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Selb

Kitas suchen männliche Profis

Der Beruf Erzieher ist noch eine Frauendomäne. Im Selber AWO-Kindergarten arbeiten derzeit gleich drei Männer, womit die Quote bei 50 Prozent liegt. Das ist die absolute Ausnahme.



Kinderpfleger Martin Huscher (von links), Erzieher Vincent Klostermeier und Praktikant Philipp Hanke arbeiten in der Kita der Selber AWO. Foto: Florian Miedl
Kinderpfleger Martin Huscher (von links), Erzieher Vincent Klostermeier und Praktikant Philipp Hanke arbeiten in der Kita der Selber AWO. Foto: Florian Miedl  

Selb - Vincent Klostermeier und Martin Huscher gehören zu einer seltenen Gruppe: Sie arbeiten als pädagogische Fachkräfte in einer Kita. Zurzeit sogar als Trio, denn Philipp Hanke absolviert im Selber Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auf der Kappel an der Seite seiner Kollegen ein Praktikum. Das macht die AWO-Einrichtung zum Exoten, denn angesichts dreier Kolleginnen liegt die Männerquote derzeit bei satten 50 Prozent - eine Seltenheit.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in einer 2015 veröffentlichten Studie festgestellt, dass nur 2,4 Prozent der pädagogischen Fachkräfte in Kitas Männer sind. Die Zahl lässt sich auch in Selb nachvollziehen, wo die meisten Betreuungseinrichtungen für Kinder kirchliche Träger haben. Regina Kastner, Geschäftsführerin des "Zweckverbands Geschäftsführung evangelische Kindertagesstätten im Dekanatsbezirk Selb" (ZweGeK) hat die Zahlen für Selb ausgewertet.

"In unseren Kindertagesstätten, also von Krippe über Kindergarten bis Hort, arbeiten aktuell 37 pädagogische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon sind drei Männer. Zwei dieser Männer arbeiten ausschließlich im Schulkinder- und Hortbereich, der dritte Mitarbeiter ist nur für drei Monate als Vertretung im Kindergarten." Ein bisschen anders sieht es in der Heilpädagogischen Tagesstätte am Dekan-Schindler-Haus aus, die eine Einrichtung der Jugendhilfe ist. Da sind es drei Frauen und zwei Männer. "Im Bereich Jugendhilfe sind Männer als Erzieher oft stärker vertreten."

Im Schülercafé Oase arbeiten sieben Frauen und vier Männer, die Betreuung der Luitpoldgrundschüler übernehmen zwei Frauen "und stundenweise ein Mann", bilanziert Regina Kastner. "In unseren anderen vier Einrichtungen im Dekanatsbezirk Selb arbeitet leider kein Mann. Wir haben aktuell sieben Stellen ausgeschrieben und würden uns sehr über männliche Bewerber freuen." So ähnlich ging es auch Ursula Richter, der Leiterin der AWO-Kita. "Wir haben ein Jahr gesucht, ehe wir Herrn Klostermeier im September angestellt haben." Männlich ganz mau sieht es in den katholischen Kindergärten in Selb aus: Weder im Christophorus-, noch im Sankt-Michael- und dem Herz-Jesu-Kindergarten arbeiten Erzieher.

Warum der Beruf bei Männern unbeliebt ist, hat das Bundesfamilienministerium untersucht. Unter anderem wirkt der Lohn abschreckend, das Einstiegsgehalt für Erzieher liegt zwischen 1700 und 2300 Euro - brutto. "Mein Bruder ist Informatiker", berichtet Erzieher Vincent Klostermeier, "und er verdient locker das Doppelte oder Dreifache, ohne Verantwortung für Menschen zu übernehmen." Und die ist enorm, weiß Kinderpfleger Martin Huscher. "Für das, was wir leisten, ist das Gehalt zu niedrig." Acht Kinder unter drei Jahren betreuen er und seine Kollegen, elf zwischen drei und sechs Jahren. Die Aufstiegschancen bewertet der Kinderpfleger als eher schwierig: "Ich würde gerne Erzieher lernen, aber ohne mittlere Reife steht mir trotz der zweijährigen Ausbildung zum Kinderpfleger der Weg nicht offen." Anders sei das etwa beim Altenpflegehelfer, der sich im Anschluss durchaus zum Altenpfleger fortbilden könne.

Auch das gesellschaftliche Ansehen könnte besser sein. "Manche denken schon, dass ich nur Kaffee trinke und ein bisschen spiele", fasst Vincent Klostermeier die Vorurteile zusammen. Seine Kollegen, die mit ihm in München die dreijährige Ausbildung zum Erzieher begonnen haben, hätten im Anschluss allesamt die Uni besucht, um Sozialpädagogen zu werden - da ist neben der Bezahlung auch das Ansehen besser.

Wobei Martin Huscher eher von positiven Reaktionen berichtet: "Wer von meinem Beruf hört, ist höchstens überrascht." Die Kinder jedenfalls freuen sich über ihre Erzieher ebenso, wie über ihre Erzieherinnen. "Die Kinder nehmen uns oft besser an als die Eltern", sagt Vincent Klostermeier. Dass die Kinder "ihre" Männer mögen, hat auch Ursula Richter so erlebt, die froh ist, dass die drei Herren das Team verstärken. Froh ist auch AWO-Ortsvereinsvorsitzender Rainer Pohl: "Frauen und Männer gehen unterschiedlich an Problemlösungen heran." Durch den Geschlechtermix habe sich ein gutes Arbeitsklima ergeben.

Bereut haben Vincent Klostermeier und Martin Huscher ihre Berufswahl nie. Und auch Praktikant Philipp Hanke lässt sich von den Aussichten nicht abschrecken - im September beginnt er die Ausbildung zum Kinderpfleger. "Es ist ein schöner Beruf", findet Martin Huscher, "man bekommt von den Kindern unheimlich viel zurück." Und Vincent Klostermeier beschreibt es so: "Ich habe jeden Tag abwechslungsreich viel zu tun und gehe immer mit einem Lächeln heim."

Männer scheuen den Beruf noch immer

Zwischen 1998 und 2016 ist das Personal in Kitas um 72 Prozent auf 570 663 Fachkräfte gestiegen. Das sind die Zahlen der Koordinationsstelle "Männer in Kitas" des Bundesfamilienministeriums. Demnach waren im Jahr 2015 insgesamt 24 972 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Freiwilligendienstler und ABM-Kräfte in Kindertageseinrichtungen beschäftigt - reine Schulhorte ausgenommen.

Eine Studie des Bundesfamilienministeriums ergab drei wesentliche Gründe für den geringen Anteil an männlichen Pädagogen in Kitas: Fehlende Aufstiegsmöglichkeiten; geringes soziales Prestige bei hoher Arbeitsbelastung; schlechte Entlohnung im Vergleich zur verantwortungsvollen Tätigkeit.

Aber: Die Zahl der akademisch Qualifizierten in der Erziehung hat sich von 1998 bis 2016 mehr als verdreifacht. Die Akademisierung der Ausbildung könnte zumindest die Schwierigkeiten in Sachen Vergütung und Ansehen schmälern.

Autor

Tamara Pohl
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
16. 01. 2017
22:14 Uhr

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Tamara Pohl

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16. 01. 2017
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