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Länderspiegel

Geprellte Anleger sagen gegen Turgut aus

Das Landgericht Hof will bis Januar 100 Zeugen anhören. Es geht darum, ob die Finanz-Vertreter den Investoren alle Kosten mitgeteilt haben.



Hof - Im Verfahren gegen den Hofer Finanzmakler Michael Turgut hat ein bemerkenswerter Beweis-Marathon begonnen: Das Landgericht will bis zum Januar über 100 Zeugen befragen, die meisten von ihnen dazu, was ihnen erzählt wurde, als sie sich in den Jahren 2005 und 2006 am "Multi Advisor Funds (MAF)" 1 beteiligten. Das ist ein durchaus ambitioniertes Vorhaben, denn selbst erfahrene Investoren haben Probleme damit, sich zu erinnern, was vor fast zwölf Jahren vereinbart wurde. Zudem werden die Details des Abschlusses - so zeigt es sich bis jetzt - von ganz anderen Erinnerungen überlagert. Der MAF 1 war für alle Investoren eine einzige Katastrophe.

Statt Gewinn hat er nur Verluste produziert. Alle Einmaleinzahlungen sind verloren. Wer sich als Ratenzahler nicht teuer herausprozessiert hat, zahlt heute noch ein in ein Fass ohne Boden. Dabei war der Fonds von seinen Vermittlern als "sichere Altersvorsorge" verkauft worden, die auf "vier sicheren Säulen" ruhe. Wie die Anleger vor Gericht berichten, haben sie dafür andere sichere Anlagen, wie Lebensversicherungen und Sparverträge, aufgekündigt.

Doch damit hat das Hofer Verfahren gar nichts zu tun. Hier geht es nur darum, ob den Anlegern die wahren Kosten des Investments verschwiegen worden sind. Übereinstimmend berichten die Zeugen bis jetzt, dass ihnen nur von einem Aufgeld (Agio) von fünf Prozent erzählt worden sei. Dabei wurden von der Anlagesumme weitere fast 15 Prozent abgezogen. Daraus wurden unter anderem die Provisionen der Vermittler und eben auch Millionengewinne der Hofer Firma IFF und ihres einzigen Gesellschafters Michael Turgut bezahlt.

Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Hof vor, seine Vermittler so geschult zu haben, dass sie den Kunden die wahren Kosten der Anlage verschweigen sollten. Wenn sie von den wahren Kosten gewusst hätten, dann hätten sie die Anteile nicht gezeichnet, argumentiert die Anklage. Sie lautet auf Betrug. Das erfordert, dass die Opfer zum einen getäuscht und zum anderen in ihrem Vermögen geschädigt wurden.

Dem Gericht vorliegende Beweise belegen, dass Turgut die Beratungsgespräche bis in die genauen Details vorgab und eintrainierte. Dabei sei nur von dem Agio die Rede gewesen, berichtete am Dienstag ein Vermittler, der an etlichen der Freitags-Trainings von Turguts Truppen teilgenommen hatte. Er selbst machte keine Abschlüsse, zeichnete aber für fast 25 000 Euro Anteile. Wenn er von den wahren Kosten des Investments gewusst hätte, "dann hätte ich den Zettel noch dort zerrissen", versicherte der Zeuge.

Turguts Verteidiger, Dr. Marc Langrock und Dr. Tobias Liebau, müssen bei jedem der Zeugen all ihre Mühe aufwenden, den Ärger der Anleger über die im Nachhinein verlorenen Gelder vom eigentlichen Thema des Prozesses zu trennen. Langrock verweist immer wieder darauf, dass die Abschlusskosten des MAF 1 immer noch unter dem gelegen hätten, was so manche renommierte Gesellschaft bei Lebensversicherungen von den Einzahlungen der Kunden einbehalte - in der Regel ohne die Kunden groß darüber zu informieren.

Langrock bittet: "Stellen Sie sich doch einmal vor, es wäre alles so gekommen wie versprochen. Hätten Sie trotz der höheren Kosten doch unterschrieben?" So befragt, kommt so mancher Anleger ins Schwanken: Vielleicht hätte man damals auch dann gezeichnet, wenn man von den höheren Kosten der Anlage gewusst hätte.

Aus den Aussagen der Zeugen spricht ein großes Maß von Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit. Alle haben beim Beitritt zum Fonds zum Beispiel Erklärungen unterschrieben, dass sie den Emissionsprospekt mit der Angabe der wahren Kosten erhalten haben. Das traf offenbar in so gut wie keinem der Fälle zu. "Der Kunde sollte keine Zeit zum Nachdenken haben", berichtete einer der Teilnehmer der Turgut-Schulungen.

Viele der Zeichner haben offenbar blind ihrem Vermittler geglaubt. In etlichen Fällen war dies der Versicherungsmakler vor Ort, den sie schon seit Langem gekannt und dem sie vertraut hatten. "Ich war einfach leichtgläubig", sagt einer der Anleger, der aus dem Allgäu noch Hof angereist war. Seinen Vermittler haben andere Geschädigte inzwischen erfolgreich auf Schadenersatz verklagt. Nun ist er untergetaucht.

Eine andere Zeugin fragt am Schluss ihrer Vernehmung bang: "Sehen wir noch einmal etwas wieder von unserem Geld?" Doch auch das ist nicht das Thema des Prozesses.

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
15. 11. 2017
00:00 Uhr

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