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Länderspiegel

"Keine Langeweile, Menschen ins Blatt!"

Vollblut-Journalisten der Wiener Schule begründeten den Erfolg der Frankenpost . Die oberfränkische Regionalzeitung erschien erstmals am 12. Oktober 1945 mit der Lizenznummer vier der amerikanischen Militärverwaltung.



Lernte mit 14 Jahren das Weberhandwerk, wurde 1913 Lokalberichterstatter der Oberfränkischen Volkszeitung, dann deren Geschäftsführer und - bis 1932 - Abgeordneter des Wahlkreises Franken im Deutschen Reichstag: Hans Seidel, Gründer der Frankenpost.
Lernte mit 14 Jahren das Weberhandwerk, wurde 1913 Lokalberichterstatter der Oberfränkischen Volkszeitung, dann deren Geschäftsführer und - bis 1932 - Abgeordneter des Wahlkreises Franken im Deutschen Reichstag: Hans Seidel, Gründer der Frankenpost.   » zu den Bildern

Er war ein Vollblut-Journalist, ein Vertreter der Wiener Schule und somit ein Glücksfall für diese Zeitung: Als Tibor Yost, als Sohn eines königlich und kaiserlichen Schulrektors in Budapest geboren, Drehbuchautor von Filmen wie "Orient-Express" und "Wo der Wildbach rauscht", nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Hitler-Tyrannei zusammen mit dem ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Hans Seidel die Frankenpost gründet, gibt er an die Redaktion der neuen oberfränkischen Tageszeitung die Losung aus: "Keine Langeweile, kein Generalanzeiger-Journalismus, Menschen ins Blatt und ein einfaches, klares Deutsch, das die Waschfrau ebenso versteht wie der Herr Direktor!" Diese Maxime, die Vorbildfunktion und das schreiberische Talent des deutsch-ungarischen Schriftstellers und ersten Chefredakteurs der Frankenpost prägen die Redaktionsarbeit der "Stimme der Region" bis heute.

Nach der zwölf Jahre dauernden Nazi-Diktatur und deren Zusammenbruch hatten die amerikanischen Besatzungsbehörden in ihrem Wirkungskreis im Westen Deutschlands nach freiheitlich und demokratisch gesinnten Zeitungsverlegern Ausschau gehalten. In Hof erhielten Tibor Yost und Hans Seidel - Letzterer hatte bis 1933 die Oberfränkische Volkszeitung herausgegeben und war von den nationalsozialistischen Despoten im "Dritten Reich" mehrmals verhaftet und für kurze Zeit sogar ins Konzentrationslager Dachau gesperrt worden - von der Militärverwaltung in Bayern die Lizenznummer vier zur Gründung einer Zeitung. Als Nummer eins hatte die Süddeutsche Zeitung die Legitimation bekommen. Am Vortag des 12. Oktober 1945, dem ersten Erscheinungstag der Frankenpost , hatten sich hohe Offiziere der amerikanischen Militärverwaltung mit den Vertretern der Hofer Behörden und den Angestellten und Arbeitern des neu gegründeten Verlages im festlich geschmückten Maschinensaal in der Poststraße versammelt, um die Verleihung der Lizenz und den Start der Druckmaschine zu feiern. Der Chef der Informationskontrolle im Hauptquartier der 3. Armee, Oberst B. B. McMahon, legte in grundlegenden Äußerungen in deutscher Sprache die Aufgaben der neuen deutschen Schriftleiter - wie die Redakteure seinerzeit genannt wurden - fest. Oberstes Gebot ihres Schaffens sei es, "der Wahrheit und nur der Wahrheit in frei gesprochenem Wort zu dienen".

Tibor Yosts Blattmacher-Philosophie verhalf der neuen Regionalzeitung für Oberfranken innerhalb kürzester Zeit zu großem Erfolg und zu einer Auflage von 100 000 Exemplaren. Der erste Chefredakteur schnitt rigoros alte Zöpfe aus der Generalanzeiger-Mentalität ab und präsentierte eine neue Zeitung in Inhalt und Aussehen. Yost schwor seine Redakteurinnen und Redakteure immer wieder mit den Worten des Wiener Journalisten Hans Habe auf ihre Arbeit ein: "Das Selbstverständliche ist ein überflüssiges Möbelstück in der journalistischen Innenarchitektur, das Überflüssige der Feind der Flüssigkeit." Der frühere Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Werner Friedmann, machte Tibor Yost einmal das Kompliment: "Lieber Herr Kollege Yost, ich gestehe, dass die Münchner Abendzeitung , unser neues Produkt, journalistisch einige gute Väter hat. Zu ihnen gehört auf jeden Fall die Frankenpost . Wären Sie in München, würden wir zusammen Zeitung machen."

In der ersten Zeit erschien die Frankenpost wegen der Papierknappheit nur zweimal in der Woche: dienstags und freitags. Die Zeitung hatte einen Umfang von acht Seiten und fast keine Anzeigen. Das Verbreitungsgebiet erstreckte sich von Hof bis ins Fichtelgebirge und zum Oberen Main.

Durch die Währungsreform und die Aufhebung des Genehmigungszwangs durch die amerikanische Besatzungsmacht kam es im Zeitungsgeschäft der Region zu einschneidenden Veränderungen. Innerhalb kurzer Zeit erschienen in Hof wieder der Hofer Anzeiger und die Oberfränkische Volkszeitung . Dadurch ging die Auflage der Frankenpost zunächst drastisch zurück. Sie lag im Jahr 1949 bei 40 000 Exemplare pro Tag. Doch die Frankenpost -Mannschaft schaffte es in den folgenden Jahrzehnten, durch qualitativ guten Journalismus die Auflage ständig zu steigern. In den Jahren 1969 und 1970 erreichte die oberfränkische Zeitung eine tägliche Auflage von mehr als 70 000 Exemplaren. Ihre Stärke waren gut recherchierte Berichte und Reportagen über lokale und regionale Ereignisse.

Im Jahr 1951 holte Herausgeber und Chefredakteur Tibor Yost den Rumäniendeutschen Fritz Poppenberger, ehemals Redakteur beim Deutschen Tagblatt in Rumänien, als neuen Chefredakteur ins Haus. Poppenberger leitete die Redaktion bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1974 und prägte den Stil der Zeitung ebenso wie der große "Skandalreporter" Helmut F. Krüger und der Karikaturist Josef Nyary. Der neue Chefredakteur war mit den gleichen Fähigkeiten gesegnet wie Tibor Yost, mit jener Art Schreibtalent und journalistischem Gespür, die viele Autoren und Zeitungsmacher der k.u.k-Donaumonarchie auszeichnete. Poppenberger schwor seine Redaktionsmannschaft unter anderem mit dem Credo auf ihre Arbeit ein: "Die Frankenpost ist nicht das Blatt, das sich am Verschweigen und Vertuschen orientiert, sondern das neue Produkt eines nachforschenden Journalismus in Bericht und Kommentar."

Für die publikumswirksame, die Leser fesselnde Skandal-Berichterstattung der Fünfziger- und Sechzigerjahre stand ein Name: Helmut F. Krüger. Dieser Reporter zog Storys an Land, die bei den Lesern Tagesgespräch waren. Krüger schrieb im gehobenen Boulevard-Stil, spannend und oft herzzerreißend über menschliche Schicksale, über Morde und Suizide, Unternehmens-Skandale, Schießereien und schwere Unfälle. Ein Zeitgenosse schilderte diese Ära der Zeitung mit den Worten: "Wer damals nicht täglich die Zeitung gelesen hatte, der hatte was verpasst - der konnte nicht mitreden."

In den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren schloss sich die Frankenpost mit mehreren Heimatzeitungen zusammen und weitete dadurch ihr Verbreitungsgebiet stark aus. Zu den Kooperationspartnern, von denen einige ihre Anteile später ganz an die Frankenpost abgetreten haben, gehören das Marktredwitzer Tagblatt, der Hofer Anzeiger , das Rehauer Tagblatt , die Münchberg-Helmbrechtser Zeitung die Sechsämter Neuesten Nachrichten , der Sechsämterbote und das Selber Tagblatt .

Nach dem Tod der Gründer Tibor Yost und Hans Seidel verkauften deren Erben die Frankenpost im Jahr 1969 an die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG). Als neuer Geschäftsführer kam Werner Friedrich nach Hof: Er legte den Grundstein für die technische Erneuerung des Verlages. Unter seiner Führung entwickelte sich die Frankenpost , die seit 1. Januar 1970 mit sechs Ausgaben pro Woche erscheint, zu einer der modernsten deutschen Zeitungen. In Hof-Moschendorf entstand ein neues Druck- und Vertriebszentrum, der Verlag schaffte ein Fotosatzsystem an, das die "Bleizeit" endgültig ablöste, und er führte als eine der ersten Zeitungen der damaligen Bundesrepublik ein modernes elektronisches Redaktions- und Produktionssystem ein, mit dem erstmals Artikel am Bildschirm gestaltet werden konnten. "Wir sind über Nacht in technischer Hinsicht in die Spitze europäischer Zeitungen vorgestoßen", erinnert sich Gerhard Knörnschild, der damalige Leiter der Vorstufentechnik.

Im Jahr 1984 trat Heinrich Giegold, seit 1974 Nachfolger von Fritz Poppenberger als Chefredakteur, auch die Nachfolge von Werner Friedrich als Geschäftsführer und Herausgeber der Zeitung an. Zwei Jahre später stieg der Süddeutsche Verlag in München bei der Frankenpost ein. Er hält heute 65 Prozent der Anteile an der oberfränkischen Regionalzeitung, die restlichen 35 Prozent sind im Besitz der DDVG.

Heinrich Giegold war von Tibor Yost im Jahr 1954 von der Oberfränkischen Volkszeitung in die Frankenpost geholt worden. Der Vollblut-Journalist prägte die Zeitung durch seine Interviews mit namhaften Politikern, durch seinen geschichtskundigen Journalismus und vor allem durch seine Kommentare - "messerscharf, unerbittlich oft, aber stets von Verständnis für den Bürger getragen", wie der langjährige Redaktionsdirektor und Giegolds Partner Werner Mergner die Arbeit seines Chefs in einem Zeitungsbeitrag würdigte. Giegold war die Leitfigur eines Redaktionsstils, den er mit den Worten beschrieben hatte: "Manchmal muss die Zeitung runter von der Tribüne. Sie darf nicht mehr nur pfeifen oder klatschen, sondern muss aufs Spielfeld einlaufen und mitspielen." Mit diesem Journalismus kämpfte die Frankenpost erfolgreich für die Region, erhob sie immer wieder ihre Stimme, wenn es darum ging, die Benachteiligung Oberfrankens anzuprangern, gegen die Luftverschmutzung (in den Siebzigerjahren) anzukämpfen und um die Ansiedlung von Behörden und Bildungseinrichtungen zu ringen.

Autor

Roland Rischawy
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Veröffentlicht am:
16. 10. 2020
00:00 Uhr

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Roland Rischawy

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16. 10. 2020
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