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Länderspiegel

Mutmaßliche Millionenuntreue: Er stoppte den Bank-Vorstand - und flog raus

Stefan Joachim deckt die mutmaßlichen Betrügereien eines Bank-Vorstands im Landkreis Bayreuth auf. Doch das bringt ihm nur eines: Er verliert seinen Job.



Stefan Joachim arbeitete als Anlagenspezialist bei der Raiffeisenbank Emtmannsberg. Er deckte die mutmaßlichen Machenschaften des Bankvorstands Stefan L. auf.
Stefan Joachim arbeitete als Anlagenspezialist bei der Raiffeisenbank Emtmannsberg. Er deckte die mutmaßlichen Machenschaften des Bankvorstands Stefan L. auf.   Foto: Otto Lapp

Emtmannsberg - Noch in der Ausbildung schafft Stefan Joachim (26) das, was erfahrene Prüfer nicht geschafft haben: Er bringt den mutmaßlich betrügerischen Vorstand Stefan L. (51) zur Strecke. Er prüft die Kasse der Raiffeisenbank Emtmannsberg und entdeckt Fehler. Zum Dank setzt ihn die Bank auf die Straße und überhäuft ihn mit Vorwürfen.

Joachim ist jeden Zoll ein Banker. Die Kleidung sitzt korrekt, die Blätter in den Aktenordnern sind so glatt, als wären sie gebügelt. Der Typ Mensch, bei dem man sicher ist, dass er nie falsch parken würde. Mitten in seinem Studium zum Bank-Fachwirt ging er im Herbst 2017 zur Emtmannsberger Bank als Anlagespezialist. Schnell hat er gemerkt: "L. war das Auge und das Ohr dieser Bank. Der wusste alles und wollte alles wissen." Und Joachim merkt auch schnell, was L. sagte, "war Gesetz". Dass es einen zweiten, gleichberechtigten Vorstand gab, schien L. nicht zu stören. "Wenn er nicht spurt, schmeiß‘ ich den raus", soll er über seinen Mit-Chef gesagt haben.

Das Verhältnis zwischen L. und Joachim kippte bald. L. habe es "drauf gehabt, die Menschen mitzunehmen", allerdings sei dies "nie ohne Eigennutz" gewesen. Dem jungen Banker fällt auf, dass L. oft "unter Druck" stand und nervös war. Und noch etwas fällt ihm auf: Sehr oft hätten Bundesbank und Finanzamt angerufen. "L. hat sich ständig verleugnen lassen." Auch Joachim verleugnete seinen Chef. Vor allem die Bundesbank habe ständig angerufen, weil die Meldungen mehrfach nicht fristgerecht da gewesen seien.

Joachim hat sich nicht von selbst an die Presse gewandt, er wollte mit seiner Geschichte nicht hausieren gehen. Rache, sagt er, läge ihm fern. Und ein Held wolle er schon gar nicht sein. "Für mich ist es wichtig, dass diese Geschichte einen Namen bekommt und ein Gesicht."

Als er eines Abends die Kasse macht, fällt ihm ein Fehler auf. "Sie müssen zu diesen Euro-Noten-Beständen 120.000 Euro dazuzählen, damit die Kasse stimmt. Ein Beleg, ein Stück Papier, muss dafür herhalten." Als Neuer fragt er sich: "Ist das normal?" Bei der Raiffeisenbank in Bayreuth hat er gelernt, solange zu bleiben, bis ein Cent gefunden wurde, der fehlte. In Emtmannsberg "war das ein Hinmatschen der Kasse, bis es stimmt".

 

Lesen Sie dazu auch: "Vorwürfe gegen Ex-Banker erhärten sich" >>>

 

Nach Informationen unserer Zeitung handelte es sich um das Gehaltskonto einer Angehörigen L.s, auf dem jahrelang nichts einging. Und als der junge Banker noch andere Konten sieht, auf denen auffällige Ein- und Auszahlungen stattfinden, fasst er einen Entschluss.

Die Bank hat auch samstags geöffnet. Meistens war L. nicht da. Aber Joachim. In Ruhe schaut er sich unter dem Vorwand, etwas für einen Kunden zu suchen, alte Belege an. "Ein Puzzle-Teil nach dem anderen." Er rechnet nach, rechnet nochmal nach. Und er denkt nach: Wie kann sich L. eine Luxus-Immobilie in bester Lage leisten? Im Internet stand sie für knapp eine Million Euro. Und er zweifelt: L. galt als sehr erfolgreich. Also rechnet er nochmal. Zweifelt an sich selbst. "Bloß nicht die falschen Vorwürfe."

Aber Joachim ist korrekt. Er findet die falschen Belege, mit denen L. Einzahlungen gemacht hat. Entweder ohne Geld oder mit dem Geld, das er aus dem Geldautomaten genommen hat. Und erstellt fest, dass die Kasse oft mit getürkten Belegen passend gemacht wird. Nach mehr als einem Monat Bedenkzeit schickt Joachim einen Umschlag an die Bankenaufsicht Bafin. Eine anonyme Anzeige. L. hatte nach fast 20 Jahren Betrügereien seinen Meister gefunden. Doch er wehrte sich.

Joachim war im Urlaub, als die Prüfer kamen. Nach Recherchen unserer Zeitung war es vielen Kollegen klar: Das kann nur der gewesen sein, der immer mit Anzug herumlief. Joachim galt vielen als "komisch". An seinem ersten Arbeitstag musste er ins Besprechungszimmer.

"Ich werde diese Sitzung nie vergessen." L. sagte nicht viel in dem Gespräch. "Man merkte seine Wut, sein rotes Gesicht." Joachim hatte erwartet, mit dem Vorwurf der Bafin konfrontiert zu werden. Stattdessen boten ihm die beiden Vorstände einen Aufhebungs-Vertrag und ein gutes Zeugnis an. Joachim fragt, warum? Stille. "Sie sind eine Gefahr für die Bank."

Nach 45 Minuten musste er die Bank in Begleitung verlassen. Lange saß er in seinem kleinen schwarzen Auto. Ohne Job, ohne die Gründe zu kennen und ohne zu wissen, wie es weitergeht. "Die haben mich gerade rausgeschmissen", schreibt er seiner Freundin. Das war am 4. September 2018. Wenige Tage später kam die fristlose Kündigung.

Erst mehr als drei Monate später sollte er einen Grund erfahren. Inzwischen bot ihm die Bank einen immer höheren Betrag als Abfindung an, aber keinen Kündigungsgrund. Der kam am 18. Dezember per Post: Er habe eine Kollegin "massiv" und über einen langen Zeitraum "sexuell belästigt", nicht nur per Whatsapp, sondern auch direkt am Schalter, was Kollegen gesehen haben wollen - und Kunden hätten sehen können.

Unsere Zeitung sprach mit allen beteiligten Personen und hat wegen des heiklen Themas Stillschweigen zu Details zugesagt. Tatsächlich lassen sich die Vorwürfe gegen Joachim nicht im Geringsten halten. Für sexuelle Handlungen gab es weder Zeugen noch Aufnahmen der Kameras, die L. heimlich angebracht hatte. Die Frau hat inzwischen alle Vorwürfe widerrufen.

Trotz der angeblichen "Massivität" von Joachims Verhalten erstattete die Bank weder eine Anzeige noch sprach jemals ein Vorstand mit ihm. Stattdessen erhöhten sie immer wieder ihr Angebot an ihn. 14 000 Euro netto waren es schließlich im März dieses Jahres, die einem Mitarbeiter gezahlt wurden, der nicht mal
ein Jahr beschäftigt war. Inklusive der Feststellung, dass die Vorwürfe nicht weiter aufrechterhalten werden sollten.

Joachim hatte recht und hat Mut gezeigt - und sitzt dafür ohne Geld da und mit Schulden. Er muss seit mehr als einem Jahr ohne Einkommen leben. Den Gesamtschaden beziffert er auf "mehr als 30 000 Euro".

L. hat sich bei allen Mitarbeitern der Bank entschuldigt. Nur einen hat er vergessen: Stefan Joachim.

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Otto Lapp

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Veröffentlicht am:
20. 09. 2019
22:04 Uhr

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Otto Lapp

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20. 09. 2019
22:04 Uhr



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