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Selb

Wohin die Porzellan-Reise geht

Über neue Aufgaben für das alte Material sprechen Designer in Selb. Umwelt- und Ressourcenprobleme geben dem Weißen Gold als Ersatz für Metall und Plastik eine wichtige Rolle.



Mit Terrakotta ließ Renzo Piano die Fassade dieses Bürogebäudes südlich des Potsdamer Platzes in Berlin verkleiden. Foto: Hubert Link, dpa
Mit Terrakotta ließ Renzo Piano die Fassade dieses Bürogebäudes südlich des Potsdamer Platzes in Berlin verkleiden. Foto: Hubert Link, dpa   » zu den Bildern

Selb - Design und Porzellan müssen helfen, globale Herausforderungen zu bewältigen: Das betonten bekannte Experten verschiedener Generationen, als sie in Selb über das Thema "Woher - wohin? Vorbilder, Themen und Prozesse der Porzellangestaltung gestern und heute" diskutierten. Das Porzellanikon hatte anlässlich des Bauhaus-Jahres und der großen Sonderausstellung "Reine Formsache" zu einem Fach-Talk geladen.

 

?In welchen Bereichen ist
Porzellan künftig vertreten?

Keramik sollte viel stärker der Schonung von Ressourcen dienen. Dafür plädieren Porzellanikon-Leiter Wilhelm Siemen und Professor Martin Kelm, in der ehemaligen DDR Leiter des Amtes für industrielle Formgestaltung. Fast spurlos ging die Zeit an Keramikfassaden der 1998 eröffneten Renzo-Piano-Gebäude südlich des Potsdamer Platzes vorüber, erklärte Christa Petroff-Bohne, früher Professorin an der Weißensee-Kunsthochschule Berlin: "Keramik ist momentan ein Material, das die Erde noch bietet. Es wäre hilfreich, daraus mehr Produkte zu entwickeln, die bislang aus Metall oder Plastik gemacht werden", sagt Petroff-Bohne. Schon in den 1970er-Jahren ermutigte sie ihre Studenten, nicht nur Geschirr aus Porzellan und Keramik zu entwickeln. "Dieser Gedanke ist heute aktueller denn je."

?Wie hoch ist in der
Porzellanproduktion heute der Anteil an Geschirr?

Geschirr mache heute nur noch 50 Prozent aus, erklärt Barbara Schmidt, Designerin bei Kahla-Porzellan in Thüringen und Professorin an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Schmidt möchte alle Studenten befähigen, mit dem Material Porzellan arbeiten zu können. "Dieser frische Blick ist wertvoll." Der ökologische Beitrag, den Designer zu leisten hätten, bestehe darin, auf ästhetische Haltbarkeit zu achten. "Wir müssen Dinge so herstellen, dass wir sie gerne lange benutzen", betont Schmidt. Daher sollten Designer von Anfang an in die Produktentwicklung eingebunden sein, statt nur "fürs Dekor" herangezogen zu werden, fordert Moderator Dr. Kilian Steiner von Bayern Design.

 

?Welche Bedeutung hat Tafel- und Geschirrkultur noch?

Früher sei ein Service rund um Kaffeekanne, Zuckerdose und Sahne-Gießer aufgebaut worden. "So etwas Komplexes braucht keiner mehr", macht Barbara Schmidt klar. Geschirr-Serien, die zu heutigen Lebensbedingungen passten, seien modular aufgebaut. Schmidt zitiert den finnischen Designer Kaj Franck: "Zerschlagt euer Ess-Service!" Vorbei die Zeit, in der edles Porzellan als Statussymbol galt - nur Köche der Top-Gastronomie legten darauf noch Wert. Schmidt betont: "Studierende pflegen den interkulturellen Dialog - es besteht kein Mangel an Inspiration." Erfahrungsbasiertes Arbeiten sei das A und O; in i Berliner Seminaren diskutierten alle Kulturkreise, wie man Speisen heute in Madrid oder Hongkong serviere. Der "fitte, gute und hungrige" gestalterische Nachwuchs aus China und Korea komme bewusst an europäische Hochschulen, um Wissen abzufragen. "Lauf der Dinge" sei, dass die Absolventen das Know-how in ihren Heimatländern weitergäben. Schmidt: "Wir betreiben Design-Export."

 

?Welche Rolle spielt Meissen, die älteste Porzellan-Manufaktur Europas?

Meissen, seit der Gründung im Jahr 1710 bekannt für Kunsthandwerk, arbeite für "ausgesuchte Kundschaft", erklärt Wilhelm Siemen. Heute gebe es den Ansatz, sich den Markt der hohen Gastronomie zu erschießen, erklärt Firmen-Designerin Lena Hensel. Die Kernfrage, mit der sich Gestalter der Burg Giebichenstein wie Forscher des Fraunhofer Instituts beschäftigten, laute: "Wie können wir Porzellan so designen, dass es Menschen heute wieder etwas bedeutet?" Bei Meissen bestimme der Blick auf das wertvolle kulturhistorisch Erbe den Umgang mit der auf Langlebigkeit ausgelegten Marke. "Wir möchten die Meissener DNA-Fackel weitergeben", betont die junge Designerin. Doch es gebe auch Versuchsreihen mit Miniatur-Vasen: Hier würden barocke Formen zwar mit Meissen-Farben, aber abstrakten Erscheinungsbildern gestaltet. "Das ergibt ein Spannungsfeld, in dem wir die Zeitachse überspringen." In der Ausbildung findet Hensel handwerklich-künstlerische Grundlagen ebenso wichtig wie neue Technologien, zum Beispiel 3D-Druck.

 

?Gibt es Porzellan-Alternativen zu Einweg-Geschirr?

Wilhelm Siemen und Christa Petroff-Bohne verfolgen diese Idee schon lange. Kurz nach der Wende erklärte sich Rosenthal bereit, das Projekt zu verwirklichen. Daraufhin recherchierte eine Studentin, wie viel Einweg-Geschirr in einer einzigen Filiale einer Fast-Food-Kette in 24 Stunden im Müll landet. Doch das Unternehmen machte vor Gericht Druck, um die Veröffentlichung zu verhindern. Der Name der Kette sowie alle relevanten Daten mussten in der Arbeit geschwärzt werden, die geplante Kooperation platzte. "Die Hochschule hätte einer Schadensersatzklage finanziell nicht standhalten können", erklärt Petroff-Bohne. "Das darf nie wieder passieren - inzwischen ginge das auch nicht mehr", sagt Siemen.

Allerdings landeten heute weltweit 320 000 Pappbecher pro Stunde im Müll, sagt Barbara Schmidt. Gedankenlose Studierende kämen sogar mit Coffee-to-go-Bechern ins Green Lab, um zu diskutieren, wie Designer zu ökologischem Verhalten verführen könnten, ohne zu belehren. "Es braucht auch politische Vorgaben."

 

?100 Jahre Bauhaus, 1000
Veranstaltungen: Wie wirkt diese Ideen-Lehre weiter?

Die vielen Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr findet Martin Kelm zu museal: "Bauhäusler würden heute eher den Zusammenhang zu den Weltproblemen herstellen und an ihrer Lösung arbeiten."

 

?Welche Aufgabe hat Design angesichts der Weltprobleme?

Die Bevölkerungszahl in Afrika werde sich in zehn bis fünfzehn Jahren verdoppeln, Bangladesch wachse ebenfalls rasch, warnt Martin Kelm. Das stelle die Welt vor gigantische Herausforderungen, unter anderem fehlten Millionen Wohnungen. Erschwerend hinzu kämen die zerstörte Umwelt sowie bedrohte Arten. "Für Architekten und Designer ergeben sich Riesen-Aufgaben." Deshalb müsse der Blick in allen Disziplinen - auch in der Keramik - weit über den eigenen Horizont hinaus gehen, fordert der 89-jährige Vordenker Kelm.

 

?Gab es im geteilten Deutschland Austausch zwischen
Ost- und West-Designern?

Zwar kam es selten zu Kooperationen, aber 1984 eröffnete Philip Rosenthal eine Ausstellung in der DDR, erzählt Martin Kelm: "Er war mein Gast." Rosenthal wollte einen DDR-Designer in seine Studio-Linie aufnehmen - Kelm empfahl Christa PetroffBohne. Es kam tatsächlich zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit. "Das hat mich sehr gefreut", erzählt Petroff-Bohne. Die Professorin der Kunsthochschule Weißensee entwickelte ein Teeservice für die Studio-Linie. In der Regel sei der Austausch jedoch auf wenige Delegationen ins westliche Ausland beschränkt gewesen. Um dies auszugleichen, besorgte Martin Kelms Amt für Formgestaltung der Kunsthochschule Weißensee maßgebliche Literatur. Christa Petroff-Bohne: "Wir hatten die größte Design-Bibliothek der Welt."

Autor

Brigitte Gschwendtner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
16. 05. 2019
18:48 Uhr

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Brigitte Gschwendtner

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Veröffentlicht am:
16. 05. 2019
18:48 Uhr



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