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Rehau

Rehau nimmt sich künstlerische Freiheit

Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" wandert an den Maxplatz. Damit will die Stadt ihrem berühmten Bürger zur Seite stehen.



So - oder so ähnlich - soll die Fassade am Maxplatz 9 im Laufe des Frühjahrs aussehen, wenn die Stadt das Gedicht "avenidas" anbringen lässt. Montage: Stadt Rehau
So - oder so ähnlich - soll die Fassade am Maxplatz 9 im Laufe des Frühjahrs aussehen, wenn die Stadt das Gedicht "avenidas" anbringen lässt. Montage: Stadt Rehau  

Rehau - Das ging schnell: Nur wenige Tage, nachdem feststand, dass die Alice-Salomon-Hochschule das Gomringer-Gedicht "avenidas" von ihrer Fassade in Berlin entfernen wird, hat die Stadt Rehau reagiert. Wie Bürgermeister Abraham angekündigt hatte, unterbreitete die Stadtverwaltung dem Stadtrat gestern den Vorschlag, das umstrittene Gedicht an einer Rehauer Fassade anzubringen. Die Aussage ist eindeutig: Die Stadt stellt sich explizit hinter Professor Eugen Gomringer, der seit vielen Jahren in Rehau lebt. Im Rehauer Institut für Konkrete Kunst und Poesie (IKKP) ist eine Dauerausstellung zu sehen, die gut und gerne als Vermächtnis des Künstlers und Schriftstellers zu bezeichnen ist.

Die Wahl ist im Rehauer Rathaus auf ein zentrales Gebäude gefallen: das Haus Maxplatz 9, das direkt ans Alte Rathaus angrenzt und in städtischer Hand ist. Damit befindet sich das Gedicht fortan an exponierter Stelle; kaum ein Rehauer und kaum ein Einpendler dürften an der Dichtkunst Gomringers nun vorbeikommen. Und weil das Haus ohnehin neu gestrichen werden sollte, kostet das Fassaden-Gedicht nicht einmal zusätzlich Geld. Die Verwaltung begründete diese Standortwahl in der Vorlage an die Stadträte so: Am IKKP gibt es keine passende Fläche für das Gedicht. Außerdem ist "avenidas" im Ausstellungsraum "Poema" des Institutes, einem Geschenk der Stadt an Gomringer zu dessen 80. Geburtstag 2005, längst vertreten.

Am Ost-Giebel des Maxplatzes 9 wird das Gedicht nun ebenfalls in spanischer Sprache zu sehen sein, wie in Berlin auch - weil Spanisch die Amtssprache in Bolivien ist, dem Geburtsland Gomringers, in dem der 93-Jährige heute noch großes Ansehen genießt. Damit will die Stadt zudem dem europäischen Gedanken Rechnung tragen. Kulturelle Verbindung statt Spaltung - ebenfalls ein deutliches Signal an diejenigen, die dem Gedicht vorwarfen, eine gegenüber dem weiblichen Geschlecht despektierliche Haltung auszudrücken.

Ein Gedicht und seine Folgen

Das Gedicht im Wortlaut:

"avenidas/ avenidas y flores /

flores / flores y mujeres /

avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y / un admirador"

Auf Deutsch in etwa: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen/Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen /Alleen und Blumen und Frauen und /ein Bewunderer".

 

Die AStA sieht darin Zusammenhänge, die "eher alt und zugleich doch erschreckend aktuell" seien: "Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind." Der Link zum offenen Brief der AStA der Alice-Salomon-Hochschule: www.asta.asfh-berlin.de/de/News/offener-brief-gegen-gedicht-an-der-hochschulfassade.html

Diesem Gedanken widersprachen die Rehauer Stadträte gestern Abend vehement. Dr. Dorothee Strunz, CSU, meldete sich für ihre Fraktion und als Frau zu Wort. Sie sah vonseiten der Berliner Hochschule das Recht auf eine Kunst "auf schwer erträgliche Weise beeinträchtigt" und empfindet die Verlagerung des Gedichtes nach Rehau als wichtige Unterstützung für einen Bürger der Stadt. Sie fügte an: "Ich glaube nicht, dass wir Frauen dieses Schutzes bedürfen." Sie empfinde die Bewunderung des Mannes gegenüber der Frau in Gomringers Gedicht als etwas Schönes. "Vielleicht können wir ja viele Frauen ermutigen, selbst poetisch zu werden und unsere Bewunderung Männern gegenüber auszudrücken", appellierte sie an die Öffentlichkeit.

Bei den Sozialdemokraten war man sich zwar inhaltlich einig, dass das Gedicht keinerlei sexistische Züge aufweist, dennoch stimmten Ulrich Scharfenberg und Andrea Geupel ohne Angabe von Gründen gegen den Vorschlag der Verwaltung, das Gedicht auf die Hauswand malen zu lassen. Fraktionsvorsitzender Hagen Rothemund sah das anders und argumentierte auch für den Standort am Maxplatz. Ebenso äußerte er sein Unverständnis über die gesamte Debatte: "Was als Lokalposse begann, ist zu einem Drama von nationaler Tragweite geworden", sagte Rothemund.

In jenen 20 spanischen Worten Gomringers könne er nicht den kleinsten Ansatz von Sexismus entdecken. "Ich persönlich schüttle darüber nur den Kopf und kann bei so viel Empfindlichkeit nur hoffen, dass der Bob-Dylan-Song 'Blowing in the Wind' nicht auch noch auf den Index kommt." Gerhard Puchta, FUWR, schlug in eine ähnliche Kerbe: "Ich kann beim besten Willen nichts Anstößiges an diesem Gedicht erkennen." Mit den zwei Gegenstimmen aus der SPD votierte der Stadtrat schließlich dafür, das Gedicht am Maxplatz 9 anzubringen. Sobald es das Wetter zulässt, sollen die Arbeiten an der Fassade beginnen. Für Bürgermeister Michael Abraham Grund zur Freude: "Wir haben am Maxplatz Straßen, wir haben Blumen und wir haben Frauen, und bestimmt auch einen Bewunderer", sagt er lachend.

Der Dichter selbst ist über diesen Ortswechsel ebenfalls ziemlich glücklich. Das Gedicht, das eigentlich als Ode an die Straße La Rambla in Barcelona entstanden war, wird nun zum Loblied auf Rehau. "Das Gedicht ist so eine schöne Hommage an diese schöne Stadt Rehau", sagte Professor Eugen Gomringer gestern auf Anfrage. Er hoffe, dass nun etwas Ruhe einkehrt in diese Debatte. Hunderte von tröstenden und unterstützenden Briefen habe er in den vergangenen Wochen erhalten. "Das war alles ein bisschen aufwühlend", gibt Gomringer zu.

Übrigens: Auf die Debatte mit einem Gedicht zu antworten, daran hat der Künstler bislang noch keinen Gedanken verschwendet. "Nein, nein", wehrt er lachend ab, "bei mir dauert es sehr lange, bis ein neues Gedicht entsteht."

 

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Patrick Gödde

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Veröffentlicht am:
31. 01. 2018
17:20 Uhr

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31. 01. 2018
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