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Länderspiegel

Rassismus, wo man hinsieht?

Susan Arndt, Professorin an der Uni Bayreuth, mahnt: Vorsicht, Rassismus! Darf man da heute guten Gewissens noch den "Robinson Crusoe" lesen?



Interview: mit Professorin Dr. Susan Arndt, Universität Bayreuth
Interview: mit Professorin Dr. Susan Arndt, Universität Bayreuth  

 "Ich kenne keinen schwarzen Mann und keine schwarze Frau, die nicht schon einmal rassistisch angegangen worden wären", berichtete unlängst Barbara Becker, Boris Beckers Ex-Frau und Tochter eines Afro-Amerikaners und einer Deutschen. In Mainz kritisiert die Amerikanistik-Professorin Mita Banjeree die zahlreichen Karl-May-Festspiele im Lande und deren "kolonialistische, wirklichkeitsferne" Inszenierung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Schwarzafrikanische Staaten fordern von der Bundesrepublik die Rückgabe von Kulturgütern, die ihnen während der - vor hundert Jahren endenden - Kolonialherrschaft geraubt wurden. Vom schwarzen südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu stammt das Diktum: "Als die Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Als wir gebetet hatten, hatten wir die Bibel und sie das Land." Seit zwanzig Jahren engagiert sich die Bayreuther Professorin Dr. Susan Arndt gegen Rassismus. Wir sprachen mit ihr über Aspekte des weltweiten Problems.

 

Vor 300 Jahren brachte Daniel Defoe seinen bis heute viel gelesenen "Robinson Crusoe" heraus. Der schiffbrüchige Held des Romans tauft auf seiner einsamen Insel einen "Wilden" auf den Namen Freitag und nimmt wie selbstverständlich dessen Unterwerfungsgesten entgegen. Müssen wir heute ein so zwiespältiges Menschenbild nicht ablehnen?

Allerdings. Defoes Roman lässt sich als Anleitung zur Kolonialisierung lesen: Die Insel wird als leerer Raum erfunden, der nur darauf wartet, ökonomisch gewinnbringend genutzt zu werden - was wiederum nur Weiße vermögen würden. Die dort bereits lebenden Menschen stellt Defoe als "Kannibalen" dar - in der kolonialen Rhetorik, dass sie gar keine richtigen Menschen seien. Alles wird aus der Perspektive Crusoes erzählt, und zwar mit der Botschaft: "Kolonialismus ist profitabel und Sklaverei ist und bleibt in Ordnung."

 

Aber Defoe folgte doch der herrschenden Meinung seiner Zeit: Sollen wir das einem Autor des Jahres 1719 heute vorwerfen?

Defoe unterstützte die Sklaverei radikal, weil sie für Englands Volkswirtschaft eminent wichtig war. Viele Landsleute und Zeitgenossen argumentierten so, aber keineswegs alle. Vor ihm hatte sich bereits Shakes-peare gegen Kolonialismus ausgesprochen und Rassismus kritisiert.

 

Dürfen wir denn dann ein Buch wie den "Robinson" heute noch guten Gewissens lesen oder unbeschwert Karl-May-Festspielen zusehen, wo Winnetou als "edler Wilder" durchs Bild reitet?

Natürlich sollten Bücher weder verbrannt noch verboten werden. Aber Verlage und Regisseure sollten in ihrer Arbeit spiegeln, dass wir heute anders, differenzierter, kritischer auf die Verhältnisse sehen müssen als die Autoren damals. Wer, um beim Beispiel zu bleiben, den "Robinson" neu auflegt, kann durch Vor- und Nachworte, durch eine abwägende Wortwahl in der Übersetzung, durch verständliche Anmerkungen das Romangeschehen angemessen einordnen.

 

Auf dem Theater gibt es allerdings keine erläuternden Anmerkungen zum Text.

Aber Programmhefte, in denen man das Bild geraderücken kann. Und vor allem lässt sich eine Geschichte wie die Winnetous auch anders als üblich erzählen: Er ist widerständig und kämpft für die Freiheit der first nations, die Genoziden durch koloniale Verdrängung ausgesetzt waren. Hier können wir einen Perspektivwechsel vollziehen und diesen Widerstandskampf neu inszenieren. Jedenfalls müssen wir aus dem zementierten Kultur-Natur-Gegensatz heraus, der auf der Logik aufbaut: Je mehr Kultur, desto überlegener, je mehr Natur, desto unterlegener. Dieses kolonialistische Narrativ verortet Kolonisierte jenseits aller Vernunft und Entwicklung - und eben dies ist ein Kernargument des Rassismus.

 

Hängen Rassismus und Kolonialismus immer zusammen?

Ich meine schon. Der europäische Kolonialismus begann mit der Eroberung der Amerikas nach 1492; und weil die nachfolgenden Genozide und kolonialen Freiheitsberaubungen nicht zum Credo von Humanismus und Aufklärung passen konnten, wurden Kolonialismus und Sklaverei als von Natur aus gerecht erzählt - und zwar, indem "Menschen-rassen" erfunden wurden. Was für Weiße (Männer) galt, war auf die "Anderen" nicht übertragbar.

 

Woher kommt überhaupt der Begriff "Rasse"?

Rassismus ist in der Hauptsache eine weiße Herrschaftsform, die auf der Behauptung aufbaut, Weiße seien allen "Anderen" überlegen. Das wuchs seit 1492 zu einem gesamteuropäischen Projekt heran. Hierzulande führte Immanuel Kant, wohlgemerkt der bedeutendste Philosoph der deutschen Aufklärung, das Wort "Rasse" in den 1770er-Jahren ein: Schwarze, behauptete er, besäßen keinerlei "rühmliche Eigenschaften" und brächten nie Bedeutendes hervor. Wir müssen den großen Denker darum nicht fallen lassen - sollten aber in Schul- und Lehrbüchern seine Janusköpfigkeit beim Namen nennen.

 

Siebzig Jahre nach dem Holocaust: Fürchten Sie ein neues  flächendeckendes Erstarken des Rassismus in Deutschland?

Zur Person

Professorin Dr. Susan Arndt kam 1967 in Magdeburg zur Welt. Nach dem Magisterabschluss in London und der Promotion 1997 an der Humboldt-Universität in Berlin war sie dort sowie in Oxford, Wien und Frankfurt/Main akademisch tätig. Seit 2010 lehrt sie englische und anglofone Literatur an der Bayreuther Universität. Zu ihren Spezialgebieten gehören die Rassismusforschung, Literaturen Afrikas sowie Genderstudien. In Gremien des Bundespräsidenten, von Stiftungen und Verlagen ist sie als Expertin tätig, für diverse Zeitschriften als Gutachterin von Aufsätzen über den Postkolonialismus und Geschlechterstudien. Neben fachwissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte sie den Band "Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen" (Verlag C. H. Beck, 3. Auflage, 160 Seiten, kartoniert, 10,95 Euro), der sich als facettenreiche Einführung ins Thema hervorragend eignet. Susan Arndt ist verheiratet und hat vier Kinder.

 

Ich erkenne immerhin, dass Rassismus seit dem 15. Jahrhundert europäisches Denken prägt und auch nach 1945 ungebrochen reichlich vorhanden war, wenn die DDR dies auch schlicht ableugnete und Westdeutschland es weitgehend verschwieg. Der Mantel des Schweigens öffnet sich: Vieles, was lange unsagbar schien, wird an öffentlichen Orten wieder laut. Nicht wenige schreiben ihren Frust über jedes alltägliche Ärgernis Geflüchteten und Menschen "of colour" zu. Skandalös ist auch, dass wir Deutschen uns für unsere mörderische Kolonialgeschichte bis heute nicht entschuldigt haben. Weißsein ist eine Währung, die Privilegien und Macht verleiht - und viele bestehen darauf, dass dies seine Richtigkeit hat

 

Handelt sich es dabei um eine anthropologische Konstante? Oder ist dagegen ein Kraut gewachsen?

Mir geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um ein Verhalten, das mit sprachlicher Genauigkeit beginnt. Mit Vorwürfen erreichen wir bei den Leuten nur Scham und Wut. Vielmehr müssen wir Rassismus aus unserem aktuellen Wissensstand heraus verstehen, kriminalisieren und verlernen - und dem allen eine offensive Demokratie und ein Ja zur transkulturellen Gesellschaft entgegensetzen.

 

Lachen Sie bitte nicht - aber wenn ich Franken kontra Sachsen erlebe, frage ich mich manchmal: Gibt es nicht auch einen innerdeutschen Rassismus?

Da würde ich eher von Ossi-Wessi-Denken sprechen. Aber klar: Die stark gegensätzlichen Erfahrungen seit der Revolution vor dreißig Jahren sind stark von kollektiven Erzählungen und Erfahrungen geprägt, in denen auch Diskriminierung eine Rolle spielt. Wie beim Rassismus geht es um die Fragen: Wer hat die Macht? Wer bekommt sie?

Das Gespräch führte Michael Thumser

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Redaktion
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Veröffentlicht am:
13. 07. 2019
00:00 Uhr

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