Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom Wochenende30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Selb

Grenzmuseum gedenkt Mauerfall

Für viele DDR-Ausreisende ist Schirnding am 9. November 1989 die erste Station im Westen. Daran erinnern Schautafeln und Zeitzeugen.



Großes Interesse: Viele Besucher machten deutlich, dass die Geschehnisse der Grenzöffnung auch noch heute relevant sind. Foto: Matthias Kuhn
Großes Interesse: Viele Besucher machten deutlich, dass die Geschehnisse der Grenzöffnung auch noch heute relevant sind. Foto: Matthias Kuhn  

Schirnding - Vor 30 Jahren haben sich die Grenzen in Europa geöffnet. Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, und die Wiedervereinigung Deutschlands wurde möglich. Doch es war nicht nur ein einziges Ereignis, das diese Revolution in ihrer friedlichen Form ausmachte. In Schirnding war es Anfang November, vom 4. bis zum 11., eine Woche, die einen Ausnahmezustand bedeutete. Grund genug, nach 30 Jahren an die aufregenden Tage zu erinnern.

Dazu hatte das Grenzmuseum Schautafeln für eine Ausstellung erstellt, die die Zusammenarbeit der Hillfsorganisationen und die allgemeine Hilfsbereitschaft zusammen mit den Ereignissen dieser Tage darstellen. Wolfgang Brauner, ehrenamtlicher Museumsleiter des Bayerischen Grenzmuseums Schirnding, war damals Zollbeamter beim Zollamt Schirnding-Landstraße. Er begrüßte die zahlreichen Gäste, die für ein volles Künstlerhaus sorgten. Gerald Schade, stellvertretender Landrat, und Bürgermeisterin Karin Fleischer schilderten, was sie damals
erlebten.

Wolfgang Brauner berichtete, dass er damals um sechs Uhr seine Schicht begann und dabei erfuhr, dass die CSSR die Grenze seit 2.30 Uhr geöffnet hatte und mit einer größeren Welle von DDR-Flüchtlingen zu rechnen sei.

Über das Radio hatten viele der Ausreisewilligen von dieser Möglichkeit gehört. An diesem ersten Tag seien viele ohne Vorbereitung bei Nacht und Nebel mit Kind und Kegel ins Auto gestiegen und häufig über Schönberg und Oberwiesenthal in Sachsen in die CSSR und dann weiter nach Schirnding gefahren. Am Grenzübergang erhielten die Übersiedler eine Einreisebescheinigung und wurden an die Erstaufnahme in Nürnberg-Zirndorf ins Aussiedlerheim weitergeleitet. Für die Erstversorgung hatte das Bayerische Rote Kreuz beim Zollamt eilig ein Zelt aufgestellt.

Reiner Wohlrab organisierte damals dessen Arbeit. Er war als einer der Zeitzeugen in das Museum gekommen, um an die Ereignisse zu erinnern. Für die Bahn war Günter Völkl gekommen, um seine Erinnerungen zu teilen. Aus Schirnding berichtete Sieglinde Geisler von den Geschehnissen. Joachim Baschwitz war damals bei der Grenzpolizei. Für die Feuerwehren in Hohenberg und Schirnding schilderten Gerhard und Holger Lüftner, was sie bei den Fahrdiensten und Versorgungsfahrten erlebt hatten. Das Technische Hilfswerk (THW) aus Marktredwitz war auch aktiv, wie Roland Folda und Hans Zölch berichteten. Reinhold Balk vom Bundesgrenzschutz (BGS) leitete damals die Erstaufnahme in Weiden. Margot Bausch aus Arzberg vom Sozialdienst hatte in den Tagen Dienst in der Kleiderkammer und kam mit 82 Jahren als wohl älteste Zeitzeugin ins Künstlerhaus.

Beeindruckend war der abschließende Bericht von Alexa Dreesmann. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch, Haft im Stasi-Gefängnis und Tagen des Psychoterrors feierte sie am 8. November ihren 31. Geburtstag. Nach einem weiteren Fluchtversuch über Cheb und Schirnding, Bad Hersfeld und Iserlohn erfuhr sie am Folgetag dann, dass die Mauer gefallen ist. Bis zum letzten Tag rechneten die DDR-Übersiedler und Flüchtlinge damit, dass die Grenze wieder dicht gemacht wird. Heute lebt Alexa Dreesmann in ihrer alten Heimat Altenburg.

Die Schilderungen der Zeitzeugen waren sehr berührend und ließen die Ereignisse noch einmal lebendig werden: Ob der Sachse, der überraschend erfuhr, dass er in Schirnding gelandet ist und sich erkundigte, wie er wieder nach Hause kommt, oder die zahlreichen Lebensmittel, die damals für rund 300 000 Mark gekauft wurden. Von den ersten beiden Trabbis, die sich nachts um halb drei ein Rennen um den Platz an der Grenze lieferten bis hin zu den Staus von 15 Kilometern Länge und den Menschen, die teilweise bis zu 24 Stunden Fahrt auf sich genommen hatten, bis an den Grenzübergang Pomezi - die Zeitzeugen berichteten von den dankbaren Familien mit Babys für die Möglichkeit, nach mehreren Stunden in Angst und ohne Versorgung etwas zu essen und zu trinken zu bekommen.

Die Einreise erfolgte häufig mit einem Transitvisum, das zum einmaligen Durchfahren der CSSR berechtigte. So kam es, dass diejenigen, die erst einmal etwas zu trinken oder zu essen holen wollten, nicht mehr zu ihrem Fahrzeug und zu ihrem Hab und Gut zurückkehren konnten und mit der Fahrbereitschaft in die Erstaufnahmeeinrichtungen weitergeleitet wurden.

Die fünf bereitgestellten Lokomotiven am Grenzübergang bildeten eine direkte Verbindung zu den Ereignissen in der Prager Botschaft. Reiner Schweigert blickte nach rund drei Stunden packenden Berichten auf eine gelungene Veranstaltung. Immerhin waren damals in sieben Tagen rund 76 000 Grenzübertritte am Bahnübergang und beim Zollamt Schirnding-Land zu vermelden. Das große Interesse zeige, dass die Geschehnisse die Menschen auch heute noch bewegen.

Wer noch einmal in die Ereignisse der friedlichen Revolution von 1989 eintauchen will, hat im November, sonntags von 14 bis 16 Uhr, noch Gelegenheit, die Schautafeln im Bayerischen Grenzmuseum in Schirnding zu betrachten.

Autor

Matthias Kuhn
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
18:08 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Berliner Mauer Fahrzeuge und Verkehrsmittel Feuerwehren Grenzpolizei Landräte Mauerfall Museumsleiter Rotes Kreuz Stellvertretende Landrätinnen und Landräte Technisches Hilfswerk Zollbeamte Zollämter
Schirnding
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
In Selb haben die Bürger das Wort. Einen richtigen Aufreger gab es bei der gut besuchten Versammlung in der Jahnturnhalle nicht. Fotos: Florian Miedl.

17.10.2019

Alle Zeichen stehen auf "Bau"

Gut besucht ist die Selber Bürgerversammlung. Ein Hauptthema ist die "Neue Mitte". Doch keine Veranstaltung, in der nicht auch die Polizei aufs Tapet kommt. » mehr

Die Schülerinnen und Schüler der Luitpold-Grundschule mit ihren Lehrern und (hintere Reihe von rechts) Schulleiterin Christa Liebner, den Betreuerinnen und Betreuern vom Porzellanikon sowie Initiator Udo Benker-Wienands (Vierter von rechts), der stellvertretenden Landrätin Johanne Arzberger, der zweiten Bürgermeisterin Dorothea Schmid, Rosenthal-Betriebsleiter Joachim Reuer sowie Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch (links). Foto: Silke Meier

15.11.2019

Porzellanschmuck für Baum in Weimar

Die Anhänger für den Weihnachtsbaum vor dem neuen Bauhausmuseum sind ganz im Zeichen des Jubiläums gestaltet. Selber Grundschüler haben daran mitgearbeitet. » mehr

Bei der Amtseinführung in der Mittelschule Selb (von links): Kerstin Janke, Schulleiterin der Realschule Selb, Tabea-Stephanie Amtmann, Schulleiterin des Walter-Gropius-Gymnasiums Selb, Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch, Personalratsvorsitzende Birgit Dick, Konrektorin Manuela Rahm, Rektor Carsten Kunstmann, Landtagsabgeordneter Martin Schöffel, Dekan Dr. Volker Pröbstl, Schulamtsdirektor Günter Tauber, Schulrat German Gleißner, Landtagsabgeordnete Inge Aures und Dekan Hans Klier. Foto: Silke Meier

20.10.2019

Neue Spitze an Bogner-Mittelschule

Carsten Kunstmann ist jetzt Leiter der Schule. Ihm steht Manuela Rahm zur Seite. Die Amtseinführung begleitet eine Band ohne Namen. » mehr

Christof Präg vom Staatlichen Bauamt (links) übergab den symbolischen Schlüssel für die neue Selber Polizeiwache in der Försterstraße an (von links) Innenminister Joachim Herrmann, Oberfrankens Polizeipräsidenten Alfons Schieder und den Marktredwitzer Inspektionsleiter Robert Roth. Fotos: Rainer Maier

11.10.2019

Freistaat investiert 1,3 Millionen in neue Wache

Bei der Einweihung der neuen Polizeiwache tritt Innenminister Herrmann Behauptungen entgegen, die Kriminalität in der Stadt sei gestiegen. Das Gegenteil sei der Fall. » mehr

Crystal Meth

25.06.2019

Polizeikontrolle: Gasdruckwaffe im Fahrzeug und Crystal im BH

Als die Schleierfahnder der Grenzpolizei Selb ein Pärchen kontrollieren, fallen ihnen zahlreiche Verstöße auf. Weiterfahren durften die beiden nicht. » mehr

Am Samstagabend sind wieder die Musiker der Egertaler Blaskapelle auf dem Marktplatz in Selb zu hören. Archivfoto: Silke Meier

23.05.2019

Volles Programm zum 35. Bürgerfest

Am Samstag sorgen Vereine, Organisationen und Verbände für Spiel, Spaß und Unterhaltung. Das Fest dauert von 8 Uhr bis in die tiefe Nacht. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Die Turbine leuchtet in Kulmbach Kulmbach

Kulmbacher Turbinenhaus | 16.11.2019 Kulmbach
» 17 Bilder ansehen

Susis Blaulichtparty Weißenstadt

Susis Blaulichtparty | 16.11.2019 Weißenstadt
» 47 Bilder ansehen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 Garmisch-Partenkirchen

SC Riessersee - Selber Wölfe 4:1 | 17.11.2019 Garmisch-Partenkirchen
» 29 Bilder ansehen

Autor

Matthias Kuhn

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
18:08 Uhr



^