Lade Login-Box.
Topthemen: Live-Ticker "Rock im Park"Mit Video: HöllentalbrückenSchlappentag

Länderspiegel

Psychologischer Krisendienst rund um die Uhr

Expertenteams sollen künftig in Oberfranken in emotionalen Notfällen schnell helfen. Profitieren können davon Betroffene sowie Polizei und Notärzte gleichermaßen.



Menschen, die sich in psychischen Notsituationen befinden, bekommen künftig Unterstützung von Krisenteams. Foto: A. Kaljikovic/stock.adobe.co
Menschen, die sich in psychischen Notsituationen befinden, bekommen künftig Unterstützung von Krisenteams. Foto: A. Kaljikovic/stock.adobe.co  

Bayreuth - Oberfranken erhält erstmals einen psychiatrischen Krisendienst. Nach Notrufen sollen ab kommendem Jahr rund um die Uhr Fachkräfte rasch vor Ort zum Einsatz kommen. Der Sozialausschuss des Bezirks beschloss am Mittwoch ein Konzept, das den Bezirk unterm Strich zwei Millionen Euro im Anfangsjahr kosten soll.

Ein ausrastender Ehemann, die Suizidandrohung eines Depressionskranken, eine Sucht, die außer Kontrolle gerät: Wenn von einer Person aufgrund einer psychischen Erkrankung Gefahr ausgeht, werden üblicherweise Polizei und Notarzt gerufen. Abführen in Handschellen durch Polizeibeamte vor den Augen der Nachbarn und Zwangseinweisung in die Psychiatrie sorgen oft für eine zusätzliche Traumatisierung Betroffener, sagt Robert Stiefler. Psychische Notfälle seien der dritthäufigste Grund für Notarzteinsätze. Stiefler ist Koordinator des Bezirks für die Einrichtung des psychiatrischen Krisendienstes in Oberfranken, der im kommenden Jahr anlaufen soll. So schreibt es das vom Landtag im vergangenen Jahr beschlossenen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz vor. Zuständig für die Einrichtung sind die Bezirke.

Psychiatrische Krisendienste gebe es schon länger in Ballungsräumen wie Nürnberg und München, die flächendeckende Einführung in einem Bundesland sei neu und einmalig in Deutschland, sagt Stiefler. Funktionieren soll der Dienst nach seinen Angaben so: Wer sich nach eigenem Empfinden in einer akuten psychiatrischen Krise befindet und unverzüglich Hilfe braucht, soll rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche eine bayernweit einmalige Notrufnummer wählen können. In der neuen Leitstelle, die in Bayreuth angesiedelt werden soll, entscheiden geschulte Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzte über das weitere Verfahren. Reichen schon das Gespräch am Telefon oder der Verweis an Fachpersonal am nächsten Tag als erste Hilfe? Oder braucht es den sofortigen Einsatz eines Krisenteams? "Nach den Erfahrungen aus München kann die Leitstelle in 80 Prozent helfen, ohne das Krisenteam einzusetzen", sagt Stiefler.

Wenn das zweiköpfige Krisenteam, bestehend aus extra geschulten Psychologen, Sozialpädagogen oder Psychiatriefachkräften, ausrückt, muss es laut Gesetz innerhalb einer Stunde Fahrzeit beim Anrufer sein, wo es über weitere Hilfsmaßnahmen entscheiden kann. Ziel des neuen Angebots sei, Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken möglichst zu vermeiden und gleichzeitig Polizei und Notärzte zu entlasten, sagte Stiefler - auch wenn dies sicher nicht in jedem Notfall möglich sein werde.

Den Aufbau des oberfränkischen Krisendienstes begleitet seit mehr als einem Jahr ein Gremium mit Vertretern aus Bezirk, Psychiatrischen Krankenhäusern, Wohlfahrtsverbänden, sozialpsychiatrischen Diensten, Polizei, Rettungsdiensten, Telefonseelsorge und Selbsthilfegruppen betroffener Angehöriger. Für die Trägerschaft der Bayreuther Leitstelle erhielt der Wernberger Sozialdienstleister Dr. Loew nach einem Interessensbekundungsverfahren den Zuschlag. Nach dem Votum des Sozialausschusses gegen die Stimme der AfD-Bezirksrätin Heike Kunzelmann, die Bedenken gegen die Beteiligung des privaten Trägers der Leitstelle anmeldete, werden die ambulanten Krisenteams im Tagdienst von 9 bis 17 Uhr bei den schon bestehenden Sozialpsychiatrischen Diensten (SPDI) in Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hof angesiedelt. Die Einsatzteams für die Abende, Wochenenden und Feiertage sollen unter dem Dach der Zentralen Dienste, der Holding der Diakonie Hochfranken, organisiert werden. Diese Nacht- und Wochenenddienste sollen den Plänen zufolge vor allem bereits angestellte Fachkräfte übernehmen, die auf 450-Euro-Basis stundenweise Zusatzdienste leisten wollen.

Den Schätzungen zufolge werden in ganz Oberfranken 120 bis 150 Fachkräfte allein dafür benötigt. Acht bis neun zusätzliche Planstellen werden für die Tagdienste bei den SPDI veranschlagt, 10,5 Planstellen für die Leitstelle. Allein die Personalkosten für die Leitstelle werden auf rund eine Million Euro geschätzt, die der Bezirk vorfinanziert und vom Freistaat erstattet bekommt. Eine weitere Million Euro werden den Schätzungen zufolge die ambulanten Krisenteams kosten, alles in allem muss der Bezirk anfangs mit zwei Millionen Euro Kosten rechnen. Ziel ist nach den Worten Stieflers, dass der Krisendienst für Oberfranken im Frühjahr 2020 startet.

Was der psychiatrische Krisendienst auf Dauer kostet und wie stark er beansprucht wird, ist laut Stiefler nicht absehbar. Die Entscheidung, die Krisenteams bei bereits bestehenden Institutionen anzusiedeln, begründete Bezirkstagspräsident Schramm: "Wir brauchen Strukturen, mit denen wir die Kosten im Griff behalten können, auch wenn die Zeiten schlechter werden."

Autor

Peter Rauscher
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 04. 2019
20:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ambulanz Bezirk Diakonie Hochfranken gGmbH Fachkräfte Hilfsmaßnahmen Notfallärzte Notrufe Oberfranken Polizei Psychiatrische Kliniken Psychologinnen und Psychologen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen
Bayreuth
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
... Medizinstudenten zum Nachdenken Stadt und Landkreis Hof

12.03.2019

Der Hausärzte-Mangel in Oberfranken verschärft sich

Im Regierungsbezirk könnten vom Fleck weg nahezu 30 praktische Ärzte die Arbeit aufnehmen. Besonders groß ist der Bedarf in Coburg, Wunsiedel und Lichtenfels. » mehr

Die Bezirksvorsitzende des Verbandes für Gartenbau und Landespflege Gudrun Brendel-Fischer (links) und Autorin Elfriede Schneider präsentieren das Magazin "Gartenland Oberfranken".	Foto: Stephan Herbert Fuchs

23.10.2018

Grüne Wohlfühlräume in Oberfranken

Die ehemalige Redakteurin unserer Zeitung, Elfriede Schneider, stellt ein Werk über einzigartige Gärten in Oberfranken vor. Etliche Grünanlagen im Bezirk hat sie dafür besichtigt. » mehr

Omnipräsent: Keine Seite des Buches kommt ohne Dr. Günther Denzler aus. Foto: Christopher Michael

29.01.2019

Von jeder Seite grüßt Günther Denzler

Der ehemalige Präsident des Bezirkstags wurde mit einem bunten Buch verabschiedet. Bezahlt hat das der Steuerzahler. » mehr

Spenderorgane sind in Oberfranken mittlerweile zur Seltenheit geworden. Nur wenige Menschen stimmen einer Organentnahme - wie auf dem Bild einer Nierenspende - zu. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa

21.01.2019

Organspender dringend gesucht

Nur acht Menschen haben 2018 in Oberfranken nach ihrem Tod Organe gespendet. Mediziner im Bezirk fordern daher mehr Aufklärung. » mehr

Der Kulmbacher Oberbürgermeister an seinem Bayreuther Arbeitsplatz. Seit 8. November ist Henry Schramm Bezirkstagspräsident. Foto: Markus Roider

28.12.2018

"Wie ein Vater mit dem zweiten Kind"

Er ist der erste Kulmbacher im Amt des Bezirkstagspräsidenten. Im Interview erklärt Henry Schramm, wieso er sich so über sein neues Amt freut und was er für die Zukunft plant. » mehr

Der Neubau des Bezirksklinikums Obermain in Kutzenberg soll nach den Plänen des Architekten aus drei sogenannten "Fingern" bestehen. Insgesamt soll der Neubau bis zu 143 Millionen Euro kosten. Illustration: Beeg Lemke Architekten

19.12.2018

Bezirk investiert 143 Millionen in Klinikum

Der Neubau der Einrichtung in Kutzenberg ist beschlossen. Nun liegt es an anderer Stelle, wann genau mit den Arbeiten begonnen werden kann. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

IMG_8722.jpg Hof

Umzug beim Schlappentag 2019 | 17.06.2019 Hof
» 302 Bilder ansehen

IndieMusik Festival 2019 Hof

In.Die.Musik-Festival | 15.06.2019 Hof
» 233 Bilder ansehen

14. Thonberglauf in Schauenstein

14. Thonberglauf in Schauenstein | 01.06.2019 Schauenstein
» 67 Bilder ansehen

Autor

Peter Rauscher

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 04. 2019
20:32 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".