Topthemen: Fall Peggy KnoblochHofer Kaufhof wird HotelGerchRegionale Videos: Pittroff-Villa, Tiny House

Selb

Kleine Welt zwischen großen Mächten

Rudolf Rogler erinnert bei den Naturfreunden an seine Vorfahren: Sein Vater wurde von heute auf morgen gegen seinen Willen Tscheche.



Rudolf Rogler erläuterte den Zuhörern bei den Naturfreunden Selb die Geschichte seiner Vorfahren. Foto: Wolfgang Neidhardt
Rudolf Rogler erläuterte den Zuhörern bei den Naturfreunden Selb die Geschichte seiner Vorfahren. Foto: Wolfgang Neidhardt  

Selb - Gestern noch Deutscher, heute schon Tscheche - und das gegen des Menschen Willen. Was heute undenkbar erscheint, war vor 100 Jahren Alltag, zumindest in unserem ganz speziellen Fleckchen Erde. Denn hier, an der Grenze zwischen Bayern und Böhmen, lag eine kleine Welt zwischen großen Mächten und später auch Machtblöcken. "Wie Opa Wagner vor 100 Jahren Tscheche wurde", hat Rudolf Rogler seinen Vortrag genannt. Dabei erläuterte er als Gast der Selber Naturfreunde, wie seine Vorfahren die Gründung des ersten tschechischen Staates erlebten.

Das Ascher Ländchen

Es war lange Zeit ein weitgehend geschlossenes Gebiet: das Ascher Ländchen in dem Zipfel Tschechiens, der nach Sachsen und Bayern hineinragt. Die Südgrenze liegt nördlich von Haslau/Hazlov. Entwickelt hat sich das Ascher Ländchen aus dem Egerland. Als Lehensgebiet war es von Steuern befreit. Nach der Vertreibung war die Region deutlich dünner besiedelt als vorher. Viele Dörfer existieren nicht mehr, da die Region unattraktiv für tschechische Zuwanderer war. Quelle: Wikipedia


Der Referent hat zwar als Lehrer in Berlin seine zweite Heimat gefunden, kehrt aber regelmäßig in seine Geburtsstadt zurück - und wohnt dann bezeichnenderweise in Mühlbach, ganz nahe an der Grenze zu Tschechien. Geboren und aufgewachsen ist er in der Marienstraße. Sein Vater hatte eine Schreinerei in der Wittelsbacher Straße, in dem Haus, das heute ein Antiquariat beherbergt. Auch das ist kein Zufall. Denn Rudolf Rogler wälzt regelmäßig dicke historische Bücher, die sich mit Deutschen und Tschechen beschäftigen.

Eine Gemeinsamkeit stellte Thomas Storch als Besucher des Vortrages und ebenfalls passionierter Forscher der Heimatgeschichte heraus: "Deutsche und Tschechen haben etwa gleiche Vorstellungen von weiblicher Schönheit." Das kann ein Grund dafür gewesen sein, dass Hans Rogler seine Frau in Asch gefunden hat. Sein Nachname war in der Nachbarstadt übrigens sehr verbreitet. Es gab unter anderem eine Roglerstraße und einen Roglerpark.

In der Selber Nachbarstadt wurde bis ins vergangene Jahrhundert hinein Deutsch gesprochen - wie auch im historischen Egerland und in Teilen von Böhmen. Neben der tschechischen Sprache gibt es in Böhmen seit dem Mittelalter deutsche Dialekte, im Egerland eine nordbairische Mundart. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass es zwischen den Königreichen Böhmen und Bayern schon seit etwa dem 13. Jahrhundert zwar eine Grenze zweier Herrschaften, aber keine Staatsgrenze gab.

Dieses harmonische Nebeneinander fand erst ein Ende, nachdem sich die Habsburger Böhmen einverleibt hatten und Ende des 19. Jahrhunderts Sprachverordnungen erließen. Und als Ende des Ersten Weltkrieges Wien und Berlin zu kooperieren schienen, fürchteten die Tschechen um ihre Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Es kam auch in Asch zu Protesten mit Verletzten und einigen Toten.

Am 21. Januar 1919 stellte der Rat von Asch den Antrag: Deutsch-Böhmen solle Mitglied des deutsch-österreichischen Staates sein. Der wollte allerdings den gesamten jungen Staat übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt war Hans Rogler bereits Tscheche. Denn auch eine andere Idee bei den Friedensverhandlung war gescheitert: ein Tausch des Ascher Ländchens mit der Region um Furth im Wald zwischen Tschechen und Deutschen. Schließlich sprach das böhmische Staatsrecht gegen einen Sonderfall im Ascher Ländchen mit dem Grundsatz "Böhmen muss beieinander bleiben".

Eine Sonderstellung hatte dieser kleine Zipfel in jedem Fall. Er bewahrte sich nämlich unter anderem den protestantischen Glauben im katholischen Habsburgerreich. Diesen Glauben wollte Jan Masaryk ebenso anerkennen wie die Mehrsprachigkeit. Der im Jahre 1886 in Prag geborene Wissenschaftler und Politiker wird heute als Gründer des ersten tschechischen Staates gefeiert.

Anhand seiner Biografie verdeutlichte Rudolf Rogler die Leistungen von Masaryk. "Er ist mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges vom Philosophen zum Machtpolitiker geworden und hat aus dem Ausland den Widerstand gegen die alten Regenten organisiert." Der spätere Präsident hasste die Habsburger als Unterdrücker und betrachtete Deutschland als undemokratischen Staat. Unterstützt vom damaligen amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, gelang es Masaryk, am 28. Oktober 1918 aus dem Exil heraus den ersten tschechischen Staat zu gründen nach dem Vorbild der Schweiz als Vielvölkerstaat. Am 14. November wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. Die Hälfte der Bevölkerung waren Tschechen, 23 Prozent - etwa drei Millionen - Deutsche, 15 Prozent Slowaken, 5,5 Prozent Ungarn und 3,5 Prozent Karpato-Russen. Masaryk verstand sich als aufgeklärter Sozialdemokrat und verurteilte unter anderem die Intoleranz der katholischen Kirche.

In diesem ersten tschechischen Staat lebten die Deutschen zwischen den Kriegen relativ frei. "Nach Vorankündigung mittels Postkarte hat meine Oma aus Asch die Eltern in Selb besucht", erinnerte sich Rudolf Rogler. Großvater Hans, auf Tschechisch Jan, arbeitete als Maurer bei Rosenthal. Asch sei aber für viele Selber eine Art Ort der Sehnsucht geblieben. Diese konnten die Menschen mehr oder weniger gut stillen bis zum Jahr 1938, dem Jahr der Ausweisung oder Vertreibung. Jan Masaryk war von 1940 an Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung und behielt dieses Amt in der ersten kommunistischen Regierung der damaligen CSSR von 1945 bis zum seinem möglicherweise gewaltsamen Tod im Jahr 1948.

Zum Abschluss seines Vortrages betonte Rudolf Rogler dessen Leistung: "Wenn sich die Tschechen mit Masaryk beschäftigen, können wir optimistisch in die Zukunft blicken."

Autor

Wolfgang Neidhardt
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 02. 2019
16:34 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Demokratische Defizite und Missstände Erster Weltkrieg (1914-1918) Flucht und Vertreibung Haus Habsburg Mehrsprachigkeit Naturfreunde Staatsrecht Tschechische Sprache Väter Weltkriege Wikipedia Woodrow Wilson
Selb
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Jetzt muss er das Fleisch nur noch auf den Punkt garen: Johannes Sandner.

16.02.2018

Ein Selber am Fuße des Koch-Olymp

Johannes Sandner lernt bei Christian Jürgens am Tegernsee. Der zeigt sich als Star ohne Allüren. Das Talent des ehrgeizigen Schülers hat er bereits erkannt und gewürdigt. » mehr

Innovativ und für Sportler attraktiv:Ungefähr so könnte er aussehen, der Pumptrack- und Bikepark an der Ascher Straße.

01.06.2017

Selb will Mekka der Biker werden

Schon in diesem Sommer soll ein Pumptrack-Park an der Kreuzung Christian-Höfer-Ring/Ascher Straße entstehen. Der Stadtrat begrüßt einhellig das Projekt, Sponsoren stehen bereit. » mehr

Die Reservistenkameradschaft Selb-Schönwald stand Spalier zur Kranzniederlegung am Denkmal am Goldberg in Selb.	Foto: Uwe von Dorn

18.11.2018

Die Toten mahnen zum Frieden

Am Volkstrauertag geht es nicht nur um die Opfer der Weltkriege. Vielmehr gehe es um einen Auftrag für die Zukunft, sagt etwa der Selber Oberbürgermeister. » mehr

Künstler und Kunstschaffende aus der Region beim Creativ-Meeting im Selber Rathaus. Foto: pr.

25.09.2018

Bauhaus-Jubiläum im Mittelpunkt

Die Selb 2023 gGmbH plant beim dritten Creativ-Meeting das Programm für das kommende Jahr. Es trägt das Motto "Grenzenlos kreativ". » mehr

Eröffneten gemeinsam die Ausstellung im Marie-Bauer-Sozialzentrum (von links): Hannelore Heyne vom Kunstverein Hochfranken Selb, Ursula Schneider, stellvertretende Sozialdienstleiterin, Friedrich Bischoff und Sigurd Bischoff. Foto: Silke Meier

21.09.2018

Wenn der Vater mit dem Sohne Kunst macht

In Selb zeigen Sigurd und Friedrich Bischoff ihre Arbeiten. Sie treten mit den Betrachtern in einen künstlerischen Dialog. » mehr

Bei der Silberhütte begannen die Selber Naturfreunde ihre Gipfeltour.	Foto: pr.

02.08.2018

Naturfreunde erklimmen den Rabenberg

Selb - Eine interessante Gipfeltour im Oberpfälzer Wald und in Böhmen haben die Sonntagswanderer der Naturfreunde Selb absolviert, nachdem sie ein vollbesetzter Kleinbus bis zum Skilanglaufzentrum Silberhütte gebracht ha... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Klimademo in Hof Hof

Klima-Demo in Hof | 22.02.2019 Hof
» 61 Bilder ansehen

Black Base - Mens Night

Black Base - Mens Night | 16.02.2019 Hof
» 59 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Starbulls Rosenheim 4:0 Selb

Selber Wölfe - Starbulls Rosenheim 4:0 | 22.02.2019 Selb
» 49 Bilder ansehen

Autor

Wolfgang Neidhardt

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
04. 02. 2019
16:34 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".