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Selb

Bauhaus bleibt Baustein der Zukunft

Beim großen Architekten-Treff in Selb wird deutlich, dass das Thema aktueller ist denn je. Experten feilen am Wohnen von morgen und greifen Gropius' Visionen wieder auf.



Shealagh Rosenthal (links), die Tochter des Visionärs und Unternehmers Philip Rosenthal, tauchte zur Überraschung der Diskussionsrunde im Feierabendhaus, "wo ich als Kind durch den Saal rannte", auf. Bauhaus-Experten waren die Direktorin und Kuratorin des Württembergischen Kunstvereins, Iris Dressler, Moderator Christian Hiller und Regisseur und Filmemacher Niels Bolbrinker (von links). Fotos: Peggy Biczysko
Shealagh Rosenthal (links), die Tochter des Visionärs und Unternehmers Philip Rosenthal, tauchte zur Überraschung der Diskussionsrunde im Feierabendhaus, "wo ich als Kind durch den Saal rannte", auf. Bauhaus-Experten waren die Direktorin und Kuratorin des Württembergischen Kunstvereins, Iris Dressler, Moderator Christian Hiller und Regisseur und Filmemacher Niels Bolbrinker (von links). Fotos: Peggy Biczysko   » zu den Bildern

Selb - Freiheit und Fortschritt, raus aus dem Mief, raus aus dem Elend. Die Spuren des Ersten Weltkriegs hinter sich lassend, hat sich die weltberühmte Kunstschule des Bauhauses darauf konzentriert, radikal Neues zu schaffen. Freiheit der Ideen, der Systeme, des Individuums. Vorreiter dieser avantgardistischen Ideale ist Walter Gropius, der in Weimar 1919 das Bauhaus gründete. "Vom Bauen der Zukunft" ist der große Abend im Rosenthal-Feierabendhaus überschrieben, bei dem sich über hundert Gäste - vornehmlich aus der Architekten-Szene - auf Spurensuche begeben.

100. Jubiläum: Die Gastgeber im Feierabendhaus

Peter Kuchenreuther, Sprecher des Architektur-Treffs Hochfranken: "Durch das Engagement von Porzellanikon-Direktor Wilhelm Siemen ist es erst möglich geworden, das Netzwerk zum Jubiläumsjahr zu organisieren." Authentischer könne ein Ort nicht sein, um einen Film über das Bauhaus zu zeigen, betont der Architekt aus Marktredwitz und bezeichnet Walter Gropius aus Architekten-Sicht als den "Übervater". Er habe Großes für Rosenthal und Selb geleistet: "Auf Einladung des visionären Philip Rosenthal hat er den neuen Typus einer Porzellanfabrik erschaffen. Mit dem gut gestalteten Umfeld - seinerzeit spazierten auch Flamingos übers Firmengelände - steigerte Gropius das Wohlbefinden der Belegschaft." Das Design des Porzellanservice TAC sei heute noch so aktuell wie vor 50 Jahren. Und für die Stadt selbst habe Gropius die Verkehrserschließung - unter anderem die Ringstraße - neu konzipiert. "Selb ist zu einem Paradebeispiel der Schaffens-Vielfalt eines Architekten geworden", schwärmt Kuchenreuther.

Marion Resch-Heckel, Vizepräsidentin der Bayerischen Architektenkammer: "Zum Mythos Bauhaus in Bayern zählen das Rosenthal-Feierabendhaus in Selb und die Glaskathedrale in Amberg von Walter Gropius - beides herausragende Beispiele an modernem Funktionalismus. Den "legendären Charakter des Bauhauses" beschreibt Resch-Heckel damit, dass sich hier alle werk-künstlerischen Disziplinen vereinigen zu einer neuen Baukunst.

Allerdings wird das Bauhaus auch kritisch betrachtet, so von Architektur-Kritiker Hanno Rauterberg: "Die Bauhaus-Moderne war innerlich zerrissen, manchmal sentimental und konformistisch, gelegentlich wahnhaft in den eigenen Enthusiasmus verliebt." Der Abend in Selb solle auch dazu dienen, "unsere Wertschätzung gegenüber dem Bauhaus-Erbe auszudrücken", so die Architektenkammer-Vizepräsidentin Marion Resch-Heckel.

 

Der Kälte im Saal - hier vermisst man an dem Abend den visionären Weitblick nach dem neuerlichen Wintereinbruch - trotzen die begeisterten Zuhörer zum Teil in Wintermänteln. Hundert Jahre Bauhaus in Selb zu feiern, kommt im Jubiläumsjahr nicht von ungefähr. Immerhin treffen die Menschen hier am Rotbühl in einem Gebäude zusammen, das kein Geringerer als Bauhaus-Erfinder Gropius selbst erschaffen hat. Zusammen mit Visionär Philip Rosenthal.

 

Dass sich auch Shealagh Rosenthal, die Tochter des verstorbenen Unternehmers, unter die Gäste mischt, erfährt das Publikum erst, als sie sich in die Diskussion einklinkt. Seit über 30 Jahren lebt sie in den USA und nutzt ihren Besuch in der alten Heimat, um an Orte ihrer Kindheit zurückzukehren. "Ich bin oft in dem Saal herumgerannt." Ihrer Ansicht nach hat sich die Bauhaus-Idee in anderen Ländern anders entwickelt als in Deutschland.

Moderator Christian Hiller, Medienwissenschaftler, Kurator und Publizist aus Berlin, gesteht, mit seinem Besuch in Selb einen "weißen Fleck auf seiner persönlichen Bauhaus-Karte zu füllen". Als "fleischgewordene Ruhestörung" bezeichnet Regisseur Niels Bolbrinker die Entstehung des Bauhauses vor hundert Jahren in Weimar. Seinen 90-minütigen Film "Vom Bauen der Zukunft - 100 Jahre Bauhaus" inhalieren die Besucher vor der Diskussion regelrecht. Vernunft und Schönheit paaren sich unter dem Dach jener Kunstschule. Jene "Ruhestörung" findet ein jähes Ende, als die Nazis die Macht ergreifen.

Angelehnt an das Bauhaus arbeiten heute laut Bolbrinker in Zürich Architekten und Studenten daran, eine "Stadt für alle" zu bauen. "95 Prozent der Menschen in Lateinamerika leben in Großstädten auf engstem Raum", gibt er zu bedenken und erinnert an Gropius-Stadt in Berlin, wo Tausende von Menschen in Hochhäusern wohnen. Le Corbusier in Marseille sei ebenso wie Gropius mit der Idee des Wohnens in der Zukunft seiner Zeit weit voraus gewesen. Moderator Hiller führt hierzu ins Feld, "dass für die Bevölkerung die Platten-Großbausiedlungen teilweise unverständlich waren". Bolbrinker bekennt, "dass Bauhaus auch etwas von männlichem Größenwahn hat". Auch wenn es ihn immer fasziniert habe, "so hat die gesamte Moderne schon einen totalitären Background".

Als im Film von Niels Bolbrinker Visionen von Zukunfts-Städten auftauchen, die sich über mehrere Ebenen erstrecken und teilweise über Rolltreppen und Aufzüge erreichbar sind, fühlt sich Moderator Christian Hiller nach Babylon versetzt: "Für mich die nächste Groß-Vision." Nach Ansicht des Filmemachers könnten solche Projekte "ziemlich spannend" sein. Ein Blick ins kolumbianische Medellin, wo eine Seilbahn und Rolltreppen im Freien direkt in die Slums führen, zeigt, dass Visionen längst im Jetzt angekommen sind.

Iris Dressler, die Direktorin und Kuratorin des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart, bezeichnet das Bauhaus als Erbe: "Es sind Experimente, die dort entwickelt worden sind, Momente der Befreiung, die wir weiterdenken sollten."

Mit Dietrich Müller, früherer Vorstandssprecher bei Rosenthal, stellt sich ein Bekannter von Walter Gro-pius im Feierabendhaus vor. "Er hat sich nicht nur auf Architektur beschränkt, Gropius und Bauhaus waren eine Philosophie." Und was Philip Rosenthal in Selb gemacht hat, sei ein Gesamtkonzept gewesen - "bis hin zu sozialen Ideen, die er versucht hat zu lösen".

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Peggy Biczysko

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Veröffentlicht am:
13. 03. 2019
16:36 Uhr

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Peggy Biczysko

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13. 03. 2019
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