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Länderspiegel

Zwei Früchtchen auf dem "Kriegspfad"

Zwei sechs und vier Jahre alte Brüder hinterlassen in Ziegelhütten eine Spur der Verwüstung. Die Kinder richten Schaden von 15.000 Euro an. Die Polizei zählt sieben Straftaten.



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Schöpfen war angesagt, nachdem die beiden Buben bei ihrem zerstörerischen Streifzug in Ziegelhütten den Keller eines Hauses unter Wasser gesetzt hatten. Symbolbild: Bern Thissen   Foto: Bernd Thissen

Kulmbach - Sie haben es in die deutschlandweiten Schlagzeilen geschafft. Gleich mehrere nationale Fernsehteams sind auf dem Weg nach Kulmbach und wollen ergründen, was es mit den beiden Jungs auf sich hat, die am Montagnachmittag in Ziegelhütten eine regelrechte Spur der Verwüstung hinter sich gelassen haben. Alexander Horn von der Kulmbacher Polizeiinspektion hat die Straftaten gezählt, die die zwei Brüder in kürzester Zeit begangen haben. Sieben verschiedene Taten wurden registriert. Noch ist nicht klar, ob das schon alles war. Brandstiftung und Diebstahl stehen auf der Liste, Sachbeschädigungen an diversen Fahrzeugen und Gebäuden. Sogar eine Umweltstraftat ist nun Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Strafe droht den Tätern aber nicht. Die Brüder, die in Kulmbach nun schon unter dem Spitznamen "Früchtchen" geführt werden, sind gerade vier und sechs Jahre alt. Sie hatten nicht zum ersten Mal mit der Polizei zu tun. "Die Kinder haben nicht zum ersten Mal etwas angestellt. Sie sind uns schon öfter aufgefallen. Aber diesmal waren die Folgen schlimmer", erklärt Alexander Horn.

Eltern haften nicht immer für ihre Kinder

Das Schild "Eltern haften für ihre Kinder" hat wohl jeder schon einmal gesehen. Doch so einfach wie diese Botschaft scheint, ist der Sachverhalt nicht. Bis zum Vollendung ihres siebten Lebensjahres sind Kinder selbst überhaupt nicht "deliktsfähig" und können daher nicht in Haftung genommen werden. Wer nun meint, dass stattdessen die Eltern in der Pflicht sind, kann sich schwer täuschen. Auf die Eltern kann man im Fall eines Schadens nämlich nur zurückgreifen, wenn diese ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Dabei wird jeder Einzelfall beleuchtet werden müssen. Aber es gibt einschlägige Urteile. Die besagen, dass Kinder zwischen vier und sechs Jahren nicht mehr ständig beaufsichtigt werden müssen. Es reicht, alle 15 bis 30 Minuten einen "Kontrollblick" auf den Nachwuchs zu werfen. Die Anforderungen an eine Aufsichtspflicht steigen, wenn das Kind schon Schäden verursacht oder sogar schon eine Straftat begangen hat. Auch auf eine Haftpflichtversicherung kann man nicht immer bauen. Hat beispielsweise ein nicht deliktsfähiges Kind ein Auto zerkratzt und die Eltern haben ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, kann unter Umständen auch der Versicherer abwinken. Der Geschädigte bleibt dann auf seinem Schaden sitzen, wenn die Eltern nicht aus "Friedensgründen" in die eigene Tasche greifen.

 

Montagnachmittag in Ziegelhütten. Das Brüderpaar, nicht einmal vollständig bekleidet, büxt seiner 28-jährigen Mutter aus, während die sich um ihr Neugeborenes kümmert. "Bei ihrem anschließenden Ausflug durch den Stadtteil Ziegelhütten blieb es dann nicht nur bei Kinderstreichen", sollte später der Polizeibericht zusammenfassen, was geschieht, nachdem die beiden Kinder ihrer "Abenteuerlust" freien Lauf ließen. Erstes Ziel ist ein Carport in der ziegelhüttener Straße. Dort finden die Kinder einen Gasbrenner, mit dem der Hausbesitzer Unkraut bekämpft. Sie finden auch brennbare Flüssigkeiten, die sie auf dem Boden verschütten. Dann legen sie Feuer. Offenbar wird es den Kindern doch zu "heiß", als sie die Flammen sehen. Sie wollen löschen, öffnen die Kellertür in einem Nachbarhaus. Dort finden sie zwar einen Gartenschlauch. Der ist aber nicht lang genug. Das macht die beiden Buben ärgerlich. Sie entfernen den Schlauch vom Wasserhahn und drehen ihn auf. Sie setzen damit den Keller unter Wasser.

 

Doch das ist längst nicht alles. "Im weiteren Verlauf bewaffneten sich die Brüder mit den unterschiedlichsten Werkzeugen, die sie in der Nachbarschaft an sich nehmen konnten", beschreibt es die Polizei. Unter den gestohlenen Gegenständen ist eine Spraydose mit weißem Lack. Die Kinder besprühen damit eine Haustür, ein Garagentor und zwei Autos. Einen Pkw zerkratzen sie am Heck. In einem Garten zertrümmern sie Tonkrüge. Unter den gestohlenen Werkzeugen ist auch eine Axt.

Eine Anwohnerin macht dem Treiben schließlich ein Ende. Sie ruft die Polizei. Die braucht angesichts der zahlreichen Schäden, die die Kinder angerichtet haben, gleich mehrere Streifen, um alles aufzunehmen. Das Jugendamt und die Mutter der Kinder werden verständigt. Die bei weitem nicht strafmündigen "Täter" werden schließlich zumindest vorerst der Mutter übergeben. Besonders verzweifelt seien die Buben nicht gewesen, als man sie schließlich gefasst hat, ist von Ziegelhüttener Bürgern zu hören, die das Geschehen beobachtet haben. Der größere der beiden habe mit seinen Taten geprahlt. "Der ist richtig stolz gewesen, was er alles gemacht hat."

Viel kann der Leiter des Kulmbacher Jugendamts, Klaus Schröder, zum konkreten Fall aus Datenschutzgründen nicht sagen. Er bestätigt aber: "Das ist eine Familie, die uns schon bekannt ist. Wir sind jetzt dabei zu überlegen, welche Hilfestellung oder Maßnahmen jetzt noch einzuleiten sind, insbesondere auch über das Familiengericht", sagt Schröder.

In der Tat. So jung die beiden Buben auch sein mögen: Sie haben schon öfter für Aufruhr gesorgt und auch die Polizei beschäftigt. Aus dem Umfeld der Familie ist zu hören, die Kinder seien an einer ganz anderen Stelle der Stadt schon von einem Hausdach geholt worden, sie seien mit einer Axt durch fremde Gärten gezogen, sollen Müll und Glasscherben in Grundstücke geworfen haben. Die Mutter der Kinder sei mit ihrem Nachwuchs überfordert. "Sie hat die Kinder nicht unter Kontrolle", sagt eine Frau, die ein paar Straßen weiter wohnt und auch schon Begegnungen mit den Brüdern hatte.

Klaus Schröder vom Jugendamt hat über die Jahre schon viel erlebt. Kinder in so jungen Jahren mit so vielen "Straftaten" auf dem Buckel, das hat man aber auch in einem Jugendamt nicht oft. "So etwas gibt es, aber das ist extrem selten", betont Klaus Schröder. Was kann das Jugendamt tun, wenn schon kleine Kinder völlig aus dem Ruder laufen? "Erst einmal müssen wir uns anschauen, wie das Umfeld ist und wer erzieherisch mit welchen Fähigkeiten und Möglichkeiten präsent ist", erklärt Schröder. Ganz wichtig sei es auch, herauszufinden, was bei den Kindern dahintersteckt. "Wir haben schon alles mögliche erlebt. Bei bestimmten Kindern ist es eine einmalige Geschichte, aber es gibt auch Fälle, wo Kinder permanent eine Entwicklung zeigen, die Besorgnis erregend ist." Wenn allerdings relativ junge Kinder eine Vielzahl von Auffälligkeiten zeige, bestehe Handlungsbedarf. "Dass jüngere Kinder so auffallen, ist sicherlich in Kulmbach die absolute Ausnahme."

Das Jugendamt hat viele Möglichkeiten. Es kann ambulante Hilfen bieten, Kinder teilstationär oder ganz in einer Einrichtung unterbringen. "Auch die Frage einer medizinischen Abklärung bestimmter Sachverhalte muss man regelmäßig in Betracht ziehen. Und dann muss man auch noch sehen, wie ansprechbar im Einzelfall Eltern auf solche Geschehnisse reagieren." Es gebe Eltern, die einsichtig sind. "Häufig sind sie erschrocken, werden mit Schadensersatzforderungen und anderen Dingen konfrontiert." Ob das aber ausreicht, um Änderungen zu bewirken, hänge vom Einzelfall ab.

Etwa 250 Kinder sind derzeit laut Klaus Schröder in unterschiedlichen Hilfeprogrammen des Jugendamts Kulmbach. "Die Zahl ist seit Jahren auf anhaltend hohem Niveau. Die erzieherischen Bedarfe haben zugenommen." Was den Chef des Kulmbacher Jugendamts besonders nachdenklich macht: "Es gibt immer jüngere Systemsprenger."

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Melitta Burger
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Veröffentlicht am:
13. 08. 2019
09:49 Uhr

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Melitta Burger

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13. 08. 2019
09:49 Uhr



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