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Rehau

Happy Birthday, Niere!

Dies ist eine Geschichte vieler glücklicher Zufälle. Hanna Olejnizak, 14 Jahre alt, feiert im Juni zweimal Geburtstag: ihren eigenen und den ihrer neuen Niere.



Hanna Olejnizak feiert heute zum zweiten Mal Geburtstag. Vor genau einem Jahr erhielt sie eine neue Niere. Ihre eigenen hätten nicht mehr lange funktioniert. 	Foto: Gödde
Hanna Olejnizak feiert heute zum zweiten Mal Geburtstag. Vor genau einem Jahr erhielt sie eine neue Niere. Ihre eigenen hätten nicht mehr lange funktioniert. Foto: Gödde  

Rehau - Freitag, 27. Juni 2014, 7 Uhr am Morgen: Hanna rätselt, was sie wohl träumen mag, und sie hat ein bisschen angst. In wenigen Sekunden wird sie der Tiefschlaf der Narkose umfangen. Es geht in den OP-Saal. Vier Stunden später beginnt für sie das Leben von Neuem - mit der Niere eines Toten. Wegen eines Gendefekts drohte ihr auf mittelfristige Sicht ein Nierenversagen. Die Familie stand vor der Entscheidung: lebenslange Dialyse oder Spenderniere.

Ein Jahr später sitzt Hanna, jetzt 14 Jahre alt, am heimischen Küchentisch in Rehau. Ein zierliches Mädchen, dessen dunkelblonde Haare von pink-violetten Spangen in Zaum gehalten werden. Ihr Blick scheint an der Wand zu haften. Jedoch: Hanna sieht es nicht, sie ist seit ihrer Geburt blind. Mutter Christina sitzt daneben, eine fröhliche, kräftige Frau mit schwarzer Brille und Kurzhaarschnitt. Wenn sie von Hannas Gendefekten und deren Wahrscheinlichkeit spricht, die separat zum Erblinden dann nennt sie sie "einen Sechser im Lotto, im negativen Sinn". Kein Wunder, denn die Nierenkrankheit Nephronophthise, die aus dem Gendefekt resultiert, trifft statistisch einen von 100 000 Menschen.

Während des Gesprächs lächelt Hanna viel. Vielleicht weiß sie die beiden Schicksalsschläge noch nicht so recht einzuordnen, vielleicht aber auch umso besser, weil sie weiß: Nur mit Optimismus lassen sie sich wegstecken. Ohnehin ist die Rehauer Familie Olejnizak keine Familie, die hadert. "Verzweifelt sind wir eigentlich nie", sagt Mutter Christina. Hannas Krankheitsgeschichte ist mittlerweile fünf Jahre alt.

2009 fällt Hannas Kinderärztin zum ersten Mal auf, dass die Werte für die Niere leicht erhöht sind. Die Diagnose der Nephronophthise ist kompliziert, dennoch findet die Medizinerin heraus, was mit Hanna nicht stimmt. Ihr geht es zu dem Zeitpunkt ganz normal. "Bei Nierenkrankheiten geht es einem nicht schlecht, erst im Endstadium", sagt Mutter Christina. Die kaufmännische Angestellte ist zur Nephronophthise-Expertin geworden. Wichtige Kennzahlen für Hannas Zustand liefert fortan der Kreatinin-Level. "Der lag damals bei 1,2. Sechs ist Dialyse", sag die 41-Jährige. Hanna muss vierteljährlich zur Untersuchung. Die Familie kann nur auf Zeit spielen. "Die Krankheit ist nicht aufzuhalten. Man kann nur die Symptome bekämpfen", sagt Christina Olejnizak. Hanna sitzt still daneben, nickt bei den Worten ihrer Mutter.

Hanna ist einer von 1384 Menschen, die 2014 in Deutschland eine neue Niere bekommen haben. Die meisten Nieren stammen dabei von Toten, weniger als die Hälfte davon von Lebendspendern.

Der Schock kommt im März 2013. Der Kreatinin-Wert ist auf 3,0 gestiegen, deutlich schneller als erwartet. Die Entscheidung zwischen Dialyse und Nierenspende rückt näher. Mittlerweile melden sich auch die Symptome: "Ich hatte oft Kopfschmerzen und war ständig müde", sagt Hanna. Seit Januar 2014 musste sie jeden Monat nach Erlangen, zur Kontrolle im Uni-Klinikum. Das unausweichliche Nierenversagen droht ihr. "Damals hatten wir uns schon für eine Heimdialyse entschieden. Anders wäre das gar nicht mit der Schule zu vereinbaren gewesen, sagt die Mutter. Hanna besuchte die 7. Klasse der Realschule.

Und: Mutter Christina und Vater Bernd möchten ihrer Tochter selbst eine Niere spenden, lassen sich testen. "Bei meinem Mann haben die Werte besser gepasst. Aber infrage gekommen wären wir beide", sagt die Mutter. Und gespendet hätten sie auch beide. Im späten Frühjahr 2014 soll schließlich die Heimdialyse beginnen. Gleichzeitig hatte sich Papa Bernd schon auf die Nierenspende vorbereitet. Der OP-Termin ist für den 21. Juli angesetzt.

Am 6. Juni geschieht etwas, das die Olejnizaks zu dem Zeitpunkt noch vernachlässigen: Hannas Name kommt sie auf die Warteliste für eine Nierentransplantation. Formsache für Dialyse-Patienten. "Die Liste war für uns damals gar nicht so wichtig", sagt Mutter Christina. Die Hoffnungen lagen auf der Transplantation ihres Mannes und der kurzen Dialyse-Phase zuvor.

Die Tage gehen dahin. Bernd Olejnizak war schon vor der Ethikkommission der Uniklinik, um sich moralisch auf die Operation vorzubereiten. Dann, der Abend des 26. Juni. Deutschland trifft bei der Fußball-WM auf die USA. In der 55. Minute schießt Thomas Müller das einzige Tor der Partie. Hannas Zwillingsbruder Max kann sich genau erinnern. Er ist übrigens komplett gesund. Eine Viertelstunde später klingelt das Telefon. Es ist das Uni-Klinikum. "Ich habe mir gedacht: Um die Uhrzeit kann das nichts Gescheites sein", sagt Mutter Christina. Selten wird sie sich so geirrt haben: Für Hanna steht eine Spenderniere bereit. Da steht sie erst seit 20 Tagen auf der Transplantations-Liste.

Jetzt muss es schnell gehen: Innerhalb von zwei Stunden entscheiden sich die Olejnizaks, die Spende anzunehmen. "Die Entscheidung fiel recht leicht. Mein Mann musste nicht unters Messer. Und so haben wir noch eine Spenderniere in der Hinterhand", sagt Christina Olejnizak. Mitten in der Nacht fährt die Familie nach Erlangen. Die Operation ist für den frühen Morgen angesetzt, dann soll die Spenderniere ankommen. "Ich bin fast wahnsinnig geworden", gibt die Mutter zu.

Es geht alles gut. "Die Ärzte haben gleich gesagt, dass ich gesünder aussehe", sagt Hanna. Mehr Farbe im Gesicht, insgesamt vitaler - die neue Niere arbeitet. Die erste Zeit nach der Transplantation ist eine bange Phase, aber Hanna übersteht sie weitgehend ohne Probleme. "Noch ein Sechser im Lotto", sagt die Mutter.

Die Spenderniere stammt von einem Hirntoten aus Bayern. Deswegen waren die Wege für die Transplantation kurz, die Niere schnell in Erlangen. Von wem die Niere nun kam, darüber zerbrechen sich die Olejnizaks nicht den Kopf. "Wir wissen nur, dass er über 50 war und aus Bayern kam", sagt Mutter Christina. Die Familie ist einfach nur dankbar für die Chance, die der tragische Tod des einen Menschen für Hannas junges Leben bedeutet.

Hanna war in der ganzen Zeit sehr tapfer, sagt die Mama. Das zu glauben fällt nicht schwer. "Das war schon aufregend", sagt Hanna beinahe ungerührt. Sie verdreht etwas die Augen, ist verlegen. Den Tag der Operation verschläft Hanna fast komplett. "Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich im Aufwachraum mit der Schwester geredet habe und sofort wieder eingeschlafen bin", sagt Hanna und grinst. Als Mama und Papa sie in die Arme schließen, liegt sie schon wieder auf der Station, ist munter - mit drei Nieren in ihrem Körper. Eine arbeitet, die anderen haben den Dienst quittiert.

Ganz normalisieren wird sich das Leben für Hanna trotz der neuen Niere wohl niemals. "Wir messen morgens und abends den Blutdruck, um zu schauen, wie die Niere arbeitet. Außerdem muss Hanna jeden Tag mindestens drei Liter Wasser trinken", erklärt Mutter Christina. Doch das habe sich längst eingespielt. Ansonsten kann Hanna alles machen - außer Fußballspielen. "Aber das habe ich vor der Operation eh nicht gemacht", sagt Hanna lachend.

Heute feiern die Olejnizaks mit Freunden und Familie den zweiten Geburtstag im Juni, den ersten der Niere. "Ohne Freunde, Bekannte und die Familie wäre das alles nicht möglich gewesen", sagt Mutter Christina. Und sie ist überzeugt: Hannas Krankheit hat die Familie noch mehr zusammengeschweißt.

Geträumt hat Hanna während der Narkose übrigens nichts. Dafür darf sie jetzt das erleben, wovon sie in den Jahren zuvor geträumt hatte: ein gesundes Leben.

Ich hatte schon ein wenig Angst.

Hanna Olejnizak

 
Ich bin fast wahnsinnig geworden.

Mutter Christina Olejnizak

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Von Patrick Gödde
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Veröffentlicht am:
27. 06. 2015
00:00 Uhr

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Von Patrick Gödde

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27. 06. 2015
00:00 Uhr



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