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Treffpunkt im Unendlichen

Kein Urlaub für die Ohren: Wenn Enoch zu Guttenberg dirigierte, machte er Ernst mit Erde und Himmel, auch wenn er an den kaum glauben konnte. Eine Würdigung.



Verdis "Messa da Requiem" hat Enoch zu Guttenberg 2010 zu Ehren von Papst Benedikt VI. im Vatikan dirigiert. Foto: Claudio Onorati/dpa
Verdis "Messa da Requiem" hat Enoch zu Guttenberg 2010 zu Ehren von Papst Benedikt VI. im Vatikan dirigiert. Foto: Claudio Onorati/dpa  

Kann das gutgehen? Juni 2007: Enoch zu Guttenberg reist mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern nach Hof, um zwei Werke aufzuführen, die beide von den letzten Dingen handeln und trotzdem unvereinbar scheinen - Gioacchino Rossinis "Stabat mater" mit seinen wie verliebt tönenden Belcanto-Partien und Gabriel Faurés intim andächtiges, samten-seidenweiches Requiem.

Kaum mag man's glauben: Die Kombination gelingt. Bei Rossinis Passionsmusik trotzt Guttenberg den Symphonikern reichlich "Todesschauer" und Endzeit-Energien ab: ein Jüngstes Gericht mit Feuer und Flammen. Hingegen zart, als demütige Meditation intoniert er die Totenmesse aus dem spätromantischen Frankreich und füllt die Sankt-Michaelis-Kirche schier unauslöschlich mit der "Lux perpetua", dem ewigen Licht himmlischen Trostes. Aber der Friede, den Guttenberg beschwört, ist nicht Lüge noch Lächerlichkeit im Angesicht der kriegsversehrten Welt - sondern Gegenentwurf. Die beiden Werke treffen sich, wo sich für den Gläubigen Erde und Himmel berühren, in jenseitiger Unendlichkeit.

Jetzt, im Tod und seit Samstag im Grab, jetzt trifft Guttenberg vielleicht im Unendlichen die Heiligen seiner Kunst: Bach, Beethoven, Bruckner, Mahler ... Bei seinen Konzerten in der hochfränkischen Heimat lag dem großen Musiker, der den Symphonikern seit 2003 als Ehrendirigent vorstand, vor allem sakrale Musik am Herzen. Dabei gab er zu, an Gott nicht recht glauben zu können.

Und doch rang er um ihn und mit ihm. Wenn er, wie auch in Hof, Giuseppe Verdis "Missa da Requiem" dirigierte, zeichnete sich in seinen rot glühenden Zügen, in den geweiteten Augen, den niedermähenden Gebärden der Arme die Gewalt des Weltuntergangs ab. Pauken- und Trommelschläge wie Kanonendonner: Das Letzte Gericht kann auch ein letzter Krieg sein. "Ich mag", sagte er zum Schreiber dieser Zeilen, "nur Musik dirigieren, die mir und den Menschen eine Botschaft offenbart."

Für die bat er sich Sammlung aus. Unvergessen, wie Guttenberg, den schon gehobenen Taktstock wieder senkend, giftend konzentrierte Ruhe forderte, weil kurz vor den ersten Tönen des verdischen Requiems doch noch einmal eine Holzbank oder Emporen-Bohle unvermeidlich knarzte. In München, erzählte er, habe er eine Aufführung der "Matthäus-Passion" vollends abgebrochen, weil er in seinem Rücken Störungen wahrnahm.

Johann Sebastian Bachs größte Passion zählt unter seinen CD-Einspielungen zu den bedeutendsten. Auch in Hof, mit den Symphonikern, interpretierte er seine rigorose Interpretation dieses Folterberichts, mit einer erkenntniserweiternden Tiefensicht, kraft derer er sowohl die Klang-Theologie des Tonsetzers als auch den lutherschen Urtext aufschloss, sing- und spielbar machte. Für die Aufnahme von Anton Bruckners Vierter erhielten er und das Münchner Orchester "Klang-Verwaltung" den Echo-Preis - den er im April nach der Ehrung der antisemitischen Rapper Kollegah und Farid Bang angewidert zurückgab -; "die Romantische" heißt die Symphonie, aber ohne gefällige Glätte, so energisch wie elegisch deutete Guttenberg sie aus, bisweilen schreckensvoll, nicht um jeden Preis "schön": Kein Urlaub für die Ohren. Schon gar nicht taugte Dmitri Schostakowitschs 13. Symphonie dazu, "Babi Yar" benannt, nach der Schlucht in der Ukraine, in der die deutsche SS 1941 zigtausend Juden massakrierte. Ein tönendes Mahnmal: Dem Publikum in Hof mutete er es 2008 zu und bekräftigte eingangs: "Kein Werk zeigt unsere Abgründe deutlicher." Das machte er hörbar.

In aller Welt war der Dirigent, einer der nachdenklichsten im Lande, musizierend zu Gast; aber ebenso in Waldsassen oder in Kupferberg im Kulmbacher Land oder auf der Plassenburg. Dort - wie später in Hof - warnte er davor, die "Jahreszeiten" Joseph Haydns unterschätzend für naiv zu halten. Guttenberg beschrieb darin eine Natur und Natürlichkeit, "wie es sie heute nicht mehr gibt", die Idealvorstellung einer Epoche, da Mensch und Natur auf Erden "in gottgewollter Symbiose" miteinander hausen.

Darauf zu hoffen: Hilft da nur der Schöpferglaube eines Kindes? Guttenberg, der agnostische Klang- und Öko-Aktivist, bedauerte, dass er ihn "leider" nicht besaß. Er könne, bekannte er dem Schreiber dieser Zeilen, in der Welt Gott nicht erkennen. Gleichwohl hat er ihn in der Schöpfung und den Schöpfungen der Kunst geliebt, geehrt, verteidigt.

Autor
Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
01. 07. 2018
19:24 Uhr

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Michael Thumser

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01. 07. 2018
19:24 Uhr



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