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Wuchtige wie kraftvolle "Carmina Burana"

Im Rosenthal-Theater liefern der Chor Vocanta aus Erlangen und das Münchner Schlagwerk-Ensemble eine reife Leistung ab.



Großartige Leistungen bei "Carmina Burana": das Münchner Schlagwerk-Ensemble und der Chor "Vocanta" aus Erlangen, unterstützt vom Jugendchor und dirigiert von Thomas Gropper. Links vorne die Solisten Sibrand Basa (Tenor), Andreas Burkhart (Bariton) und Judith Spießer (Sopran, von links). Foto: Jürgen Henkel
Großartige Leistungen bei "Carmina Burana": das Münchner Schlagwerk-Ensemble und der Chor "Vocanta" aus Erlangen, unterstützt vom Jugendchor und dirigiert von Thomas Gropper. Links vorne die Solisten Sibrand Basa (Tenor), Andreas Burkhart (Bariton) und Judith Spießer (Sopran, von links). Foto: Jürgen Henkel  

Selb - Wenn in irgendeinem Konzertsaal oder auf einer Bühne satt klangvolle Pauken ertönen und der laute Ruf "O Fortuna" im Tutti aller Instrumente und Stimmen erklingt, dann ist es wieder einmal soweit: Die wohl unsterblichen "Carmina Burana" von Carl Orff werden aufgeführt. Am Samstag kam das Publikum im Rosenthal-Theater in den Genuss dieses heute viel zu selten zu hörenden Werks. Der Abend bot ein echtes Hörerlebnis, ja ein musikalisches Ereignis. Massiv, wuchtig und kraftvoll mit Mut zum Tempo inszenierte Thomas Gropper am Dirigentenpult diese ganz besondere Orff-Komposition.

Der lateinische Titel "Carmina Burana" bezeichnet auf Deutsch "Beurer Lieder" oder "Lieder aus Benediktbeuern". Der Komponist Carl Orff (1895 bis 1982) hat diese szenische Kantate 1935 aus einer Sammlung im elften und zwölften Jahrhundert entstandener Lied- und Dramentexte geformt, die im Original auf Mittellateinisch oder Mittelhochdeutsch verfasst waren. Die "Carmina" wurden Orffs Meisterwerk und gleichzeitig eines der populärsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts.

Die hier von Carl Orff für großen Chor und Orchester aufbereiteten Lieder aus dem Mittelalter sind teilweise Tanzrhythmen, etwa beim Reigen, dann aber auch regelrecht wilde und berauschende Chöre. Schließlich wird immer wieder auch zarteste Liebeslyrik hörbar, etwa beim "Chume, chum, Geselle min" - "Komm, komm, Geselle mein" - ein zu Herzen gehender Ausdruck ergreifenden Liebeswerbens. Und auch das Mittelalter hatte Humor und nahm so manchen Zechbruder in der Soutane genüsslich aufs Korn. Deftig und zünftig wird es dann. Das zeigt, dass Satire und Persiflage keine Erfindung der Neuzeit sind, sondern schon im hohen Mittelalter manchem die Zunge locker saß, wenn es darum ging, "Pfaffen" und Obrigkeit zu veralbern.

Unvergessen bleibt aus den "Carmina" wohl auf ewig das ironische und larmoyante "Ego sum abbas", wo es zu fast liturgischer Melodie heißt: "Ich bin der Abt von Cucanien, meinen Rat halte ich mit den Säufern, geneigt bin ich dem Orden des Würfelspiels." Oder das augenzwinkernde "In taberna quando sumus" - "Wenn wir in der Schenke sitzen". Da bekommen Herr und Herrin, Knecht und Magd, Ritter und Priester durchaus ihr Fett ab, heißt es dort: "Auf den Papst und auf den König, trinkt niemals jemand zu wenig! Es trinkt die Herrin, trinkt der Herr, trinkt der Ritter, trinkt der Klerus, trinkt der Knecht mitsamt der Magd." Lebensfreude, Menschenkenntnis und Zeitkritik dringen hier aus dem Mittelalter direkt in den heutigen Gehörgang ein.

Die Musiker, Sängerinnen und Sänger schaffen es am Samstag unter der Stabführung von Thomas Gropper brillant und bravourös, Wucht und Witz, Charme und Chuzpe, Temperament und Tiefgang dieser szenischen Kantate ins Selber Rosenthal-Theater zu zaubern. Eine mitreißende Interpretation wird hier geboten: rasant oder zart, wo und wie jeweils nötig, je nach Vorlage und Szene mit feiner Frottee oder explosiver Energie gestrickt, mutig und munter, immer aber präzise am Orff’schen Original orientiert.

Wahre tonale Wirbelstürme entfacht dabei das Ensemble "Schlagwerk München". Die jungen Musiker zaubern und glänzen an diesem Abend, ob mit intensiven Einzelimpulsen oder im genauso fordernden Forte. Die große Trommel nimmt dabei eine wichtige Rolle ein.

Der über 60 Sängerinnen und Sänger starke Chor "Vocanta" aus Erlangen ergänzt dieses tonale Energie-Kraftwerk und den fulminanten Auftritt des "Schlagwerks" aus München kongenial. Da stimmen die Einsätze, die Artikulation und die Lautstärke, und es wird selbst im Chorgesang noch Lautmalerei und in lauten wie leisen Szenen noch formvollendete Interpretation hörbar. Vom häufigen Forte-Feuer, das Orff in diesem Werk hochzieht, bis zum seltenen, aber doch vorkommenden rührig-anrührenden Pianissimo - der Chor zeigt an diesem Abend, was er kann. Und er kann viel. Im zweiten Teil ergänzen dann über zwanzig Kinder der Jugendabteilung des Erlanger Chors höchst engagiert die Darbietungen.

Auch die Vokal- und Instrumentalsolisten vermögen an diesem Abend in Selb zu überzeugen und gleichzeitig zu imponieren. Da ist der souveräne junge Bariton Andreas Burkhart, der in mancher Szene sogar auf Altus-Höhe steigt. Dann die eindringliche wie strahlende Sopranistin Judith Spießer. Schließlich der Tenor Sibrand Basa, der seine kurze Szene für einen komischen wie kuriosen Auftritt nutzt und dabei zur Freude des Publikums auch theatralisches Talent einbringt.

Mirjam von Kirschten und Heiko Stralendorff schließlich bilden an den beiden Flügeln eine meisterhafte Verbindung. Sie streichen unbeirrt den Grundrhythmus dieses genialen Orff-Werks heraus und lassen sich dabei auch vom durchaus dominanten "Schlagwerk-Ensemble" weder beeindrucken noch unterkriegen.

Diese "Carmina Burana" waren wunderbar einstudiert, gesungen und musiziert. Ein ganz großartiges, beglückendes Konzerterlebnis. Dass die vier Chöre von Robert Schumann im Vorprogramm in der Einstudierung und unter der Leitung von Joachim Adamczewski bereits zu ergötzen wussten, mag angesichts der späteren Leistung aller Beteiligten bei den "Carmina Burana" nun nicht wirklich zu verwundern. Auch hier wechselten sich schon Klangfarben von hauchzart-heiter über lebhaft-quirlig bis zu heißblütig-hitzig in fröhlichem Wechsel ab.

Autor

Jürgen Henkel
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Veröffentlicht am:
03. 11. 2019
16:06 Uhr

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Autor

Jürgen Henkel

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Veröffentlicht am:
03. 11. 2019
16:06 Uhr



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