Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom Wochenende30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Länderspiegel

Verfassungsschutz beobachtet Gasthof Fels

Seit einem Jahr wohnt Jens Hessler in dem Anwesen im Frankenwald. Er selbst sieht sich als Aussteiger aus der rechten Szene. Dabei ist er hochgradig aktiv.



Herbststimmung am Gasthof Fels an der B 173. Am Freitag regnete es im Frankenwald. Jens Hessler war zu Hause, wollte aber nicht sprechen.	Foto: Göpel
Herbststimmung am Gasthof Fels an der B 173. Am Freitag regnete es im Frankenwald. Jens Hessler war zu Hause, wollte aber nicht sprechen. Foto: Göpel  

Schwarzenbach am Wald/Presseck - Ein Schupfen voller Pakete. Die Postfrau räumt noch mehr hinein. Als sie fertig ist, sperrt sie das Schloss wieder zu. Wie viele Sendungen sie hier pro Woche einsortiert, wisse sie nicht genau. Den Inhalt kenne sie nicht. Sie verabschiedet sich freundlich, aber bestimmt. Das Thema ist ihr spürbar unangenehm. Sie weiß, wen sie hier beliefert.

Seit mehr als einem Jahr nutzt Jens Hessler den Ablege-Service auf seinem Anwesen, dem Gasthof Fels an der B 173 zwischen den Landkreisen Hof, Kulmbach und Kronach. Nach Bekanntwerden des Eigentümerwechsels im Herbst 2018 ist die Aufregung bei den Behörden groß gewesen. An ihnen war der Verkauf des 250 Quadratmeter großen Hauses und des fast ein Hektar großen Lands vorbeigegangen. Die Vorbesitzer wussten nicht, dass sie an einen Neonazi verkaufen. Einen, der einst den mächtigen Nibelungenversand des mittlerweile verbotenen rechten Netzwerks Blood and Honour (Blut und Ehre) betrieb und dafür 1999 eine Bewährungsstrafe erhielt.

Jens Hessler, der gebürtige Berliner, zuletzt wohnhaft in Lingen im Emsland, gilt als Größe in der rechten Szene. Das Landesamt für Verfassungsschutz bezeichnet ihn als "Betreiber des rechtsextremistischen Versandhandels Das Zeughaus in Presseck." Im bayerischen Verfassungsschutzbericht ist Hessler in der Rubrik "Vertriebe und Versandhandel" als eine von neun Personen erwähnt. Aus Oberfranken taucht nur noch Ulrich Großmann aus Ebersdorf bei Coburg mit seinem Versandhandel DIM Records auf.

Die Landkreise Hof und Kulmbach wollten in Fels zügig ihr Vorkaufsrecht geltend machen. Sie bezogen sich auf das bayerische Naturschutzgesetz. Der Kauf des Hauses solle dem Naturpark Frankenwald dienen, der ein neues touristisches Zentrum bekommen soll, in dem es um Erholung und Naturgenuss gehe. Auch ein Förderprogramm gebe es dafür, "Naturoffensive Bayern" heißt es.

Hessler wehrte sich gegen die drohende Verdrängung. Er reichte Klage ein. Seitdem liegt der Fall beim Verwaltungsgericht Bayreuth.

Der Hofer Landrat Dr. Oliver Bär will sich nicht äußern, er akzeptiere die Hoheit des Gerichtes. Das hatte im vergangenen Jahr noch angedeutet, zügig entscheiden zu wollen. Eine Anfrage unserer Zeitung hat aber ergeben, dass eine schnelle Lösung in dem Fall wohl nicht abzusehen ist. Ein Sprecher der Justiz verweist auf viele andere zu bearbeitende Verfahren. Schmecken dürfte Bär und seinem Kulmbacher Amtskollegen Klaus Peter Söllner der Stillstand in dem Fall nicht. Denn es gebe "keine Hinweise darauf, die für einen Rückzug von Hessler aus der rechtsextremistischen Szene sprechen", schreibt der Verfassungsschutz.

Der Vater von vier Kindern hatte sich kurz nach seiner Umsiedlung bei einem spontanen Besuch der Presse geläutert gezeigt. Er sei Aussteiger, habe das Emsland verlassen, weil er dort "verbrannt" sei. "Ich will hier einfach in Ruhe leben", behauptete er. Einen Nazitreff sollte es nicht geben. Wohl aber einen Handel, der die rechte Szene mit Textilien, Bild- und Tonträgern und Konzertkarten versorgt und nicht wenig Geld umsetzt. Die Ermittlungsbehörden rechnen Hessler nach wie vor den Versandhandel "das-Zeughaus.com" zu, der in Santa Ponca, Mallorca, registriert ist, dem früheren Wohnort Hesslers. Dorthin war dieser gezogen, nachdem ihn das Gericht in Lingen verurteilt hatte.

Karten für drei geplante Rechtsrockonzerte in Thüringen im August und Oktober vergangenen Jahres hat Hessler nachweislich auf der rechtsextremen Seite Zeughaus angeboten, wie der Verfassungsschutz bestätigt. Zu der Zeit war er bereits ein Neu-Bayer. Die Kartenbestellung läuft damals über eine schlichte E-Mail, wie ein Testkauf der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zeigt. Hessler bittet um Überweisung auf sein Konto, pro Karte verlangt er 35 Euro zuzüglich Versandgebühr. Der vierfache Familienvater schließt "mit kameradschaftlichem Gruss". Gruß mit ss. Die E-Mail liegt unserer Zeitung vor.

Seine neue Homepage für den Vertrieb von Wikingerkleidung dient Hessler offensichtlich nur als Fassade. Wer bei "daszeughaus.net" bestellen will, findet nur rund ein Dutzend Produkte vor, darunter zwei Trinkhörner. Kaum zu glauben, dass damit jemand eine Großfamilie ernähren und ein 8000 Quadratmeter großes Grundstück samt riesigem Haus unterhalten kann - die 25 Katzen noch nicht eingerechnet, die seine Frau nach Hesslers Auskunft im Jahr 2018 mit nach Bayern gebracht hat. Sie züchte erfolgreich Main Coons, amerikanische Waldkatzen, und sei schon mehrfach prämiert worden.

Wo Jens Hessler in der rechten Musikszene steht, zeigt ein Rechtsstreit aus dem Jahr 2013 zwischen der Band Freiwild aus Südtirol und Stahlgewitter. Den deutschsprachigen Italienern wurde damals vorgeworfen, Inhalte ihres 2010 erschienenen Song "Schenkt uns Dummheit, kein Niveau" bei Stahlgewitter abgekupfert zu haben. Konkret ging es um ein Gitarren-Riff, das 2006 im Stahlgewitter-Lied "Auftrag Deutsches Reich" auftauchte. Hessler, so berichteten mehrere Medien übereinstimmend, sagt damals vor dem Landgericht Hamburg, er habe den Song geschrieben und wolle wegen der Urheberrechtsverletzung nun Geld sehen. Ein vom Gericht bestellter Gutachter kam zu dem Schluss, dass das Riff von Stahlgewitter im Original nicht den Wesenskern der Stelle ausmache. Damit hätte Freiwild keine Urheberrechtsverletzung begangen. Selbst dann nicht, wenn die Band das Riff übernommen hätte.

Der Verfassungsschutz bezeichnet den Musik-Verkauf als einen Eckpfeiler der Szene, um Kontakte zu knüpfen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Die Konzerte der Bands seien wichtige Sammelpunkte. "Dabei darf nicht vergessen werden, dass die rechtsextremistische Musik ein wichtiges Eintrittstor für (unpolitische) Jugendliche in die Szene ist." Einschlägige Vertriebe und Versandhandel zielten darauf ab, mit immer neuen Produkten die Bedürfnisse von Szene-Anhängern anzusprechen. Die seien "Verfassungsfeinde". Ihr Ziel sei es, "die Fundamente unsere Gesellschaft und unserer Demokratie zu untergraben".

Auf die Frage, warum die Behörden Hesslers neues Heim nicht durchsuchen und den Handel unterbinden, verweist der Verfassungsschutz an die Polizeidirektion Oberfranken in Bayreuth. Die sieht keine "besonderen Vorkommnisse am Anwesen Fels", schreibt Sprecherin Anne Höfer. "Zu polizei- oder ermittlungstaktischem Vorgehen können keine Auskünfte erteilt werden."

Jens Hessler will sich aktuell nicht äußern. Am Freitag öffnet er die Tür, sieht den Reporter, stöhnt, und schließt die Tür wieder.

Autor
Sören Göpel

Sören Göpel

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 09. 2019
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Gasthof Fels Konzertkarten Landesämter Landesämter für Verfassungsschutz Landgericht Hamburg Naturparks Rechte Szene Rechtsradikalismus Testkäufe Verfassungsschutz Versandhandel Verwaltungsgericht Bayreuth Vorkaufsrecht Zeitungen
Schwarzenbach am Wald Presseck
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Der Gasthof Fels ist seit vielen Jahren geschlossen. Seit September gehört das Anwesen Jens Hessler. Foto: SöGö

26.02.2019

Gasthof Fels: Rechtsrocker reicht Klage-Begründung ein

Im Streit um den Gasthof Fels hat der neue Besitzer des Anwesens, Jens Hessler, seine Klagebegründung beim Verwaltungsgericht Bayreuth eingereicht. » mehr

Der Gasthof Fels ist seit vielen Jahren geschlossen. Seit September gehört das Anwesen Jens Hessler. Foto: SöGö

16.11.2018

Der unbeliebte Neubürger von Fels

Jens Hessler zieht mit seiner Familie und 25 Katzen in den Gasthof Fels ein. Die Behörden haben nun Vorkaufsrecht geltend gemacht. Ein Besuch im Tal der Wilden Rodach. » mehr

Der Gasthof Fels ist seit vielen Jahren geschlossen. Seit September gehört das Anwesen Jens Hessler. Foto: SöGö

18.12.2018

Eigentümer des Gasthofs Fels klagt gegen Vorkaufsrecht

Die Eigentumsverhältnisse um den Gasthof Fels landen vor Gericht: Der neue Besitzer Jens Hessler klagt nun doch gegen das Vorkaufsrecht, das die Landratsämter Hof und Kulmbach für den Naturpark Frankenwald geltend gemach... » mehr

Braun statt Schwarz: Ein Kaminkehrer-Lehrer aus dem Landkreis Hof hat gemeinsam mit seinen Schülern Nazi-Parolen gegrölt. Foto: David Ebener/dpa

04.11.2019

Kaminkehrer ist seinen Bezirk los

Ein 50-jähriger Meister hat vor Lehrlingen Nazi-Parolen gerufen. Die Regierung entzog ihm daraufhin die Bestellung. Eine Klage bleibt erfolglos. » mehr

Kann ein Handyprogramm 500 000 Euro wert sein? Diesen Betrag investiert der Bezirk in eine "Oberfranken-App".	Foto: Montage, bongkarn/Adobe Stock

26.07.2019

Auftrag außer Konkurrenz

Der Bezirk beauftragt TVO damit, eine "Oberfranken-App" zu erstellen. Kostenpunkt: 500 000 Euro. Einzig eine Ausschreibung gab es nicht. Das wirft viele Fragen auf. » mehr

Stehen mit ihren Fackeln im Abseits: Die Teilnehmer des rechten "Heldengedenkens" marschieren durch ein Wohngebiet.

17.11.2019

Der braune Spuk im Nirgendwo

Die Straßen sind menschenleer, die Rollläden dicht: Die Neonazis marschieren in Wunsiedel im völligen Abseits. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lehrermedientag 2019 Hof

Lehrermedientag 2019 | 20.11.2019 Hof
» 58 Bilder ansehen

Susis Blaulichtparty Weißenstadt

Susis Blaulichtparty | 16.11.2019 Weißenstadt
» 47 Bilder ansehen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 Garmisch-Partenkirchen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 | 17.11.2019 Garmisch-Partenkirchen
» 29 Bilder ansehen

Autor
Sören Göpel

Sören Göpel

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 09. 2019
00:00 Uhr



^