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Selb

Der Kampf gegen Windmühlen

Seit fünf Jahren gibt es den Verein "Zuflucht in Selb", der Geflüchteten unter die Arme greift. Die Helfer ringen mit bürokratischen Hürden. Das zehrt.



Hella Völker (von links), Dieter Baumgärtel und Irene Pohl gehören vom ersten Tag an zum Verein "Zuflucht in Selb". Sie betreuen in der Erkersreuther Gemeinschaftsunterkunft Menschen in Not.	Foto: Pohl
Hella Völker (von links), Dieter Baumgärtel und Irene Pohl gehören vom ersten Tag an zum Verein "Zuflucht in Selb". Sie betreuen in der Erkersreuther Gemeinschaftsunterkunft Menschen in Not. Foto: Pohl  

Selb - Wer die Gemeinschaftsunterkunft (GU) im Selber Ortsteil Erkersreuth betritt, kommt in ein Heim auf Zeit. Hier leben Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind - vor Krieg, Verfolgung, Elend. Ihnen zu helfen, ist das Anliegen des Vereins "Zuflucht in Selb", der seit fünf Jahren die Frauen, Kinder und Männer betreut, die hier leben. Manche nur ein paar Tage, andere viele Monate oder auch Jahre. Die Helfer handeln aus der Überzeugung, dass es menschlich ist, Menschen in Not zur Seite zu stehen. Ein Sinnspruch Goethes hängt an der Tür zum Büro: "Das Land, das seine Fremden nicht beschützt, geht bald unter." Wer aber schützt eigentlich die Beschützer der Fremden?

Am Asylverfahren sind viele Stellen auf unterschiedlichsten Ebenen beteiligt, vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen; dazu kommen noch Institutionen wie Diakonie, AWO oder Caritas - vollständig ist diese Liste nicht. Seit der sogenannten "Flüchtlingswelle" sind immer neue Beteiligte dazugekommen. Und zwischen all diesen Stellen treiben die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, kämpfen mit einer Flut an Papierkram, schwimmen gegen den Strom der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit und bieten Orientierung in einem Meer der Bürokratie.

Im Büro der Erkersreuther GU sitzt Hella Völker am Schreibtisch und telefoniert. Das tut die stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Zuflucht in Selb" eigentlich den ganzen Tag. Denn ständig sind offene Fragen zu klären; mal geht es um Krankenversicherungen für Asylbewerber, mal um Reisedokumente für Geduldete, mal schlicht um Informationen über Neuankömmlinge. So wie jetzt. Am Morgen stand plötzlich eine junge Frau mit einem kleinen Kind vor der Tür, geschickt von der Zentralen Ausländerbehörde in Bayreuth. "Da erfährst du vorher nix", schimpft Hella Völker. Die Frau hat keinen Cent Geld dabei, das Mädchen muss dringend zum Arzt und seine Mutter weiß nicht, wie sie Nahrung für die Kleine kaufen soll. Hella Völker telefoniert: mit Bayreuth, mit dem Landratsamt, mit der Diakonie. Nicht alle sind erreichbar, und wer es ist, ist nicht zuständig. "Das schafft mich", seufzt Hella Völker und sinkt im Stuhl zurück.

Seit 2015 kommen verstärkt Menschen auf der Flucht nach Deutschland. Seit fünf Jahren bemühen sich Ehrenamtliche um sie; seit fünf Jahren warten die Helfer darauf, dass die Bundesregierung einen klaren Plan entwickelt, was mit den Hilfesuchenden zu tun ist.

Den großen Plan aus einem Guss - es gibt ihn nicht. Nur die Gesetze für Migranten würden ständig verschärft. Das ist ein Fazit, das Dieter Baumgärtel zieht. Deshalb führen der Vorsitzende von "Zuflucht in Selb" und seine Mitstreiter oft aussichtslose Kämpfe. Gegen die Bürokratie, aber auch gegen die Verzweiflung. "Vor fünf Jahren hatten viele Geflüchtete noch Hoffnung, als sie hier ankamen", sagt Dieter Baumgärtel, "heute haben sie die oft verloren." Ein bitterer Zug spielt um seine Mundwinkel, wenn er von den Nöten der Menschen spricht: Auf der Flucht erleben viele Gewalt, Folter, sexuelle Übergriffe, Todesangst. Hella Völker schimpft in ehrlicher und glühender Wut über die "Schlepperindustrie", die das Leid der Menschen zum Geschäft macht. In Deutschland angekommen, bleiben den Geflüchteten seelische Narben - posttraumatische Belastungsstörung sind keine Seltenheit. Und die Ungewissheit bleibt. Dieter Baumgärtel spricht von Menschen, die nicht wissen, ob sie bleiben dürfen oder zurück müssen; die Angst haben, im alten Zuhause getötet oder gefoltert zu werden oder schlicht aus Armut zu verhungern. Immer wieder zerbrechen Geflüchtete an dieser Angst, manche erkranken an Depressionen, einige flüchten in den Suff, einzelne begehen Suizid. Das zeichnet auch die Helfer.

Hella Völker hat einen Arzt gefunden, der die junge Mutter und ihre kranke Tochter behandeln kann. Irene Pohl fährt die beiden; der öffentliche Nahverkehr ist im Landkreis bekanntlich mäßig. In Großstädten schicken die Helfer ihre Schützlinge mit Bus und Bahn zu Anhörungen, Arztterminen, Beratungen. Irene Pohl ist Gründungsmitglied von "Zuflucht in Selb" und sagt rückblickend: "Ich wusste damals nicht, was auf uns zukommt." Anstrengend sei die Hilfe, aber wichtig. "Ohne Ehrenamtliche wie uns", sagt Hella Völker, "würde das System zusammenbrechen." Irene Pohl fährt zum Arzt los, Hella Völker versucht telefonisch herauszufinden, wie die junge Mutter an ihr Geld kommt, um Nahrung für ihr Kind zu kaufen. Beim Landratsamt erfährt sie, dass die junge Mutter eigentlich noch Geld haben müsste. Sie legt auf und seufzt. Als Irene Pohl später zurückkommt, hat sie ein Rezept dabei, aber das Asthmamedikament für das Kind muss bezahlt werden. Die Ehrenamtlichen zücken schweigend die Geldbörsen und legen Geld auf den Tisch. Eine menschliche Geste, aber auch eine der Resignation: Wenn der Staat die Menschen nicht mit dem Nötigsten versorgen kann, müssen Private einspringen. Bis zu welchem Punkt geht das noch?

Gut 500 Menschen, schätzt Dieter Baumgärtel, haben in den vergangenen Jahren in der Erkersreuther GU gelebt. Von 23 Menschen wissen die Helfer, dass sie als Flüchtlinge anerkannt worden sind oder ein Arbeitsvisum erhalten haben. Unterstützung brauchen sie aber alle; auch die, die nicht in der GU leben, kommen und suchen Hilfe. Eigentlich sollte es für sie schon lange eine Beratungsstelle geben. "Die genehmigt aber das BAMF nicht", bedauert Irene Pohl. Viele haben keinen Anspruch auf einen Deutschkurs, aber wer sich nicht verständigen kann, ist völlig hilflos. Udo Benker-Wienands, Gründungsmitglied und pensionierter Lehrer, gibt ehrenamtlich Unterricht. "Wir könnten ein paar weitere Mitstreiter gut gebrauchen", sagt Dieter Baumgärtel. Nur sechs Ehrenamtliche kommen noch regelmäßig in die GU. Auch sie lernen immer Neues dazu. "Die Anwendung der Gesetze hat sich in Bayern stetig verschärft", beklagt Baumgärtel. Ob es um die Erlaubnis zu arbeiten geht, Verwandtenbesuche oder das inzwischen verbotene Streichen des Zimmers in der GU, um nur wenige Beispiele zu nennen - Dieter Baumgärtel kennt viele. "Der ständige Kampf mit diesem Bürokratiemonster ist zermürbend", sagt Dieter Baumgärtel.

Aber er nimmt ihn wieder auf, Tag für Tag. Wie Hella Völker. Wie Irene Pohl. Wie all die anderen Ehrenamtlichen, die dafür sorgen, dass das System eben nicht zusammenbricht. Dass eben nicht Menschen auf der Flucht ohne Perspektive, Unterkunft und Nahrung auf deutschen Straßen stehen. Dass eben nicht das Chaos ausbricht. "Das Land, das seine Fremden nicht beschützt, geht bald unter." Goethe könnte Recht haben.

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Tamara Pohl
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Veröffentlicht am:
20. 05. 2019
16:28 Uhr

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Tamara Pohl

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20. 05. 2019
16:28 Uhr



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