Lade Login-Box.
Topthemen: Video: Hof im Radwege-CheckHof-GalerieStromtrasse durch die RegionGerch

Selb

Die verruchte Vergangenheit des "Edion"

Im Rosenthal-Outlet ist bis zum 4. Mai eine Ausstellung zu dem Gebäude zu sehen. Dieter Arzberger spürt einer künstlerischen Verbindung nach.



Die zweite Selber Bürgermeisterin Dorothea Schmid und Heimatforscher Dieter Arzberger bei der Ausstellung im Rosenthal-Outlet. Foto: Silke Meier
Die zweite Selber Bürgermeisterin Dorothea Schmid und Heimatforscher Dieter Arzberger bei der Ausstellung im Rosenthal-Outlet. Foto: Silke Meier  

Selb - Zwischen Rosenthal und dem "Edion" gibt es eine künstlerische Verbindung. Und genau die erläuterte Heimatforscher Dieter Arzberger bei einem Vortrag im Ausstellungsraum des Rosenthal-Outlets über das berühmt-berüchtigte Haus an der Grenze.

Die Porzellanfigur "Koreanischer Tanz" hat Ferdinand Liebermann 1919 in der Rosenthal-Kunstabteilung entworfen. Die Tänzerin ist Anita Berber. 1920 goss Liebermann die Figur der Berber als Pierette in Porzellan. Berber gilt als erste deutsche Nackttänzerin und Stummfilmstar. Ihre Filme waren zu sehen im "Edion", einem mysteriösen, jetzt verwilderten Bau bei Wildenau an der Grenze zu Tschechien. Heimatforscher Dieter Arzberger hat die Geschichte des Haus und die schillernde Figur des Edi Müller untersucht; Fotografien von Robert Mück dokumentieren die Räume in ihrem derzeitigen Zustand. War Eduard Müller ein Hochstapler oder ein Geldwäscher? Zumindest war er eine zwielichtige Gestalt. In den Jahren, als die Einwohnerzahl der Stadt Selb von 3500 auf 13 500 stieg, als in 25 Jahren 21 Porzellanfabriken gebaut wurden, in Asch die Textilindustrie und in Klingenthal der Musikinstrumentebau boomte, musste neue Infrastruktur her.

Eduard Müller war Kaufmann. Sein Anliegen war es, ein Kaufhaus zu gründen. Großflächig und ganzseitig warb er mit einem "Handels- und Importkaufhaus", mit Läden in Bayern, Böhmen und Sachsen und Lagern in den Weltmetropolen. Müller veröffentlichte 15 Jahre lang einen Versandkatalog, allerdings ohne Preise und ohne Adresse. "Edi Müller hatte nicht einmal einen Briefkasten", erklärte Arzberger.

Tatsächlich eröffnete der findige Kaufmann eine Drogerie in Klingenthal und warb mit diätischen, chemischen, technischen, pharmazeutischen und kosmetischen Produkten erst in einer eigenen Zeitung, dann in großen Blättern und Fachmagazinen. Als 1887 die Kirche in Bad Elster abgerissen und der Bauschutt verkauft wurde, erstand Müller die Kirchentür. "Geld hatte er", stellte Arzberger fest. Die Tür wurde zum Eingang ins "Edion", einem dreistöckigen Multifunktionshaus mit Drogerie, Gaststube, Küche, Hinterzimmer für Glücksspieler, "Kaiserpanorama" und Festsaal. Schablonenmalerei und Stuckrosetten erinnern an die Zeit des Jugendstils. "Es gab noch keinen Strom", schilderte Arzberger. Das Etablissement wurde mit großen Öllampen beleuchtet und von einem Salonorchester bespielt, allesamt Arbeiter und Hobbymusiker. "Da gingen ganz normale Leute zum Tanzen hin." Den Biergarten, damals mit Pfauen und Äffchen eine Sensation, besuchten Familien. Das Bordell im dritten Stock besuchten Herren, während die Kutscher die Pferde versorgten. In den Kabinennummern im "Kaiserpanorama" wechselten erotische Bilder im Minutentakt. Die Dia-Serien zeigten lebensgroße, dreidimensionale und von Hand kolorierte Gemälde. Das Guckloch Nr. 8 blieb erhalten, wie auf Fotos zu sehen ist.

Müller nutzte das bewährte Werbekonzept und setzte die Damen mit Drogerieartikeln wie Hühneraugenpflaster und den Varieté-Terminen auf das Plakat. "Die Insider wussten Bescheid, wenn Alma, Utta, Mizzy und Tessy auf den Plakaten zu sehen waren", sagte Arzberger. Müller starb 1937.

Frank Kaiser, bei Rosenthal für die Outlets verantwortlich, dankte für die Ausstellung, die bis zum 4. Mai während der Öffnungszeiten zu sehen ist. Zweite Bürgermeisterin Dorothea Schmid trug als gebürtige Erkersreutherin eine Anekdote bei. Als Siebenjährige konnte sie mit ihrem Vater, damals Bürgermeister in Erkersreuth, das "Edion" besichtigen. "Als Mädchen dachte ich, ein Puff, das ist ein rotes Plüschsofa und eine Frau in Kittelschürze", lachte Schmid. Architekt Ralf Burger sagte, die Bausubstanz sei in großen Teilen sanierungstauglich und die Fassade unbedingt erhaltungswürdig.

Autor

Silke Meier
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
17:24 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bau Drogerien Eduard Müller Fachzeitschriften Gebäude Heimatforscher Hochstaplerinnen und Hochstapler Tänzerinnen Warenhäuser Wirtschaftsbranche Bekleidung und Textilien Wirtschaftsbranche Drogeriewaren
Selb
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Es muss nicht gleich Samt sein. Aber Handschuhe trägt Stadtheimatpfleger Dieter Arzberger schon, wenn er mit den ältesten Dokumenten der Stadt umgeht. Foto: Wolfgang Neidhardt

31.10.2018

Von der Unterwelt bis zum Strip-Lokal

Heimatforschung kann sehr unterhaltsam sein. Das weiß Dieter Arzberger, der für die Stadt Selb seit 40 Jahren in der Geschichte gräbt. » mehr

Bis zum Umbau des leer stehenden Kaufhauses Storg in der Selber Innenstadt wird es nach Aussage von Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch noch eine Weile dauern. Foto: Florian Miedl

06.11.2018

Selb: Der Storg muss noch warten

Wann das leer stehende Kaufhauses umgebaut wird, steht in den Sternen. Oberbürgermeister Pötzsch will die Verkaufsflächen erhalten und setzt auf eine Gesamtplanung. » mehr

Der neugewählte Vorstand der Selber CSU mit Vorsitzendem Matthias Müller (Mitte), Landtagsabgeordnetem Martin Schöffel (Vierter von links) und dem Landratskandidaten Peter Berek (Vierter von rechts).

24.02.2019

CSU diskutiert Plan B für Storg

Die Selber Christsozialen nehmen die Entwicklung der Innenstadt ins Visier. Der Ortsverband fordert einen Alternativplan für das ehemalige Kaufhaus. » mehr

In der Selber Hartmannstraße laufen die Arbeiten an einer neuen Erschließungsspange.	Foto: Florian Miedl

11.04.2019

Stadt beginnt mit Bebauung der Hartmannstraße

Die Stadt Selb erschließt derzeit ein "Filetstück für Wohnraumbebauung". » mehr

Rainer König mit dem sechsten Fall von Král, "Totensteine", den er mit seiner Tochter Birgit geschrieben hat, bei der Vorstellung im JAM. Foto: Uwe von Dorn

21.11.2018

Rainer König liest Jan Král

Im Jugend- und Kultur- zentrum Jam stellt der Selber Krimiautor sein jüngstes Werk vor. Und er gibt auch schon einen Ausblick auf die Zukunft. » mehr

Die Stärkung der Selber Innenstadt war eines der Themen in der letzten Stadtratssitzung des Jahres 2018. Foto: Florian Miedl

26.12.2018

Ideen für Zentrum und Selbbach

Mit drei Untersuchungen für die Entwicklung der Stadt beschäftigt sich der Selber Stadtrat. Nicht alle Vorträge stoßen auf Gegenliebe. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Eierwalchen in Naila Naila

Eierwalchen in Naila | 20.04.2019 Naila
» 21 Bilder ansehen

Renovierungsparty Teestumm Rehau

Renovierungsparty Teestumm Rehau | 20.04.2019 Rehau
» 17 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof – TSV Großbardorf 0:1 (0:1) Hof

SpVgg Bayern Hof – TSV Großbardorf 0:1 (0:1) | 20.04.2019 Hof
» 5 Bilder ansehen

Autor

Silke Meier

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
17:24 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".