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Der Gottesmusiker wird stiller

Uli Scherbaum muss seinen Posten als Kantor in Rehau aufgeben. Was jetzt kommt, weiß er nicht. Aber improvisieren konnte er schon immer.



"Ich spiele noch weiter": Der Rehauer Kantor Uli Scherbaum geht in den Vorruhestand, will aber weiter von sich hören lassen. Foto: hawe
"Ich spiele noch weiter": Der Rehauer Kantor Uli Scherbaum geht in den Vorruhestand, will aber weiter von sich hören lassen. Foto: hawe  

Rehau - Es ist gut so, wie es ist. Uli Scherbaum beschwert sich nicht. "Mein Leben ist Führung und Fügung", sagt er. Scherbaum ist noch wenige Tage Kantor in der evangelischen Gemeinde in Rehau. Am Sonntag ist Schluss. Mit 53 Jahren. "Es geht halt nicht mehr, die Gesundheit." Und dann zuckt er mit den Schultern und schaut einen durch seine dicken Brillengläser an. "Ich kann auch keine Noten mehr lesen. Aber ich habe das Geschenk der Improvisation." So sieht er das.

Uli Scherbaum hätte allen Grund, sich zu beschweren. Der geborene Geroldsgrüner ist Pfleger, das hat er gelernt. Im Haus Saalepark in Schwarzenbach an der Saale fing der junge Scherbaum an. Dann kam die Latex-Unverträglichkeit, die Neurodermitis. Das werde nichts mehr, sagte man ihm. Am 30. April 1998 hörte der Pfleger Scherbaum auf, am 1. Mai begann der Kantor Scherbaum in Rehau an der Orgel zu sitzen. "Kaum stand fest, dass es im Seniorenheim aus ist, habe ich die Ausschreibung für die Stelle in Rehau gelesen." Führung und Fügung.

Mehr als 20 Jahre saß er an der Orgel, leitete den Chor, den Posaunenchor und den Instrumentalkreis, spielte bei Hochzeiten und Beerdigungen, erarbeitete mit Kindern Musicals und half bei den Katholiken aus. Seine Arbeitszeit: offizielle 25 Stunden . Er grinst. "Ohne was draufzulegen funktioniert das nicht." Von Berufung spricht er und von Privatschülern. 25 in Spitzenzeiten. Gitarre, Klavier, Blockflöte, Trompete.

Eine musikalische Hochschule hat er nie besucht. Eine Ordensschwester brachte ihm bei, was man können muss, um an der Kirchenorgel die Gemeinde musikalisch zu führen. Er legte die D-Prüfung ab, das Minimum. "Die hat gelangt - bis heute. Das Volk hat nichts davon, wenn ich einen vierseitigen Bach spiele. Dann sagt zwar jeder, der spielt aber schön - aber was bringt das?"

Uli Scherbaums Credo lautet, dass Musik ein Urinstinkt des Menschen sei. Sie transportiere Wahrheiten und sie vereine. Letzteres sollte sie zumindest. Es ist ein Anflug von Ärger in dem ruhig gepolten Musiker zu spüren, wenn er von Auswüchsen redet. CD und Youtube - alles Konsum; selbst zu spielen stehe als lästig in Verruf. Im Gottesdienst werde gesungen, eine Gemeinde stimme sich ein und lobe gemeinsam den Herrn. Im Idealfall. Als Scherbaum anfing war das so, dann kam das neue Gesangbuch. Jeder Pfarrer konnte auswählen, was er wollte. "Jede Woche bei einem anderen Pfarrer mit anderen Liedern - da wird’s schon lustig", erzählt der Organist. Er frage sich immer wieder, was der häufige Wechsel von Kirchenliedern soll. "Wann soll es die Gemeinde lernen? Sie muss das beim ersten Mal, wenn ich es spiele, schaffen." Also schafft sie es nicht.

Da werde eine Chance vertan. Denn was er als Musiklehrer oder Chorleiter erfahren hat, zeige ihm, was Musik kann und wie sensibel Menschen sind, wenn sie am Instrument sitzen. "Ich hatte einen Schüler, der saß völlig verkrampft am Klavier. Dann hat er mir erzählt, dass er eine Fünf in Mathe geschrieben hat", erzählt der Rehauer. Er sagte ihm, das sei halb so schlimm und werde besser, wenn er sich bemüht - dann war alles wieder gut und der Weg für Musik war frei. In der Musik spiegele sich die Seele, davon ist Scherbaum überzeugt.

Als Musiker in der Gemeinde ist er "fast auf Seelsorger-Ebene". Er sei guter Freund, Vertrauensperson und Ratgeber, er müsse dafür bereit sein, sich selbst zu öffnen. Mit seiner Musik will er die Menschen erreichen. Ganz funktioniere das aber nicht immer, weil viele es scheuten, zu singen. Das war mal anders. Exakt weiß auch Scherbaum nicht, was sich verändert habe. Zumal auch Veränderungen im Gottesdienst bisher zu nichts geführt hätten. "Wir sperren immer mehr Kirchen zu", klagt er. Modernismus habe nichts gebracht. Bands vor dem Altar Christrock spielen zu lassen, sei ja an sich nichts Schlechtes, aber: "Da gehen die gleichen Leute in die Kirche. Neue sieht man auch dann nicht", sagt der 53-jährige Musiker. Der derzeitige Boom bei Gospelchören sei auch nur eine Mode. Man müsse nur an die "Ten Sing"-Gottesdienste vor einigen Jahren denken. "Teenager singen" stand über dem Konzept - hochgehypt, heute fast spurlos verschwunden. Paul Gerhardts "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" von 1653 habe noch heute Kraft.

Kraft aber ist aber dem Kantor verloren gegangen. "Ich spiele noch weiter", sagt Uli Scherbaum über seien Ruhestand. Aber nur noch, wenn es der Körper zulässt. Das sei nun mal so, es werde schon auch sein Gutes haben. Der Musiker spricht morgens und abends mit Gott, der trage ihn. Ansonsten, mal sehen. "Ich habe ja das Geschenk der Improvisation."

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Harald Werder

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Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
18:10 Uhr

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Harald Werder

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25. 11. 2019
18:10 Uhr



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