiligung von Manuel S. hindeuteten. Weder die objektive Spurenlage noch die verwertbaren Angaben des Beschuldigten oder sonstige Beweismittel könnten dies aber sicher beweisen. 

Aufgrund des Zustandes der sterblichen Überreste von Peggy nach 15 Jahren ließe sich die Todesursache nicht mehr feststellen. Zeugen, die das Geschehen beobachtet haben, habe man nicht mehr ermitteln können, heißt es weiter vonseiten der Staatsanwaltschaft. 

Allein die Angaben des Beschuldigten Manuel S. und des freigesprochenen Ulvi K. stünden zur Verfügung. Manuel S. bestreite, Peggy Knobloch getötet zu haben. Ulvi K. gab in seinen zahlreichen Vernehmungen unterschiedlichste Einlassungen und Tatversionen an, die er jeweils dem Verfahrensstand angepasst habe. Ein bezüglich der Aussagen eingeholtes Gutachten eines Fachpsychologen für Rechtspsychologie zu deren Wahrheitsgehalt kommt zu dem Ergebnis, dass Ulvi K.s Schilderungen nicht als zuverlässig und glaubhaft genug eingestuft werden können. Die Widersprüche in seinen Aussagen seien zu groß.

Es lägen damit insgesamt keine hinreichenden Beweise dafür vor, dass Manuel S. allein oder zusammen mit einer anderen Person Peggy Knobloch sexuell missbraucht und anschließend getötet hat, um die Sexualstraftat zu verdecken.

Bestehen bleibe lediglich der dringende Tatverdacht, dass Manuel S. die Leiche weggebracht hat. Eine solche Tat wäre aber bereits verjährt. 

Das Verfahren wurde daher eingestellt. "Der Ermittlungskomplex 'Peggy' mit allen Verfahren ist nun vollständig beendet", teilt die Staatsanwaltschaft abschließend mit. 

Video zum Artikel

Statement der Polizei und der Staatsanwaltschaft zum Fall Peggy
Martin Dippold von der Staatsanwaltschaft Bayreuth und Anne Höfer, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Oberfranken, zum Abschluss des Ermittlungskomplexes 'Peggy'.
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Was genau an jenem trüben Montag, 7. Mai, 2001 geschah, hat die vorerst letzte Sonderkommission nicht herausfinden können. Die Ermittler aber waren sich sicher, dass sie die handelnden Personen kennen. Einer davon, Manuel S., sollte angeklagt werden. Er war schon den Ermittlern der Soko 1 als hochverdächtig aufgefallen, doch sein fehlendes Alibi bemerkte man erst 2018.

 

Wochenlange Suche

Die Indizienkette der vorerst letzten Soko unter Leitung des Bayreuther Ermittlers Uwe Ebner ist das, was man erdrückend nennt. Am 2. Juli 2016 fand ein Pilzsammler in einem Waldstück bei Rodacherbrunn an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze die sterblichen Überreste des Mädchens. Wochenlang durchsuchten Polizisten den Fundort, schleppten noch nach dem ersten Schnee säckeweise Erde zum Analysieren aus dem Wald. Währenddessen durchforschten die Ermittler die inzwischen die fast 100.000 Seiten in dem mysteriösen Fall. Besonders auffällig darin: Manuel S.

 

Kartoffelsack und Messer

S. gab 2001 an, er sei am Tag von Peggys Verschwinden nicht mit dem Auto gefahren. Die Ermittler fanden in den Akten alte Aufnahmen aus der Sparkasse in Lichtenberg. Ein junger, schmächtiger Mann im blauen Pullover und Arbeitshose holt an jenem Montagnachmittag um 15.17 Uhr Kontoauszüge, verlässt danach die Bank nach rechts: Manuel S. Kurz danach stößt ein Audi 80 in heller Farbe zurück und fährt weg. Indiz eins, dass S. den Ermittlern nicht die Wahrheit gesagt hatte. Tatsächlich fanden sie das Auto, Baujahr 1987, das sogar noch fahrtüchtig war. Spuren gab es wie 2001 keine darin. Nur einen Kartoffelsack und zwei Messer.

Aber noch andere Indizien deuteten auf S. Es gab mikroskopisch kleine Spuren am Fundort von Peggys sterblichen Überresten im Wald. Reste von Farbe, wie sie beim Renovieren von Wohnungen verwendet wird. S. renovierte sein Haus zu der Zeit, als Peggy verschwand. Und Pollen, die auf Torf hinwiesen. S. gab 2001 an, er habe mit seiner Mutter am jenem Montag Blumen umgetopft. Die Pollen-Spuren waren in den Nasennebenhöhlen des Mädchens – ein Hinweis darauf, dass sie die Pollen zwar eingeatmet hat, aber nicht mehr ausatmen konnte. Ein zweites Indiz. Peggy atmete also noch, als sie mit einem Gegenstand in Berührung kam, auf dem Torf war.

 

Alle weiteren Artikel zum Fall Peggy lesen Sie hier>>>

 

Unter Tränen

Dieser Gegenstand war auf einer wiederhergestellten Tonbandaufnahme aus dem Jahr 2002 erwähnt. Es handelt sich um ein inniges Vater-Sohn-Gespräch zwischen Ulvi K. und seinem Vater. Ulvi K. hatte ihn beschuldigt, die Leiche verbracht zu haben, weswegen er im Gefängnis landete. Dort schnitten die Ermittler ein Gespräch zwischen den beiden heimlich mit. 47 Minuten, in denen Ulvi K. beschreibt, wie er Peggy erstickt hat. 47 Minuten, in denen er versucht seinen Vater davon zu überzeugen, dass Manuel S. dabei war und danach die Leiche in seinem Auto weggeschafft hat. Teils unter Tränen beschwört Ulvi K. seinen Vater, der es nicht glauben will, dass Manuel S. dabei war. „Glaub mir, der Manuel war dabei". Schon in den Akten von 2002 steht, wie er und Manuel S. auf Peggy gewartet haben wollen, ihr gefolgt seien. Es soll zum Streit gekommen sein, zu körperlicher Gewalt gegen das Kind. Sie fiel wohl hin, der Mund wurde ihr zugehalten, sie erstickt. Seit der Tonbandaufnahme sind sich die Ermittler sicher: S. ist mit seinem Auto gekommen und hat sie in eine Plane eingewickelt, ein eine Kompostier-Plane. S., der sich selbst als „Hobby-Landwirt“ bezeichnete, soll eine solche besessen haben. Auch im Wald bei Rodacherbrunn hatten die Ermittler kleine Reste einer solchen Plane gefunden.

Nach Informationen unserer Zeitung lagen dort weder Reste ihrer Jacke noch ihrer Hose, ihre schwarzen Plateau-Schuhe standen ausgezogen etwa 15 Meter neben der Leiche unter einer Wurzel, säuberlich nebeneinander. All das deutet darauf hin, dass das Mädchen zumindest teilweise ausgezogen wurde. Was einen möglichen Missbrauch ins Spiel bringt. Genau das, was Ulvi K. und Manuel S. einige Tage zuvor „besprochen“ hatten, wie es auch in den alten Akten zu lesen ist. Ulvi K. hatte S. in einer Kneipe in Lichtenberg davon erzählt, dass er Peggy missbraucht habe.

Dies räumte S. am 12. September 2018 in einer fast zehnstündigen Vernehmung auch ein. Und er sagte, er habe die Leiche am Bushäuschen in Lichtenberg übernommen – von Ulvi K. Er, S., habe versucht, das Mädchen wiederzubeleben, sie dann aber in eine Decke gewickelt und ins Auto gelegt. Und dies mitten im Dorf, an einer Bushaltestelle, die als Treffpunkt für Jugendliche galt, die von vielen Bussen angefahren wurde, direkt gegenüber der größten Firma in Lichtenberg lag, mitten im Wohngebiet. Nach Informationen unserer Zeitung halten die Ermittler diesen Ort für „nicht realistisch“. Das ist diplomatisch für eine glatte Lüge.

 

Auffälliges Sexualverhalten

S. hatte damals keine Freundin. Und er hatte in seiner Jugend ein sexuelles Verhältnis mit Ulvi K. Sexuellen Kontakt soll er nur zu einer Frau bei einem Bordellbesuch an seinem 18. Geburtstag gehabt haben, der nach seinen eigenen Angaben nicht klappte. Dieses Sexualverhalten von S. war auch den Ermittlern 2002 schon aufgefallen, weswegen er damals in Verdacht geriet. Vor allem, nachdem er bei einem Ausflug betrunken damit geprahlt hatte, Peggy vergraben zu haben. Die Polizei vernahm ihn häufig, er blieb dabei, nichts mit dem Verschwinden Peggys zu tun zu haben. Und ausgerechnet am 12. September 2018 gab er zu, das Mädchen verscharrt zu haben, obwohl er jahrelang Erfahrung im Umgang mit der Polizei hatte und Leugnen gewohnt war. In all den Vernehmungen 2001 und 2002 hatte er sich öfter widersprochen: Mal kannte er Peggy, mal wieder nicht.

Für die Zeit zwischen 13.24 Uhr, als Peggy zum letzten Mal gesehen wurde, und 15.17 Uhr, als er Kontoauszüge holte, hat S. kein Alibi. Und außerdem gab er mal an Peggy nicht zu kennen, ein andermal kannte er sie. Ein weiteres Indiz.

 

"Riesen-Blamage"

Jörg Meringer, Verteidiger von Manuel S. aus Hof, bezweifelte alle diese Indizien – und sollte recht behalten. Er wisse gar nicht, was in den vergangenen zwei Jahren Neues in dem Fall dazugekommen sein soll, sagte er  jüngst einem Reporter. Auch die Telefonüberwachung bei S. hätte nichts erbracht.  Gleich nach der Heimkehr vom Verhör habe dieser seiner Frau gesagt, dass er der Polizei „Mist“ erzählt habe. Jeder wisse, dass sein Geständnis falsch gewesen sei und dass die Szene mit dem Bushäuschen nicht stimmen könne. Meringer kann sich nur eine Einstellung spätestens im Zwischenverfahren oder einen blanken Freispruch bei Richter Carsten Sellnow und eine „Riesen-Blamage für die Ermittler“ vorstellen.

Das Gespräch Ulvis mit dem Vater in der Zelle beweise nichts, es sei auch nicht ohne Druck für Ulvi gewesen. Der Vater habe Riesendruck aufgebaut und habe gesagt: „War's der S.?“ Dann erst habe Ulvi seine Geschichte von Manuel erzählt, um seinen Vater ruhiger zu stimmen. Er wünscht aber S., dass er endlich damit abschließen könne, er stehe das nur dank seiner Familie durch.

Für Meringer sei immer noch Holger E. der Hauptverdächtige, der wegen Kindesmissbrauch sechs Jahre in Haft saß und ein Stiefbruder von Peggys Nachbar war. Es sei ein leichtes, von seinem Wohnort nahe Halle in einer Stunde und 15 Minuten nach Lichtenberg zu fahren. Die Ermittlungen gegen ihn sind allerdings längst eingestellt.

Ramona Hoyer, die Anwältin von Peggys Mutter Susanne Knobloch, kommentiert die Lage nicht. Sie will sich im Laufe des Tages mit einer kurzen Pressemeldung an die Medien wenden.

 

Autor

Otto Lapp
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
22. 10. 2020
08:38 Uhr

Aktualisiert am:
22. 10. 2020
10:36 Uhr

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Otto Lapp

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22. 10. 2020
08:38 Uhr

Aktualisiert am:
22. 10. 2020
10:36 Uhr



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