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Länderspiegel

Hysterie um harmloses Pulver

Nach mehreren verdächtigen Briefsendungen geben die Behörden Entwarnung. Nachahmungstäter verschicken Puderzucker. Die Staatsanwaltschaft Coburg ermittelt bundesweit.



Nach den Vorfällen mit weißem Pulver an Gerichten in Magdeburg und Eisleben gibt es bisher keine Hinweise auf Tatverdächtige.
Nach den Vorfällen mit weißem Pulver an Gerichten in Magdeburg und Eisleben gibt es bisher keine Hinweise auf Tatverdächtige.  

11.01.2017 - Alarm im Landgericht Coburg - Foto: Frank Wunderatsch

Alarm im Landgericht Coburg Coburg
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Coburg/Schwerin - Stundenlang gesperrte Gerichte, Feuerwehrleute in Schutzanzügen, Speziallabore im Dauereinsatz: Eine Serie von Briefsendungen mit dubiosem Pulver hat im Januar deutsche Justizbehörden in Aufregung versetzt. Über mehrere Tage verteilt gingen 25 verdächtige Briefe ein - beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ebenso wie bei der Justiz in Neubrandenburg. Allein in Mecklenburg-Vorpommern waren es fünf. "Weitere zwölf Briefsendungen mit Pulver wurden auf dem Postweg angehalten", sagt Christian Pfab von der Staatsanwaltschaft in Coburg. Dort ist ein bundesweites Sammelverfahren gegen unbekannt eingeleitet worden.

Die Pulver erwiesen sich nach Laborprüfungen in allen Fällen als harmlos - bisher wurden in Deutschland noch nie biologische Substanzen in solchen Briefen nachgewiesen. Der Prüfaufwand ist erheblich: Allein um biologische Erreger auszuschließen, untersuchen Wissenschaftler Pulverproben zunächst unter dem Elektronenmikroskop. "Dem schließen sich molekularbiologische Untersuchungen an", sagt Julia Sasse vom Robert Koch-Institut Berlin. Mit den Tests werde nach etwa zehn biologischen Substanzen gefahndet. Welche das sind, will sie nicht sagen. "Die ersten Ergebnisse liegen nach wenigen Stunden vor."

Die Wissenschaftlerin warnt davor, bei vermeintlichen Anschlägen mit verdächtigen Substanzen in Briefen nur die Möglichkeit biologischer Erreger in Betracht zu ziehen. Das sei stets der erste Gedanke, seit 2001 in den USA Briefe mit Milzbrandsporen versandt worden waren. Fünf Menschen starben nach Kontakt mit dem weißen Pulver. Sasse zufolge müssen dubiose Briefinhalte auch auf Radioaktivität, flüchtige chemische Substanzen und Sprengstoff untersucht werden. Das erledigen in der Regel die Einsatzkräfte vor Ort.

Nach den Anthrax-Fällen 2001 in den USA gab es in Deutschland eine Riesen-Welle von Nachahmern, erinnert sich Wissenschaftlerin Sasse. "Wir haben irgendwann aufgehört, zu zählen." Ihr wäre es lieb, wenn die mediale Aufmerksamkeit bei solchen Vorkommnissen geringer ausfiele. Das sieht der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement Darmstadt genauso. "Wir raten, diskret mit solchen Fällen umzugehen", sagt er. Andernfalls könnten Nachahmer auf den Plan gerufen werden.

Doch Anfang des Jahres wurden plötzlich reihenweise solche Fälle bekannt. Am 11. Januar rieselte Mitarbeitern in mehreren Bundesländern verdächtiges Pulver entgegen, als sie Briefe öffneten. Auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe war betroffen. Das Innenministerium in Baden-Württemberg äußerte kurz danach die Vermutung, dass es sich hier wohl um Puderzucker gehandelt hatte.

Was sind das für Leute, die solche Briefe verschicken und damit eine enorme Reaktion von Einsatzkräften auslösen? Kriminalpsychologe Hoffmann sieht eine Motivation in der Freude mancher Menschen daran, für Unruhe und Angst zu sorgen. "Wenn ein Gebäude geräumt wird, kann sich ein Täter einreden: ,Ich bin wirkungsmächtig'. Das steigert das Selbstwertgefühl." Auch Wut auf Behörden könne eine Rolle spielen.

Die "Pulveranschlags"-Welle vom Januar gehört zu den größeren Vorkommnissen dieser Art in den vergangenen Jahren. 2014 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamts elf Briefsendungen mit Verdacht auf "Ausbringung gesundheitsgefährlicher Substanzen" registriert, wie es im Amtsdeutsch heißt. Im Jahr darauf waren es 14, Zahlen für das Jahr 2016 liegen noch nicht vor. Ermittelt wird in solchen Fällen meist wegen Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, so auch nach den jüngsten Vorkommnissen. Mitunter gelingt es, die Absender ausfindig zu machen. Laut BKA wurde 2015 eine Frau zu 600 Euro Geldstrafe verurteilt, die ein Jobcenter mit angeblichem Milzbrand bedroht hatte.

Autor

Iris Leithold
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
08. 02. 2017
22:33 Uhr

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Autor

Iris Leithold

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Veröffentlicht am:
08. 02. 2017
22:33 Uhr



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