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Rehau

Untergetaucht

Den vierjährigen Kampf ums Bleiben hat er verloren, nun flieht ein Pakistani mit Wohnsitz Rehau in den Untergrund. Und hinterlässt so verzweifelte wie frustrierte Helfer.



Das Asylverfahren ist im vorliegenden Fall ein bereits vierjähriger Prozess. Am Ende entscheidet eine eineinhalbstündige Anhörung vor einem Verwaltungsrichter. Nach dessen Einschätzung ist die Fluchtgeschichte unglaubwürdig. Eine Berufung gegen das Urteil ist nicht zulässig. Darin liegt für Werner Schnabel, der den jungen Mann lange betreut hat, ein Problem. Foto: Silas Stein/dpa
Das Asylverfahren ist im vorliegenden Fall ein bereits vierjähriger Prozess. Am Ende entscheidet eine eineinhalbstündige Anhörung vor einem Verwaltungsrichter. Nach dessen Einschätzung ist die Fluchtgeschichte unglaubwürdig. Eine Berufung gegen das Urteil ist nicht zulässig. Darin liegt für Werner Schnabel, der den jungen Mann lange betreut hat, ein Problem. Foto: Silas Stein/dpa  

Regnitzlosau/Rehau - Nein, er habe keinen Kontakt mehr zu dem jungen Mann, sagt Werner Schnabel. "Ich will das auch gar nicht, das ist mir zu riskant." Vier Jahre lang hatte Schnabel mehrmals pro Woche mit dem jungen Pakistani zu tun, hat sich mit einer unglaublichen Intensität für ihn eingesetzt - doch nun ist aus dem Schützling ein Gesuchter geworden. Ein Flüchtender, ein Flüchtling, diesmal jedoch vor den deutschen Behörden. Muhammed, so nennt ihn Schnabel fürs Pressegespräch, war nach Deutschland geflohen und hatte Asyl beantragt. Es wurde ihm verwehrt, über alle Instanzen hinweg. Dass er nun einen Schritt getan hat, der auch Helfer Werner Schnabel in Fassungslosigkeit zurücklässt, zeigt auf, in welchem Dilemma alle Beteiligten hier oft stecken.

Muhammed wird im Februar 1995 in einem Bergdorf in Pakistan geboren. Beim Holzsammeln in den Bergen an der Grenze zu Afghanistan, in denen ehemals Osama bin Laden sein Versteck hatte, wird er von Taliban überfallen. Dabei wird sein Onkel erschossen. Er selbst wird von Granatsplittern verletzt. Im September 2014 flieht er mit seinem Bruder vor den Taliban. Sein Bruder wird auf der Flucht erschossen, er selbst schafft es auf einer neunmonatigen Reise nach Deutschland. Er stellt einen Antrag auf Asyl, wird im Haus Tannenberg in Rehau untergebracht, findet Anschluss an den lokalen Helferkreis und versucht, sich im Land zurechtzufinden. Er macht einen Sprachkurs, findet Arbeit, darf irgendwann sogar in eine eigene kleine Wohnung ziehen.

Im Hintergrund läuft das Asylverfahren über mehrere Instanzen - das er schlussendlich verliert. Das Prozedere der beteiligten Behörden ist für Helfer Werner Schnabel vielfach von politischen Vorgaben geprägt und entferne sich vom ursprünglichen Anliegen des Asylrechts. Denn obwohl der Gang durch die Instanzen des Rechtsstaats volle vier Jahre in Anspruch genommen hat, sei Mohammeds Einzelfall nie konkret geprüft worden. Die Behörden hätten sich stattdessen auf allgemeine Quellen zur jeweiligen Lage im Land zurückgezogen - und auf vorgefertigte Textbausteine, in denen nur pauschale Annahmen ins Feld geführt werden. "Was der betroffene Mensch tatsächlich erlebt und erlitten hat, fällt bei der Urteilsbegründung kaum ins Gewicht", sagt Schnabel. "Ein solches Verfahren wird nach meiner Meinung den Anforderungen einer Einzelfallprüfung nicht gerecht." Dabei sei das die Pflicht der Behörden und Gerichte. In seinen eigenen harten Worten nimmt Werner Schnabel, pensionierter Verwaltungsdozent, denn auch die jeweiligen Urteilsbegründungen auseinander.

Dass Muhammeds Familie von Taliban angegriffen worden ist und dabei ein Onkel getötet wurde, sei kein ausreichender Grund, um aus Pakistan zu fliehen: So sieht es das Bundesamt für Migration. Angesichts weitverbreiteter Korruption in Pakistan seien Muhammeds Ausweisdokumente vermutlich ohnehin gefälscht: So denkt das Verwaltungsgericht über den jungen Pakistani. In seinem Heimatland würden Angehörige seines Religionszweigs nicht grundsätzlich verfolgt, daher sei es doch unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Muhammed verfolgt wurde, weil er Schiit ist: Das sagt der Verwaltungsgerichtshof.

Man habe jeweils sehr viel Zeit und Mühen aufgewendet, um juristische Begründungen zu finden, mit denen man das Asylgesuch ablehnen könne, sagt Schnabel. Seinem Schützling zugehört habe man dabei so gut wie gar nicht: "Die Glaubwürdigkeit des Asylbewerbers hängt vom subjektiven Eindruck eines Einzelrichters ab, den er in einer eineinhalbstündigen Sitzung gewinnt. Seine etwaige Fehleinschätzung führt zu einer nicht mehr korrigierbaren und unabwendbaren Einleitung von Abschiebungsmaßnahmen", betont Schnabel.

Im vorliegenden Fall stehe die Einschätzung der Glaubwürdigkeit Muhammads durch den Verwaltungsrichter im krassen Gegensatz zu Schnabels Erkenntnissen aus vier Jahren persönlicher Begleitung. Der Staat lasse sich die Anwendung des Asylrechts einiges kosten, erkennt Schnabel an, und fügt hinzu: "Vielleicht sind Einzelfallprüfungen auch angesichts der riesigen Menge der Fälle gar nicht möglich und es muss schablonenhaft entschieden werden, um schnelle Abschiebungen herbeizuführen. Das ist allerdings meinem menschlichen Gefühl von Gerechtigkeit zuwider."

"Im Gegensatz zu manch anderem Flüchtling hat sich Muhammed gesetzeskonform verhalten, hat die Sprache erlernt, ging arbeiten, hat Steuern und Sozialversicherungsbeiträge und die Miete für seine Wohnung bezahlt", sagt Schnabel. "Alle, die ihn auf seinem Integrationsweg in der Region begleitet haben, können nicht begreifen, wie man ihm ohne Nachweis Unglaubwürdigkeit und Urkundenfälschung vorhalten kann und ihn deswegen abschieben will." Die Nachricht sei für alle unverständlich und ungerecht, die Beteiligten seien geschockt. "Wir müssen erkennen: Rechtsprechung ist nicht gleichzusetzen mit Gerechtigkeit."

Für Werner Schnabel, der zeit seines Berufslebens und danach als Unterstützer integrationswilliger Flüchtlinge mit dem deutschen Behördensystem zu tun hatte, erschüttert diese Erkenntnis das Vertrauen in ein menschengerechtes Asylverfahren. Dass daran nun auch sein Schützling selbst Anteil hat, nagt womöglich aber noch mehr an ihm.

Einen kleinen Schimmer auf Hoffnung hätte es für Muhammad noch geben können - er hat ihn nur nicht abgewartet. "Ich habe seinen Fall an die Härtefallkommission weitergegeben, die sich mit derartigen Schicksalen befasst. Sie hat mir eine Prüfung in Aussicht gestellt." Damit wäre Muhammed, zumindest für die Zeit der Prüfung, vor einer Abschiebung geschützt gewesen. Doch der junge Mann hat den Prozess nicht abgewartet: "Er hatte seit Wochen eine solche panische Angst davor, nachts von der Polizei abgeholt zu werden, dass er untergetaucht ist", berichtet Schnabel. Ob er wisse, wo er sich aufhalte? "Nein, ich weiß es nicht."

Aus Gesprächen mit Rechtsanwälten wisse er, dass Italien oder Frankreich als beliebte Ziele gelten, weil dort leichter eine Arbeitserlaubnis zu bekommen sei. Was nichts an der Faktenlage ändere, dass sich ein Mann, der es auf allen Wegen rechtskonform versucht hat, nun in ein Leben in Illegalität gestürzt hat. Er würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass der Staat ihn in den Untergrund getrieben habe. "Ich frage mich aber schon, was es mit einem Menschen macht, dem höchstrichterlich das Zertifikat ‚unglaubwürdiger Mensch‘ ausgestellt wird." Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht - im vergangenen Jahr sprachen deutsche Medien jedoch davon, dass 30 000 Geflüchtete untergetaucht sind, um sich vor den deutschen Behörden zu verstecken. Jetzt ist es einer mehr.

 
Autor
Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
27. 08. 2019
19:24 Uhr

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Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
27. 08. 2019
19:24 Uhr



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