Topthemen: Mordfall BeatriceBundestagswahlHöllentalbrückenZentralkauf weicht Hof-GalerieGerch

Länderspiegel

Keine Chance für Hass und Gewalt

Eine Gedenkstätte auf dem Olympia-Gelände in München erinnert an die Opfer des Attentats von 1972. Ilana Romano hat lange für diesen Moment gekämpft.



Die Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags auf die Olympischen Spiele 1972 in München erinnert an die elf ermordeten israelischen Sportler und den deutschen Polizisten, der von den palästinensischen Terroristen getötet wurde.
Die Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags auf die Olympischen Spiele 1972 in München erinnert an die elf ermordeten israelischen Sportler und den deutschen Polizisten, der von den palästinensischen Terroristen getötet wurde.  

München - Wären die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Münchner Olympia-Anlagen vor 45 Jahren doch genauso streng gewesen wie an diesem trüben September-Mittag 2017. Dann wäre es den palästinensischen Terroristen nicht so leicht gefallen, in die Zimmer der israelischen Sportler im Olympia-Dorf einzudringen, gleich zwei von ihnen zu ermorden und neun weitere als Geiseln zu nehmen. Vielleicht hätte sich dann auch die später völlig aus dem Ruder gelaufene Befreiungsaktion mit 15 weiteren Toten auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck vermeiden lassen. Aber 1972 war niemand vorbereitet auf den internationalen Terrorismus, der in München zum ersten Mal in die Wahrnehmung der globalen Öffentlichkeit platzte.

Jetzt, zur Eröffnung der Gedenkstätte an die Opfer des Überfalls auf die israelischen Olympia-Sportler von 1972 ist viel Polizei unterwegs auf dem Olympia-Gelände. Keine Maus käme wohl ohne Akkreditierung und Sicherheitscheck zu dem vom Tirschenreuther Architekturbüro Brückner&Brückner erdachten und vom Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, mitkonzipierten Einschnitt in den Lindenhügel des Olympia-Parks. Der 5. und der 6. September 1972 waren eben auch ein tiefer Einschnitt für die Arbeit der Sicherheitsbehörden.

Mit dem "Einschnitt" haben die Brückners auch die Metapher für die Feierlichkeiten zur Eröffnung der Gedenkstätte gefunden. Kaum ein Festredner kommt ohne dieses Wort aus. Das beginnt schon bei der bewegenden Einweihung mit den aus Israel angereisten Angehörigen der Terroropfer. "Der Erinnerungsort kommt spät, aber nicht zu spät", gibt Kultusminister Ludwig Spaenle die Tonlage vor, als er sich direkt an die Familien der Ermordeten wendet. "Sie haben Menschen verloren, deren Verlust wir nicht verhindern konnten", erinnert er an die dilettantischen Versuche zur Geiselbefreiung. "Das beschämt uns bis heute." Umso mehr sei den Angehörigen zu danken, dass sie unbeirrt auf diesen Erinnerungsort gedrängt hätten.

Es sind die berührendsten und eindringlichsten Momente des Festakts, als die Witwen, Brüder und Kinder der Toten der Reihe nach die Gedenktafeln für jedes Opfer enthüllen, um ihnen wieder ein Gesicht zu geben. "Lange, viel zu lange fehlte dieser Ort, lange, viel zu lange sind die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Tätern verblasst", wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier später sagen. Für Ilana Romano, die Witwe des getöteten Gewichthebers Yossef Romano und treibende Kraft hinter der Gedenkstättenidee, ist dieser Augenblick ein "höchst bewegendes Ereignis". Seit 1978 habe sie mit Mitstreitern versucht, diesen Gedenkort zu verwirklichen.

Bitter blickt Romano zurück in diese Zeit, als sie gegen große Widerstände in Deutschland und im Internationalen Olympischen Komitee ankämpfen musste. Auf Antisemitismus sei sie gestoßen und auf den unfassbaren Vorwurf, Israels Sportler hätten den Terror nach Deutschland gebracht. Umso herzlicher gehe ihr Dank an die heutige Generation von Politikern, die den Gedenkort verwirklicht hätten. So erfüllt es sie auch mit Genugtuung, dass Seehofer den Anschlag als das bezeichnet, was er war: Eine "grausame Geiselnahme durch Terroristen" und einen "brutalen Mord". Der Gedenkort sei Verpflichtung, Hass und Gewalt keine Chance zu geben.

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin greift diesen Gedanken auf. "Wir dürfen dem Terror nicht nachgeben", betont er und setzt darauf, mit Aufklärung den "Kreis des Hasses" zu durchbrechen. Wie aktuell das ist, zeigt sein Verweis auf die palästinensische Fatah-Bewegung, aus deren Reihen der Münchner Anschlag noch vergangenes Jahr als "heroische Tat" bezeichnet worden sei. In einer über den Tag hinaus denkwürdigen Rede ordnet Steinmeier die Ereignisse von 1972 in historischen Kontext. "Der Versuch, ein weltoffenes Deutschland zu zeigen, ist damals auf tragische Weise gescheitert", erklärt er. An der Katastrophe, dass es dem demokratischen Deutschland nicht gelungen sei, das Leben jüdischer Sportler zu schützen, trage man bis heute schwer. Und er betont, dass die Absage an jede Form des Antisemitismus "zu unserer Art zu leben gehört". Das gelte auch für die, die aus anderen Kulturen zu uns kämen und in Deutschland ihre Zukunft suchten.

Autor

Jürgen Umlauft
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 09. 2017
20:03 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Anschläge Antisemitismus Attentatsopfer Frank-Walter Steinmeier Gedenkstätten Hass Internationales Olympisches Komitee Ludwig Spaenle Polizei Reuven Rivlin Terrorismus Terroristen
München
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Augen auf: Charlotte Knobloch warnt vor Fremden- und Judenfeindlichkeit.

08.09.2017

Knobloch weist auf Zunahme von Rechtsextremismus hin

München - Angesichts steigender Zahlen antisemitischer Straftaten hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, vor dem » mehr

"Die extremste Form von sexualisierter Gewalt": Opfer von Vergewaltigungen leiden meist ihr Leben lang.

12.09.2017

Die Zahl der Vergewaltigungen steigt in Bayern drastisch

Während die Kriminalität insgesamt zurückgeht, kommt es zu immer mehr Sexualstraftaten. Innenminister Joachim Herrmann will diese Delikte gezielt bekämpfen. » mehr

Die Architekten Christian und Peter Brückner planen die Gedenkstätte.

23.09.2014

Tirschenreuther gestalten Gedenkstätte

Ein Einschnitt im Münchner Olympiapark soll an die Opfer von 1972 erinnern. Den Zuschlag bekommen zwei Architekten aus der Oberpfalz. » mehr

Die neuen Regeln zur Telefon- und Internetüberwachung greifen der Öko-Partei zu sehr in die Grundrechte der Bürger ein.

03.08.2017

Grüne klagen gegen Verfassungsschutzgesetz

Gegen Protest der Opposition hat der Landtag dem Verfassungsschutz Zugriff auf Internetdaten und Telefonverbindungen gewährt. Nun entscheiden die Richter. » mehr

Mit einer Sitzblockade protestierten Nürnberger Berufsschüler am 31. Mai gegen die Abschiebung eines Klassenkameraden nach Afghanistan. Es kam zur Konfrontation mit der Polizei.

05.07.2017

Warum die Abschiebung eskalierte

Als die Polizei in Nürnberg gegen Schüler vorging, die gegen eine Abschiebung demonstrierten, regte sich Protest. Zu den Hintergründen gibt es nun neue Erkenntnisse. » mehr

Polizeibeamte sichern im Juli 2016 nach dem Amoklauf von München ein Schnellrestaurant am Olympia-Einkaufszentrum.

26.04.2017

Amokläufer von München war von Rache getrieben

Die Polizei glaubt nicht an einen rechtsgerichteten Hintergrund. Der Täter war jahrelang Mobbing an der Schule ausgesetzt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Musical Dr. Curio Schauenstein

Musical "Schafft mit den Curio her" | 17.09.2017 Schauenstein
» 13 Bilder ansehen

Oktoberfest in Selb

Oktoberfest in Selb | 17.09.2017 Selb
» 11 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Icefighters Leipzig 5:1

Selber Wölfe - Icefighters Leipzig 5:1 | 22.09.2017 Selb
» 21 Bilder ansehen

Autor

Jürgen Umlauft

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 09. 2017
20:03 Uhr



^