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Wenn dem Oberfranken der Ranzen platzt

Gert Böhm liest in Selb aus seinem neuen Buch. Alle 60 Geschichten handeln vom Essen und Trinken.



Gert Böhm bei der Lesung in der Buchhandlung Nerb. Foto: Wolfgang Neidhardt
Gert Böhm bei der Lesung in der Buchhandlung Nerb. Foto: Wolfgang Neidhardt  

Selb - Heiteres ist besonders gefragt in diesen Tagen, wenn es draußen grau und bald dunkel wird. Da kommen neue Geschichten zum Schmunzeln gerade recht. Mit ihnen wagt sich der Autor auch in "fremde Sprachwelten" - was den Dialekt betrifft: Gert Böhm hat nun in der Buchhandlung Nerb in Selb den jüngsten, neunten Band seiner "Gschichtla" im Hofer Dialekt vorgestellt. Seine Bedenken, dass im Sechsämterland sein Idiom nicht verstanden werden könnte, erwiesen sich allerdings als unbegründet.

Denn die zentralen Begriffe sind in beiden Dialekten nahezu deckungsgleich: etwa die Schlachtschüssel. Um sie dreht sich das Geschehen in gleich drei der sechs kurzen Erzählungen, die der Journalist und Buchautor in Selb zum Besten gibt. Alle 60 Geschichten in dem Büchlein mit dem Titel "Broodwärschd, Fassbier, Bressaggbreedla" handeln vom Essen und Trinken, und die sollen dem Franken ja nahezu heilig sein - vor allem in ihrer regionstypisch deftigen und fleischigen Form.

Und so verteidigt ein Schlachtschüssel-Liebhaber im Wertshaus sein Lieblingsmahl gegen einen veganen Eindringling aus Berlin in lieblich-radikaler Weise: Er richtet den Schnerpfl der Leberwurst "in Nahkampfposition" exakt auf den Nachbarn - und sendet als geübter Schütze exakt eine Ladung der Köstlichkeit auf dessen weißes Hemd.

Die frankentypische Skepsis gegenüber vermeintlich gesundem Essen lässt Böhm auch seiner Figur, den "Gerch", erleben. Dessen Frau serviert ihm eines Tages "makrobiologisches Essen", unter anderem mit Molke, Tofu-Aufstrich und Grünkernbrätling. Dessen Anblick beunruhigt den Geschockten regelrecht: "Do is mer scho beim Hieschaua olber worn!" Auch in dieser Situation findet Böhms Figur die sympathische Lösung: Knäckebrot löst bei ihm einen Hustenanfall aus - ein eindeutiges Signal, dass der Mann so etwas nicht verträgt. Auf die Spitze treibt der Autor das Thema bei der Schilderung der weihnachtlichen Völlerei, an deren Ende dem Oberfranken der Ranzen platzt: "Er ist knapp an der Notschlachtung vorbeikumma."

Mit solchen Geschichten erreicht der Autor gleich mehrere Ziele. Nicht nur, dass er "einfach den Leuten eine Freude machen will"; Gert Böhm sieht sich auch als Bewahrer regionaler Identität, die in der digitalen Welt von heute verloren zu gehen droht. "Dabei ist die Sprache, der Dialekt, ein entscheidender Faktor, die Basis für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft." Kindern, so meint er, würde es nicht schaden, wieder mehr in Mundart zu reden.

Die pflegt der Autor seit über 50 Jahren. Jede Woche seit 1966 liefert er der Hofer Ausgabe der Frankenpost einen Beitrag für die Rubrik des "Spaziergängers". Das hat er vor vielen Jahren auch schon von der Hängematte am Amazonas oder von den Philippinen aus getan. Heute schreibt er in der Regel in seinem Haus in Sigmundsgrün bei Rehau. Über 2800 kleine Geschichten sind in dieser ältesten Mundartkolumne aller bayerischen Zeitungen erschienen. Die Antwort auf die mögliche Frage nach dem Quell für seine Erzählungen nimmt Gert Böhm bei der Lesung in Selb selbst vorweg: "So lange es Menschen gibt, gibt es Geschichten."

Autor

Wolfgang Neidhardt
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
09. 12. 2019
16:36 Uhr

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Wolfgang Neidhardt

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Veröffentlicht am:
09. 12. 2019
16:36 Uhr



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