Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019VER Selb

Selb

Helfer entsetzt: Abschiebung mitten in der Nacht

Die Helfer vom Verein Zuflucht in Selb sind entsetzt: Eine Familie aus Aserbaidschan wird von der Polizei um 2 Uhr aus ihrer Unterkunft geholt.



Beim Weihnachtsfest 2017 in Selb-Erkersreuth hoffte die aserbaidschanische Familie noch auf eine Zukunft in Deutschland: Matanat Mammadova, Said Jamalov und ihre Kinder (von links) Nur, Ayan und Mert. Es fehlt der große Sohn Elchin Asadzada.	Foto: pr.
Beim Weihnachtsfest 2017 in Selb-Erkersreuth hoffte die aserbaidschanische Familie noch auf eine Zukunft in Deutschland: Matanat Mammadova, Said Jamalov und ihre Kinder (von links) Nur, Ayan und Mert. Es fehlt der große Sohn Elchin Asadzada. Foto: pr.   » zu den Bildern

Selb-Erkersreuth - Als sich die Verantwortlichen des Flüchtlingshilfsvereins Zuflucht in Selb am Freitagmittag in der Gemeinschaftsunterkunft in der Erkersreuther Raithenbachstraße treffen, sitzen ihre Schützlinge vermutlich bereits in einem Flugzeug nach Baku. Gut zehn Stunden ist es da erst her, dass Beamte der Polizeiinspektion Marktredwitz in dem Gebäude die Tür zur Wohnung der aserbaidschanischen Familie aufgebrochen hatten. Eine halbe Stunde später, nachdem Said Jamalov, seine Frau Matanat Mammadova und die vier Kinder das Notdürftigste zusammengepackt hatten, wurden sie in bereitstehende Polizei-Kleinbusse gesetzt und zum Flughafen nach München gefahren.

Die Helfer haben keinen Kontakt mehr zu den Aserbaidschanern. "Ist doch klar", sagt Zuflucht-in-Selb-Vorsitzender Dieter Baumgärtel, "als erstes werden denen die Handys abgenommen." Er und seine Mitstreiter sind in großer Sorge: Wie geht es der Familie? Was wird mit ihnen in der Heimat geschehen? Wer wird sich um sie kümmern?

Vereinsbeirat Udo Benker-Wienands vermutet: "Said Jamalov wird in Baku am Flughafen genau den Leuten ausgehändigt, vor denen er geflohen ist." Der aserbaidschanische Polizist, der am Dienstag 33 wird, hatte sich gegen das korrupte System seiner Behörde aufgelehnt und sich mit seinen Vorgesetzten angelegt. Er hatte, wie es die Helfer übereinstimmend erzählen, deswegen seine Stelle verloren, musste als Baggerfahrer in einer Kiesgrube jobben und entschloss sich schließlich, nach Westeuropa zu fliehen. Seine Frau, die 39-jährige Krankenschwester Matanat Mammadova, fuhr mit Sohn Elchin Asadzada und Tochter Ayan Asadzada voraus, kam 2011 zunächst in Frankreich unter.

2014 folgte Jamalov, die Familie kam im mittelfränkischen Zirndorf wieder zusammen, wurde am 16. April 2014 in die damals neu eröffnete Unterkunft nach Selb verlegt. Hier kamen 2014 und 2017 zwei weitere Kinder zur Welt: Nur und Mert.

Die Helfer hatten die Familie ins Herz geschlossen. Jetzt sind sie bestürzt über die plötzliche Abschiebung mitten in der Nacht. "Die Asylanträge waren abgelehnt, ja. Aber die Familie hatte eine Aufenthaltsgestattung. Und sie hoffte auf einen Bescheid zur Duldung", sagt Hella Völker, zweite Vorsitzende. Ganz sicher seien Said Jamalov, seine Frau und seine Kinder keine Gefährder oder gar verurteilte Straftäter. Im Gegenteil: Die Aserbaidschaner seien sehr integrationswillig gewesen.

"Said wollte immer arbeiten, um seine Familie selbst zu ernähren. Er hatte sogar schon einen Ausbildungsvertrag bei einem Textilbetrieb in Selb", sagt Schriftführerin Irene Pohl. "Aber die Zentrale Ausländerbehörde in Bayreuth hat ihm die Erlaubnis verweigert." Das habe den Familienvater sehr frustriert.

Jamalov, der anfangs kein Wort Deutsch sprach, lernte die Sprache schnell. "Man hat bei ihm einen ganz starken Integrationswillen gespürt", sagt Dieter Baumgärtel. Und er habe auch seine Kinder angehalten, fleißig zu lernen. Der Verein Zuflucht in Selb unterstützte sie: "Wir haben alles getan, um den Kindern all das zu ermöglichen, was deutsche Eltern ihren Kindern auch bieten", sagt Baumgärtel.

Der heute 17-jährige Elchin Asadzada war laut Udo Benker-Wienands intelligent und sehr ehrgeizig, machte 2017 seinen qualifizierenden Schulabschluss als Bester in seiner Gruppe und war nun auf dem Weg zur Mittleren Reife. Der junge Mann, allseits beliebter Fußballer bei der Spielvereinigung Selb, spricht neben seiner Muttersprache Aserbaidschanisch auch fließend Türkisch, Französisch und Deutsch. "So ein Junge ist doch eine Wunschvorstellung für unsere Wirtschaft", sagt Benker-Wienands.

Die zehnjährige Ayan Asadzada, die ebenfalls perfekt Deutsch spricht, stand vor dem Übertritt an die Realschule. "Dieses hoch talentierte Mädchen ist mir total ans Herz gewachsen", sagt Günter Bruer, Vorstandsmitglied und schulischer Betreuer der jungen Aserbaidschanerin, die Flöte spielte und Klavierstunden nahm. "Sie war im musischen Leben der Stadt gut integriert", fügt Irene Pohl hinzu.

Die Kinder hätten an den Freizeiten der evangelischen Jugend teilgenommen, seien nach einem Schwimmkurs bei der Wasserwacht Mitglied geblieben. "Die ganze Familie war auf dem besten Weg, sich toll in Deutschland zu integrieren", sagt Hella Völker. "Die hätten das geschafft." Und Udo Benker-Wienands ergänzt: "Diese Kinder wären für unser Land eine gute Perspektive gewesen."

Natürlich, sagt Dieter Baumgärtel, wisse man im Verein, dass man mit derartigen Aktionen rechnen müsse, zumal diese Menschen ja nicht als Asylanten anerkannt waren. Aber die Art und Weise, wie sie ohne Vorwarnung mitten in der Nacht von der Polizei abgeholt worden seien, das schockiere ihn schon. "Diese Leute sind uns über vier Jahre ans Herz gewachsen. Und dann werden sie abgeschoben und man kann sich nicht einmal von ihnen verabschieden." Sauer ist Baumgärtel vor allem auf die Zentrale Ausländerbehörde an der Regierung von Oberfranken: "Die ZAB verbaut den Leuten alle Möglichkeiten. Die Menschen werden kaputt gemacht."

Als noch die Ausländerbehörde am Wunsiedler Landratsamt zuständig gewesen sei, sei es viel menschlicher zugegangen und man habe jeden Fall individuell betrachtet.

Jakob Daubner, der Pressesprecher der Regierung von Oberfranken, stellt auf Anfrage die Lage dar, wie sie die ZAB einschätzt: "Die Asylanträge der aserbaidschanische Familie wurden abgelehnt. Den dagegen eingelegten Rechtsmitteln gaben die zuständigen Gericht nicht statt: Zuletzt wurden die Asylanträge durch Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshof vom 10. Januar 2018 endgültig abgelehnt." Somit seien die betroffenen Personen ausreisepflichtig gewesen.

Das gelte auch für den ältesten Sohn der Familie, denn er sei noch nicht vier Jahre ununterbrochen und geduldet in Deutschland gewesen. Andernfalls hätte das gemäß Paragraf 25a des Aufenthaltsgesetzes eine Voraussetzung für eine Aufenthaltserlaubnis sein können. Daubner weiter: "Der Aufforderung zur freiwilligen Ausreise ist die Familie innerhalb der ihnen gesetzten Frist nicht nachgekommen, weshalb die Abschiebung vorgenommen wurde." Die Maßnahme sei ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. "Wegen der Zuführung zum Flughafen und des vorgegebenen Zeitpunkts des Flugzeugstarts musste mit der Abschiebung zu Nachtzeiten begonnen werden."

Der Sorge, dass die Familie nun für die Selber Helfer nicht mehr zu erreichen sei, entgegnet der Sprecher der Bezirksregierung: "Eventuell vorhandene Mobiltelefone der Familie befinden sich in deren Gepäck. Nach der Landung werden sie also wieder erreichbar sein."

Autor

Rainer Maier
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 03. 2018
17:26 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abschiebungen Asylanträge Asylbewerber Aufenthaltserlaubnis Ausländerbehörden Ausreisepflicht Deutsche Sprache Evangelische Kirche Flughäfen Herz Klavierstunde Polizei Polizeiinspektion Marktredwitz Wasserwacht
Erkersreuth
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Matanat Mammadova, Said Jamalov und ihre Kinder (von links) Nur, Ayan und Mert beim Weihnachtsfest 2017 in Selb-Erkersreuth. Anfang März wurde die aserbaidschanische Familie abgeschoben, nun ist sie wieder in Deutschland angekommen. Auf unserem Archivbild fehlt der große Sohn Elchin Asadzada. Foto: pr

24.08.2018

Hoffen und Bangen in der Transitzone

Die aserbaidschanische Familie, die am 2. März mitten in der Nacht aus Selb abgeschoben wurde, ist wieder in Deutschland. Jetzt sitzen die sechs in Frankfurt - und hoffen. » mehr

Hella Völker (von links), Dieter Baumgärtel und Irene Pohl gehören vom ersten Tag an zum Verein "Zuflucht in Selb". Sie betreuen in der Erkersreuther Gemeinschaftsunterkunft Menschen in Not.	Foto: Pohl

20.05.2019

Der Kampf gegen Windmühlen

Seit fünf Jahren gibt es den Verein "Zuflucht in Selb", der Geflüchteten unter die Arme greift. Die Helfer ringen mit bürokratischen Hürden. Das zehrt. » mehr

Der Vorstand des Vereins "Zukunft in Selb": (von links) Beisitzer Günter Bruer, Schriftführerin Irene Pohl, stellvertretende Vorsitzende Hella Völker, Vorsitzender Dieter Baumgärtel, Kassenrevisor Gerhard Völker, Kassier Dieter Rogler, Revisor Horst Schlegel, Beisitzer Udo Benker-Wienands und Franz Schneider vom Fahrdienst. Foto: Uwe von Dorn

25.09.2017

Für Asylbewerber ist immer jemand da

Der Verein "Zukunft in Selb" hat wieder vielen Fremden Wege geebnet. Diese gingen zur Schule, lernten Deutsch und absolvierten Praktika. Einer hat einen festen Job. » mehr

Ein Polizeiauto

19.10.2019

A 93: Autofahrerin flüchtet unter Drogen vor der Polizei

Eine 39-jährige Autofahrerin ist auf der A 93 bei Tirschenreuth vor der Polizei geflüchtet. Weil die Fahrerin zuvor Drogen konsumiert hatte und auch keinen Führerschein besitzt, wollte sie der Kontrolle entkommen. » mehr

Facebook-Auftritt einer Bürgerwehr: Die Polizei sieht solcherart Konkurrenz mit großem Unbehagen. Symbolbild: dpa

30.09.2019

Kreisvorsitzender kritisiert Polizei scharf

Tim Krippner vom Verband Wohneigentum ist mit der Sicherheitslage unzufrieden. Nach seinen Worten will sich in einem Ortsteil sogar eine Bürgerwehr gründen. » mehr

Günstig und vor allem sicher nach Hause, etwa nach dem Wiesenfest: Das ist Sinn und Zweck des Jugendtaxis, das seit Januar in Selb fährt.

14.07.2019

Selber Wiesenfest: Polizei hat viel zu tun

Gleich mehrmals musste die Polizei Marktredwitz am Wochenende wegen ausfälliger Besucher des Selber Wiesenfestes anrücken. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Eröffnung des Digitalen Gründungszentrums Hof

Gründerzentrum "Einstein 1" wird eingeweiht | 14.11.2019 Hof
» 30 Bilder ansehen

Wunsiedel

20. Wunsiedler Kneipennacht | 09.11.2019 Wunsiedel
» 98 Bilder ansehen

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau | 09.11.2019 Selb
» 5 Bilder ansehen

Autor

Rainer Maier

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 03. 2018
17:26 Uhr



^