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Länderspiegel

Vom Volo zum Dino

Was Frankenpost -Redakteurin Peggy Biczysko in fast 40 Jahren erlebt hat. Von der Schreibmaschine zum Computer - die Arbeit hat sich gravierend geändert. Recherche geht heute auch ganz anders.



Mit kräftigen Schlägen musste Frankenpost -Redakteurin Peggy Biczysko in den 80er-Jahren auf die manuelle Schreibmaschine eintrommeln, damit die Buchstaben auf dem Manuskript sichtbar wurden. Fotos: pr.
Mit kräftigen Schlägen musste Frankenpost -Redakteurin Peggy Biczysko in den 80er-Jahren auf die manuelle Schreibmaschine eintrommeln, damit die Buchstaben auf dem Manuskript sichtbar wurden. Fotos: pr.   » zu den Bildern

Zehn Finger hämmern auf die alte Erika ein. Die metallenen Buchstaben am Ende des Hebels schlagen sich ins Papier. Das A und das O hinterlassen Löcher im Manuskript. Erika, so heißt die Schreibmaschine, auf der ich den ersten Bericht für die Frankenpost verfasse. Das liegt fast 40 Jahre zurück. Seither habe ich Abertausende von Artikeln geschrieben, und zwar auf allen möglichen Tastaturen. Zwischen Erika und der Gegenwart, da liegen Welten. Auch die Möglichkeiten der Recherche haben sich gravierend gewandelt, ebenso wie die Arbeitswelt in der Redaktion. Und ich habe mich in den vier Jahrzehnten vom jungen Volo zum Dinosaurier der Frankenpost entwickelt.

 

Eine richtige Ausbildung für Volontäre gab es 1981 noch nicht. Da wurden junge Menschen wie ich ins kalte Wasser geworfen und mussten schwimmen. "Peggy, du gehst jetzt mal zum Oberbürgermeister und machst ein Interview mit ihm." Gar ehrfürchtig waren die ersten Schritte ins Rathaus, die doch schnell zur Routine wurden. Nun ja, bei mancher Begegnung war ich anfangs noch ein wenig unbedarft. Gleich im ersten Jahr besuchte der wohl berühmteste Ministerpräsident Bayerns, Franz-Josef Strauß, die Stadt Marktredwitz. Neugierig begleitete ich den Redakteur zum Rathaus, wo Menschenmassen auf den Politiker warteten. Ich schlängelte mich geschickt durch die Menge. Und stand plötzlich vor Strauß. Als ich ihm die Hand schüttelte, musterte er mich und grinste. Oberbürgermeister Hans-Achaz von Lindenfels hingegen war nicht zum Grinsen zumute. Bei hochsommerlichen Temperaturen trug ich ein langes, allerdings durchsichtiges weißes Kleid. Erzürnt verwies mich der Oberbürgermeister des Rathauses.

 

Gerade einmal drei Wochen Fortbildung an der deutschen Journalistenschule in München waren Bestandteil der Ausbildung. Dass Volontäre - wie heute - alle Abteilungen durchlaufen und einige Monate an der Akademie ausgebildet werden, das lag noch in weiter Ferne. Wir gingen viele Male mit Demonstrations-Schildern auf die Straße, ehe es eine verbriefte Ausbildung für Volontäre gab.

 

Das Fotografieren, das wir uns selbst aneignen mussten, war zuweilen eine Zitterpartie. Ist das Foto was geworden? Da konnte man nicht zehnmal auf den Auslöser drücken, um das Optimum herauszuholen, wie das heute bei digitaler Fotografie Usus ist. Es gab die Zwölfer-, 24er- und 36er-Filme. Natürlich schwarz-weiß. Was rauskam, erfuhr ich erst am Nachmittag, wenn der Film im Labor der Frankenpost-Zentrale in Hof entwickelt war. "Peggy, das Foto ist leider unscharf!" Verdammt! Oder beim Zurückspulen der Filmrolle geriet Licht in die Kamera, weil ich das Gehäuse zu früh geöffnet hatte. Dann war schon mal gar nichts auf dem Negativstreifen zu sehen.

 

Bis die Manuskripte und Negative in der Zentrale landeten, wo sie weiterbearbeitet wurden, war es auch recht umständlich. Faxgeräte - mittlerweile fast schon hinterwäldlerisch - gab es damals noch nicht. Mit Büroklammern zusammengeheftet, packten wir die Papiere fein säuberlich in Tüten, um diese dann mit all dem Material in einen großen Metallkoffer zu geben. Mit dem ging es zum Bahnhof in Marktredwitz. Damals gab es noch mehr Redaktionen im Fichtelgebirge. Und so musste einer von uns oft am Bahnsteig auf die Kollegen aus Wunsiedel und Arzberg warten, die ihre Manuskripte und Filme ebenfalls bis um 12 Uhr abzugeben hatten. Dem Schaffner wurde der Koffer in die Hand gedrückt, dann ging die Fuhre pünktlich - damals klappte es etwas besser mit der Bahn - gen Hof. Dort wartete ein Bote der Frankenpost, um besagten Koffer in Empfang zu nehmen und die Post in der Zentrale zu verteilen.

 

Auch das war umständlich. Vor sämtlichen Büros und dem Fotolabor standen Kästen, in denen stapelweise Manuskripte oder Fotos und Negative aufs Verteilen warteten. Zwei Boten rannten den ganzen Tag treppauf, treppab und zudem den weiten Weg über den Hof bis in die Technik, um alles zu verteilen. Ein Übriges gelangte durch die Rohrpost im Hause.

 

Wenn einmal etwas ganz aktuell am nächsten Tag erscheinen sollte, war das problematisch, zumal nachmittags kein Zug mehr nach Hof fuhr, um unseren Express mitzunehmen. Entweder musste sich ein Redakteur dann selbst ins Auto setzen, um den Bericht nach Hof - mal eben 50 Kilometer einfach - zu fahren. Oder es gab noch eine telefonische Aufnahme - dann ohne Foto. Das hieß, dass am anderen Ende der Leitung eine Dame saß, die den Text erfasste, den man am Telefon diktierte. Manchmal geschah dies von unterwegs am öffentlichen Münztelefon - Handys gab es längst noch nicht -, was sich zuweilen schwierig gestaltete, wenn das Kleingeld plötzlich versickerte, die Story aber noch nicht zu Ende diktiert war.

Da fällt mir die Geschichte mit La Mure ein, der französischen Partnerstadt von Marktredwitz. Unser damaliger Chefredakteur Heinrich Giegold beauftragte mich, eine Radsportgruppe nach Frankreich zu begleiten. Nicht nur als Redakteurin, sondern auch als Fahrerin des Begleit-Busses. Und täglich sollten die Leser daheim erfahren, wo wir gerade sind. Ich musste also täglich eine Telefonzelle auftreiben nebst landestypischer Währung. Der Euro lag noch in ferner Zukunft. Manchmal brauchte ich eine halbe Stunde, um nach Hof durchzudringen. Aber irgendwie klappte es - auch mit Wählscheibe.

 

Apropos Wählscheibe. Eine Recherche heutzutage bedeutet einen Knopfdruck: Google. Allein um die Bedeutung eines Wortes ausfindig zu machen, brauchte es anno dazumal seine Zeit. Da hieß es Duden und Lexika wälzen. Einen Ansprechpartner aufzuspüren, war oft stundenlange, mühevolle Arbeit. Und wenn der Gesuchte Meier, Müller oder Schmidt hieß und mit Vornamen Peter, Klaus oder Hans, so landete man via Telefonauskunft zuweilen bei etlichen falschen Leuten, die einem das mal nett, mal mürrisch mitteilten. Kurzum: Eine Recherche war mühselig und langwierig.

 

Irgendwann kam jemand in der Redaktionsleitung auf die Idee, dass wir unsere Filme selbst entwickeln sollten. Bei gefühlt jedem zweiten Film gab es eine Katastrophe, als wir Redakteure in dunklen Kunststoffbeuteln, mit Schere und Kamera bewaffnet, die Filme aus dem Fotoapparat bugsieren mussten. Schnittwunden waren da das wenigste. Die Hälfte der Fotos ging dabei flöten. Als die digitalen Kameras Einzug hielten, war auch das Fotolabor nur mehr Geschichte.

 

Dann kamen die ersten Computer. Völliges Neuland mit riesigen Monitoren, die immer wieder abstürzten. Nun ja, da gibt es doch noch so einige Parallelen zu heute. Schulungen und nebenbei Zeitung machen. Das sollte sich in den Folgejahren mehrmals wiederholen. Denn immer wurde etwas Neues und Besseres auf den Markt gebracht. Disketten hießen anfangs die Wunderdinger, auf denen unsere Texte landeten. Die mussten dann nach Hof gefahren oder mit dem Zug geschickt werden. Aber zumindest musste niemand mehr unsere fertigen Texte in der Zentrale abtippen.

 

In der Technik wurden die einzelnen Artikel seinerzeit belichtet und über rotierende Klebe-Rollen gezogen und dann auf gläserne Tafeln, auf denen die Seiten hingen, gepinnt. Wenn die Metteure, die dafür zuständig waren, zu viel Text hatten, bekamen Nachtredakteure die Kopien vorgelegt, um Artikel sinnvoll zu kürzen, um sie passend zu machen. Ich habe eineinhalb Jahre lang im Nachtdienst gearbeitet. Dabei saß einem stets die Zeit im Nacken. Denn jede Ausgabe hatte ihren pünktlichen Andruck. Wenn es etwas zu aktualisieren gab, musste man schon auf die Tube drücken.

 

Es gab aber auch sehr viele schöne Aufgaben in den fast vier Jahrzehnten meines Redakteurs-Lebens. Seit mehr als 25 Jahren besuche ich jedes Jahr im Februar die Ambiente, die größte Konsumgütermesse der Welt, in der unter anderem die Porzelliner aus Oberfranken und der Oberpfalz präsentieren, was es Neues in Sachen "Weißes Gold" auf dem Markt gibt. Dabei kam ich in den Genuss, den "Koch des Jahrhunderts", Eckart Witzigmann, gleich dreimal in seinem Palazzo nebst vielen Künstlern zu erleben. Ich traf Sarah Ferguson, die Herzogin von York, ihren Ex-Mann Prinz Andrew - der besuchte Ende der 90er-Jahre Coburg -, Paloma Picasso (im "Jägerstüberl" auf der Luisenburg in Wunsiedel), Michael Schanze, Chris Roberts, Roland Kaiser, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Joachim Gauck - damals noch nicht Bundespräsident -, Philipp Rosenthal, Mode-Macherin Donatella Versace mit Model Nadja Auermann und viele andere Promis mehr.

 

Bei beruflichen Reisen durfte ich einen Blick über den Tellerrand werfen. So begleitete ich in den 80er-Jahren die Tapisserie-Künstlerin Ursula Benker-Schirmer aus Marktredwitz, als sie ihren berühmten Gobelin der Kathedrale von Chichester in England vermachte. Ich war bei der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde zwischen Marktredwitz und La Mure in Frankreich dabei, in der österreichischen Partnerstadt Vils ebenso wie in Castelfranco Emilia, der italienischen Partnerstadt. Kreuzfahrten führten mich beruflich zu den Kanalinseln und nach Bulgarien. Für mich als Globetrotter eine willkommene Abwechslung zum manchmal routinierten Redaktionsalltag.

 

Da wären wir dann wieder beim Computer, der eines Tages die alte Erika abgelöst hatte: Es kam der Tag, an dem auch die Mettage Geschichte war. Plötzlich waren wir Redakteure zusätzlich Metteure ohne Kleber, quasi zuständig für das Seitenlayout. Nicht mehr nur Schreiben, Recherchieren und Redigieren gehörten zu unseren Aufgaben, wir waren auf einmal Allrounder. Schulungen, Block-Umbruch, sieben Zeitungsspalten verjüngten sich auf sechs, wieder Schulungen, wieder ein neues Redaktions-System. Unsere Aufgaben wuchsen in rekordverdächtigem Tempo.

 

Dann kam der Wechsel zur nächsten Revolution: Fax war gestern, wenngleich wir es heute noch häufig einsetzen. Die E-Mails hielten Einzug. Bei einer mit mehr als zehn Leuten bestückten Redaktion, in der allesamt Zugriff auf die Postfächer haben, war dies anfangs solch ein Schlamassel, dass etliche Mails im Orkus verschwanden. Wer einmal reingelesen und nicht wieder auf ungelesen gedrückt hatte, riskierte den Verlust. Denn täglich trudeln in unserer Fichtelgebirgs-Redaktion in Marktredwitz, in der ich arbeite, Hunderte von Nachrichten, Mitteilungen, Artikeln und Fotos ein. Wir mussten also lernen, sehr diszipliniert mit der empfindlichen Ware Mail umzugehen. Und heute stehen wir vor dem nächsten Umbruch, den nächsten Schulungen. In Kürze arbeiten wir mit einem neuen Redaktionssystem.

 

In einer Redaktion zu arbeiten, bedeutet eben lebenslanges Lernen. Denn auch die Themen, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen, sind immer wieder eine neue Materie, in die es sich hineinzubeißen gilt. Deshalb ist mein Job jeden Tag aufs Neue spannend und unvorhersehbar. Langeweile kommt da nie auf.

 

Ein privates Highlight gab es auch in meinen Jahren bei der Frankenpost: Ich lernte im Unternehmen meine große Liebe - Harald Jäckel - kennen. Gemeinsam hatten wir volontiert und 2000 zusammengefunden. Vor sechseinhalb Jahren ist er an Krebs gestorben. Ein Schmerz, der noch tief sitzt. Aber ohne die Frankenpost hätte ich diese große Liebe nie erleben dürfen.

Autor
Peggy Biczysko

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16. 10. 2020
00:00 Uhr

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Peggy Biczysko

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16. 10. 2020
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